MEINUNG

Allergie und Asthma: Kuhmilch, Antikörper oder Bakterienlysate fürs Immuntraining? Eine Expertin über neue Therapien

Dr. Doris Maugg

Interessenkonflikte

24. Juli 2023

Prof. Dr. Dr. Erika von Mutius ist Kinderärztin und Professorin für Pädiatrische Allergologie und Pneumologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital, München, und Leiterin des Instituts für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz Zentrum München. Im Laufe ihrer Forschungskarriere etablierte sie die Bauernhofkinder-Hypothese und konnte in verschiedenen Studien zeigen, dass Kinder, die auf einem Bauernhof mit Milchkühen aufwachsen, seltener von Asthma, Allergien und Atemwegsinfekten betroffen sind.

In den letzten Jahren stellte sich immer mehr heraus, dass der Konsum unbehandelter Kuhmilch in den Bauernhofstudien vor Asthma und Allergien schützt, der Effekt jedoch bei abgekochter Milch verloren geht. Rohmilch kann aber nicht zur Vorbeugung empfohlen werden, weil sei krankmachende Keime wie z.B. EHEC enthalten kann. In der aktuell laufenden MARTHA-Studie wird versucht, die Schutzeffekte der Milch durch eine schonende Behandlung zu bewahren.

Prof. Dr. Dr. Erika von Mutius. Helmholtz Munich ©Matthias Tunger

Medscape: Frau von Mutius, ein Training des Immunsystems durch die Exposition mit Bakterien kann der Entstehung von Asthma und Allergien vorbeugen. Wie ist der aktuelle Stand der Forschung?

von Mutius: Bei Asthma bronchiale hat man neue Ansatzpunkte. Es gibt interessante klinische Studien, die mit sogenannten bakteriellen Lysaten gemacht worden sind. Das sind Bakterien, meistens aus dem oberen Atemwegstrakt, die unschädlich gemacht wurden. Diese Lysate wurden sublingual verabreicht. Damit könnte man bei Kindern eine Stimulation oder ein Training des angeborenen Immunsystems erreichen. In Deutschland ist bisher nur ein Präparat mit bakteriellen Lysaten zugelassen.

Es gibt erste Hinweise, dass solche Lysate auch beim Heuschnupfen helfen. Aber das ist alles Forschung. Zur MARTHA-Studie kann ich momentan nicht viel sagen, da sie aktuell noch läuft. Ich schätze, nächstes Jahr werden wir die ersten Auswertungen haben.

Medscape: Spielt hier auch das Darm-Mikrobiom eine Rolle, oder geht es vielmehr um das Atemwegsmikrobiom?

von Mutius: Bei den bakteriellen Lysaten geht das Training mehr über die Atemwege. Diese Lysate enthalten Keime, die aus dem oberen Atemtrakt kommen, wesentlich Rachenkeime.

 
Das Darm-Mikrobiom spielt aber auch eine Rolle bei der Entstehung von Asthma und Allergie. Es ist aber nicht klar, wie man es beeinflussen kann. Prof. Dr. Dr. Erika von Mutius
 

Das Darm-Mikrobiom spielt aber auch eine Rolle bei der Entstehung von Asthma und Allergie. Es ist aber nicht klar, wie man es beeinflussen kann. Bei den Probiotika ist das Problem, dass sie meistens wieder verschwinden, wenn die Einnahme beendet wurde. Die probiotischen Keime siedeln sich nicht wirklich an.

Ich persönlich finde diese Mikrobiom-Studien extrem interessant. Aber ich glaube, dass wir erst an der Oberfläche kratzen. Wir haben noch nicht verstanden, wie das eigentlich geht und was die wesentlichen Faktoren sind.

Medscape: Was macht die Forschung daran so herausfordernd?

von Mutius: Die Datenlage zu den Probiotika und Präbiotika ist vor allem bei pädiatrischen Patienten mau, auch, weil Asthma schwer zu untersuchen ist, vor allem wenn es um Prävention geht. Eigentlich kann man erst ab einem Alter von 5 Jahren mit Sicherheit sagen, ob das Kind ein Asthma hat oder nicht. Solche Studien werden sehr schnell sehr kostspielig.

 
Eigentlich kann man erst ab einem Alter von 5 Jahren mit Sicherheit sagen, ob das Kind ein Asthma hat oder nicht. Prof. Dr. Dr. Erika von Mutius
 

Zu den Lysaten, die das Atemwegsmikrobiom betreffen, gibt es eine groß angelegte Studie in den USA, die ORBEX-Studie. Dort wird versucht, diese bakteriellen Lysate als Primärprävention zu verabreichen. Die Ergebnisse werden 2025 erwartet.

Medscape: Kürzlich wurde eine Leitlinienneuerung zu Asthma veröffentlicht mit einem Kapitel zur Berufswahl und dem damit verbundenen Risiko, ein Asthma zu entwickeln. Kann das Jugendliche bei ihrer Berufswahl unterstützen?

von Mutius: Der Direktor des Instituts und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der LMU München, Prof. Dr. Dennis Nowak, hat zusammen mit Kollegen das Portal www.allergierisiko.de entwickelt. Mit Hilfe eines Scores kann man dort das eigene Risiko berechnen, was die Folgen daraus wären und welche Berufe ein höheres oder mittleres Risiko haben. Das ist in den Leitlinien in Kategorien aufgezeigt.

Es hat sich aber gezeigt, dass jemand, der einen positiven Allergietest, ein Asthma oder eine bronchiale Hyperreagibilität hat, sich nicht unbedingt davon abhalten lässt, einen bestimmten Beruf zu wählen. Es hält die Patienten auch nicht davon ab, das Rauchen anzufangen.

Medscape: Wie kann es gelingen, die psychische Belastung, die durch die Asthma-Erkrankung entsteht, von Patienten und deren Angehörigen zu mindern?

von Mutius: Der Punkt ist, dass Atemnotattacken einfach Angst machen. Stellen Sie sich vor, Sie kriegen keine Luft mehr, oder Sie sind ein Elternteil und das Kind kriegt keine Luft. Es ist Nacht, es ist Wochenende. Sie sind allein, es ist kein Arzt da, aber das Kind kriegt keine Luft. Das macht natürlich Angst und belastet Familien erheblich.

 
Mit Asthma-Schulungen kann man einiges erreichen und auch, indem man sich Zeit nimmt für die Familien Prof. Dr. Dr. Erika von Mutius
 

Mit Asthma-Schulungen kann man einiges erreichen und auch, indem man sich Zeit nimmt für die Familien, nicht nur für die Mütter, sondern auch für die Väter oder die Großeltern, je nachdem, wer in die Betreuung involviert ist. Man muss die Eltern aufklären, was sie in solchen Situationen tun können, damit sie eine gewisse Eigenständigkeit in der Notfallbehandlung bekommen. So können sie Atemnot in den Griff bekommen, damit das Kind nicht ins Krankenhaus muss. Das tut weder dem Kind noch der Familie gut. Asthma-Schulungen können den Familien helfen, Krankenhauseinweisungen zu vermeiden.

Medscape: Und was mache ich als Angehörige in dem Fall einer Atemnotattacke?

von Mutius: Man muss der Sache zuvorkommen, das heißt: schnell reagieren mit entsprechenden Inhalationen und mit Medikamenten. Das lässt sich in aller Regel sehr gut machen. Wenn die Angehörigen eine Sicherheit bekommen, wie sie eine Atemnot frühzeitig abfangen können, damit das Kind nicht mehr ins Krankenhaus muss, stärkt das die Familien. Es gibt auch den Kindern eine Kompetenz. Sie wissen dann genau, was sie brauchen oder was nicht. Das ist ein Prozess, bei dem man die Familie begleiten muss.

Medscape: Was kann der Hausarzt oder Kinderarzt tun?

von Mutius: Der Hausarzt oder der Kinderarzt muss natürlich die aktuellen Sachen behandeln und hat in der Regel nicht so viel Zeit. In der Spezialambulanz sehe ich die Patienten etwa alle 3 bis 4 Monate und bespreche, wie sie mit den Medikamenten zurechtkommen, ob sie vielleicht mehr Dauermedikamente brauchen, sprich tägliche Inhalationen, und, ob die Dosierung angepasst werden muss. Damit kann man die Beschwerden in den Griff kriegen. Für diese Sachen hat man in einer Spezialambulanz mehr Zeit als der Niedergelassene.

Medscape: Wann ist eine Biologika-Therapie mit einem monoklonalen Antikörper sinnvoll?

von Mutius: Biologika sind wirklich eine Neuerung in der Asthma-Therapie. In der Erwachsenen-Therapie hat die Anwendung von Biologika rasante Fortschritte mit sich gebracht. Wenn man ein Kind mit einem schweren Asthma hat, was selten ist, kann man Biologika einsetzen. Aber die meisten Wirkstoffe sind für junge Kinder bisher nicht zugelassen. Man muss die Eltern aufklären und sagen, dass die Zulassung nicht erfolgt ist und dass dies nicht zwingend etwas damit zu tun hat, dass die Kinder mehr Nebenwirkungen haben – was man vielleicht noch nicht weiß – sondern, dass das aufgrund von Firmenpolitik erfolgt ist.

Diese Therapie ist auch extrem teuer. Im Moment ist die Zulassung auf schweres Asthma konzentriert, da sind auch die meisten Studien gemacht worden. Andere Patienten sind meist mit der üblichen Medikation, also der Kombination aus inhaliertem Kortison und langwirksamen Bronchodilatatoren, gut eingestellt. Bei schweren Asthmatikern ist der Bedarf da. Ich hoffe, dass im Verlauf weitere Zulassungen möglich sind.

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