Retinopathie-Progression: Patienten benötigen unter Semaglutid s.c. engmaschige Überwachung durch Augenärzte

Miriam E. Tucker

Interessenkonflikte

24. März 2023

Ein potenziell leicht erhöhtes Risiko für die Verschlechterung einer Retinopathie unter Semaglutid-Injektionen (Ozempic®, Novo Nordisk) wiegt den kardiovaskulären Benefit dieses GLP-1-Agonisten bei Typ-2-Diabetes nicht auf. Diese Schlussfolgerung basiert auf den Daten einer Metaanalyse der 7 wichtigsten Studien zum kardiovaskulären Outcome aktuell verfügbarer GLP-1-Agonisten. Ergebnisse der Studie unterstrichen die Notwendigkeit einer sorgfältigen augenärztlichen Untersuchung vor Therapiebeginn und einer kontinuierlichen Überwachung der Netzhaut, sagen die Forschenden.

Alle Details hat Dr. Stewart G. Albert von der Saint Louis University School of Medicine in Missouri zusammen mit Kollegen kürzlich in Diabetes & Metabolic Syndrome veröffentlicht [1].

Frühere Hinweise auf Verschlechterungen bestehender Retinopathien

Erstmals kamen bei der SUSTAIN-6-Studie zu kardiovaskulären Ergebnissen unter Semaglutid-Injektionen Bedenken auf, dass sich eine Retinopathie durch die Medikation mit einem GLP-1-Agonisten verschlechtern könnte. Allerdings deutete eine anschließende Analyse der Daten darauf hin, dass das Problem wohl eher auf die rasche Senkung des Blutzuckerspiegels bei vulnerablen Personen zurückzuführen war als auf einen spezifischen Effekt des Wirkstoffes. Dieser Effekt war auch bereits früher vor allem in der richtungsweisenden Studie „Diabetes Control and Complications Trial“ thematisiert worden.

„In dieser neuen Metaanalyse haben wir gezeigt, dass Verbesserungen des HbA1c-Wertes mit einem Rückgang der kardiovaskulären Ereignisse verbunden sind, aber auch einen Anstieg bei der Retinopathierate bedeuten“, so Albert gegenüber Medscape.

„Für die Klasse der GLP-1-Agonisten konnten wir keine Häufung oder Verschlechterung der Retinopathien feststellen. Der Effekt scheint auf keinem unmittelbar toxischen Effekt der Wirkstoffe zurückzuführen zu sein. Die erhöhte Retinopathierate wurde unter Semaglutid nach einem Jahr Therapie und bei einem Rückgang des Blutzuckerspiegels um 1% festgestellt“, erklärte er weiter. 

 
Für die Klasse der GLP-1-Agonisten konnten wir keine Häufung oder Verschlechterung der Retinopathien feststellen. Dr. Stewart G. Albert
 

Zudem sei die Risikoerhöhung vor allem bei denjenigen zu beobachten, die bereits zu Studienbeginn eine Retinopathie aufwiesen. „Es wäre daher ratsam, den Grad der Retinopathie entweder vor Therapiebeginn zu kennen oder mit der Einführung des Medikaments auch eine engmaschige augenärztliche Kontrolle einzurichten … Wir untersuchen Personen mit Typ-2-Diabetes jährlich auf Retinopathie. Nach unseren Daten verschlechtert sich eine Retinopathie nach einem Jahr der Medikamentenzufuhr. Wir wissen jedoch nicht, zu welchem Zeitpunkt während dieses Jahres sich die Veränderungen einstellen.“

In der Packungsbeilage von Ozempic® wird empfohlen, dass „Personen mit bekannter diabetischer Retinopathie auf eine Krankheitsprogression hin überwacht werden sollen.“ Es wird jedoch nicht ausdrücklich erwähnt, dass die Verhältnisse bereits zum Zeitpunkt der Einführung des Medikaments geklärt werden sollten.

Retinopathie-Risiko nicht generell für GLP-1-Agonisten erhöht

Die 7 Studien der Metaanalyse umfassten insgesamt 56.004 Personen mit einer Retinopathie-Prävalenz zwischen 9% und 31% zu Beginn der Behandlung.

Für die Klasse der GLP-1-Agonisten insgesamt konnte kein signifikanter Anstieg der Inzidenzrate (rate ratio, RR) der Retinopathie (RR 1,09; p=0,36) festgestellt werden, während die Inzidenzraten der schwerwiegenden unerwünschten kardialen Ereignisse, der Todesfälle insgesamt und der kardiovaskulären Todesfälle signifikant zurückgingen (alle p ≤ 0,001).

Das erhöhte Retinopathie-Risiko wurde nur bei Semaglutid s.c. beobachtet (RR: 1,73; p = 0,02).

Die „Number needed to harm“ (NNH; erforderliche Behandlungszahl, um Nebenwirkung hervorzurufen) lag in der Substanzklasse bei 1.000 und die „Number needed to treat“ bei 77 (NNT; erforderliche Behandlungszahl, um gegenüber einer Alternativmethode einen einzelnen positiven Ausgang zu erreichen). Für Semaglutid lagen diese Werte bei 77 bzw. 43.

Zwischen dem Rückgang der wichtigsten unerwünschten kardialen Ereignisse und der Senkung des Blutzuckerspiegels bestand ein signifikanter Zusammenhang (p=0,014), während das Risiko für eine Retinopathie mit der Senkung des Blutzuckerspiegels anstieg (p=0,076).

Semaglutid-Subanalyse belegt Zunahme der Retinopathie

Albert und Kollegen führten eine separate Subanalyse von 11 Studien mit 11.894 Personen zu Semaglutid durch. Davon ging es in 6 Studien (n=5.610) um Semaglutid per os (Rybelsus®) und in 5 Studien um Semaglutid s.c. (Ozempic®; n=6284).

In der Subanalyse zeigte sich insgesamt ein Anstieg der Inzidenzraten für eine neue oder sich verschlechternde Retinopathie (RR 1,218; p=0,049).

Die Veränderung der Inzidenzrate für die Retinopathie wurde vor allem registriert, wenn Semaglutid länger als 1 Jahr subkutan verabreicht wurde (RR 1,559; p=0,022) und der HbA1c-Wert um mehr als 1,0% sank (RR 1,590; p=0,016). Bei oraler Semaglutid-Gabe wurden keine derartigen Unterschiede festgestellt.

Eine weitere Auswertung der Daten ohne Berücksichtigung der SUSTAIN 6-Studie zeigte keine Effekte hinsichtlich einer Retinopathie, doch fehlte der Analyse die Aussagekraft.

„Wir haben bei keinem der Medikamente eine unmittelbar toxische Wirkung feststellen können. Wir können jedoch auch nicht ausschließen, dass es über längere Zeiträume zu einem kumulativen Effekt der Dosierungen kommt“, sagte Albert gegenüber Medscape.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

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