Therapie-resistente Depression: Solche Patienten werden später diagnostiziert, haben öfter Komorbiditäten – Todesfälle häufiger

Eve Bender

Interessenkonflikte

12. Januar 2023

Nach einer schwedischen Untersuchung ist die Therapie-resistente Depression signifikant mit psychiatrischen Begleiterkrankungen und einem höheren Sterberisiko verbunden. Zudem kann es über ein Jahr dauern, bis eine Therapie-resistente Depression (TRD) diagnostiziert ist. Die Ergebnisse wurden in JAMA Psychiatry veröffentlicht [1].

Prof. Dr. Johan Lundberg

In einer Populationsstudie mit über 145.000 Patienten nahmen Personen mit TRD doppelt so häufig ambulante Ressourcen in Anspruch und fehlten doppelt so oft am Arbeitsplatz wie Patienten, die auf eine Behandlung ansprachen. Außerdem kamen sie auf 3-mal so viele stationäre Krankentage.

 
Es sah so aus, als würden unwirksame Behandlungen länger fortgesetzt als nötig und auch als in den aktuellen Leitlinien empfohlen. Prof. Dr. Johan Lundberg
 

TRD-Patienten hatten überdies auch ein um 23% höheres Risiko, während der Beobachtungszeit zu sterben, als ihre Vergleichsgruppe ohne TRD-Depression. Auch die Quote an Selbstverletzungen war doppelt so hoch.

Schließlich dauerte es bei TRD-Patienten im Mittel 1,5 Jahre, bis sie 2 erfolglose Behandlungsversuche hinter sich hatten und ihren dritten begannen. Dieser Zeitraum lag mehrere Monate über dem, der zur Bewertung der Wirksamkeit einer Depressionsbehandlung empfohlen wird.

„Es sah so aus, als würden unwirksame Behandlungen länger fortgesetzt als nötig und auch als in den aktuellen Leitlinien empfohlen“, erklärte der Leiter der Untersuchung Prof. Dr. Johan Lundberg, Professor für Psychiatrie in der Abteilung für klinische Neurowissenschaften und Leiter der Abteilung für Stimmungsstörungen an der Psychiatrischen Klinik Nord Stockholm, gegenüber Medscape.

 
Wenn das so zutrifft, würden die Patienten höchstwahrscheinlich von einer häufigeren Bewertung des Behandlungseffekts und von einer eventuellen Optimierung unwirksamer Therapien profitieren. Prof. Dr. Johan Lundberg
 

„Wenn das so zutrifft, würden die Patienten höchstwahrscheinlich von einer häufigeren Bewertung des Behandlungseffekts und von einer eventuellen Optimierung unwirksamer Therapien profitieren“, sagte Lundberg weiter.

Mehr Angstzustände, mehr Schlafstörungen und mehr Substanzkonsum

Anhand von Daten aus der Gesundheitsdatenbank der Region Stockholm und der schwedischen Sozialversicherungsanstalt identifizierten die Forschenden fast 160.000 depressive Episoden bei 145.577 Patienten, die sich zwischen Januar 2012 und Dezember 2017 in Behandlung begaben.

Von diesen Episoden erfüllten 12.800 die Kriterien einer Therapie-resistenten Depression, d.h. es gab mindestens 3 Behandlungsversuche mit Antidepressiva, Zusatzmedikamenten (Aripiprazol, Lithium, Olanzapin, Quetiapin und/oder Risperidon), Elektroschocktherapie oder repetitiver transkranieller Magnetstimulation (rTMS).

Jede neue Behandlung musste während der depressiven Episode und mindestens 28 Tage nach Einleitung der vorherigen Behandlung begonnen werden.

Die Forschenden glichen jede TRD-Episode mit bis zu 5 Nicht-TRD-Episoden ab und stellten fest, dass Patienten mit TRD häufiger psychiatrische Komorbiditäten aufwiesen als ihre Nicht-TRD-Pendants. Dazu gehörten:

  • Angstzustände (60% bzw. 44%),

  • Schlafstörungen (28% bzw. 19%),

  • Störungen des Substanzkonsums (15% bzw. 11%),

  • Störungen des Alkoholkonsums (10% bzw. 7%) sowie

  • Persönlichkeitsstörungen (6% bzw. 3%).

Auch die Rate der absichtlichen Selbstverletzungen war in der TRD-Gruppe höher (5% gegenüber 2%).

Personen mit TRD hatten möglicherweise zum Teil aufgrund der Komorbiditäten ein Jahr vor und nach dem Indexdatum (definiert als das Datum des Beginns des 3. Behandlungsversuchs) im Mittel um über 50% häufiger ihre ambulanten ärztlichen Fachkräfte konsultiert.

Der wichtigste Vorhersageparameter für TRD war der selbst eingeschätzte Schweregrad der Depression zum Zeitpunkt der Diagnose auf der Montgomery-Åsberg-Depression-Rating-Scale (MADRS), so die Forschenden.

Nicht verallgemeinerbar?

Personen mit TRD hatten auch 3-mal so viele stationäre Bettentage wie Personen mit einer wirksamen antidepressiven Behandlung (im Mittel 3,9 Tage bzw. 1,3 Tage) und deutlich mehr Krankentage (132,3 Tage bzw. 58,7 Tage). Vor allem aber hatten Erkrankte mit TRD gegenüber der wirksam behandelten Kontrollgruppe ein um 23% höheres Risiko, während der Beobachtungszeit zu sterben.

„Nicht zuletzt wegen dieser Zahl sollte man sich darauf konzentrieren, den TRD-Pfad einer depressiven Person zu vermeiden. Hier könnten prospektive Studien helfen, in denen verschiedene Behandlungsoptionen und ihr Risiko, zu einer TRD zu führen, miteinander verglichen werden“, so Lundberg.

Er wies darauf hin, dass die Untersuchungsergebnisse möglicherweise nicht auf andere Populationen – etwa in den USA – übertragbar seien. „Der größte Unterschied zwischen Stockholm und den USA besteht vielleicht nicht in der Demografie, sondern im Zugang zur Gesundheitsversorgung“, so Lundberg.

„In Stockholm gibt es ein allgemein zugängliches Gesundheitssystem. Dies bedeutet, dass diese Ergebnisse zu erwarten sind, wenn man in der Lage ist, sich behandeln zu lassen. In den USA ist das anders – Menschen außerhalb des Gesundheitssystems schneiden hier möglicherweise schlechter ab, als unsere Studie vermuten lässt“, fügte er hinzu.

Qualität vor Quantität

Prof. Dr. Sidney Zisook, Professor für Psychiatrie an der University of California in San Diego, sagte in einem Kommentar für Medscape, dass die Ergebnisse „die Notwendigkeit für unser Fachgebiet unterstreichen, besser verträgliche, wirksamere und nachhaltigere Therapien für die depressive Episode zu entwickeln und Ärzten besser darin auszubilden, aktuelle, evidenzbasierte Therapien anzuwenden und solide klinische Leitlinien in die klinische Praxis zu integrieren.“

Prof. Dr. Sidney Zisook

Zisook hat selbst unabhängig zur TRD geforscht, war aber an der aktuellen Studie nicht beteiligt. Für ihn war es „auffallend, wie lange die Betroffenen das gleiche Antidepressivum einnahmen, und das offenbar trotz suboptimaler Ergebnisse und ohne weitere Schritte zu unternehmen“.

Er gab jedoch zu bedenken, dass die TRD-Diagnose in der Studie ausschließlich auf der Anzahl der Behandlungsversuche bei einer depressiven Episode beruhte. „Jemand könnte 3 verschiedene Antidepressiva ausprobiert haben, weil er 3 depressive Episoden mit Erholungsphasen zwischen den Episoden hatte. Das würde dann nicht als therapieresistente Depression gelten“, sagte er.

Zudem wies er darauf hin, dass manche Menschen auch aus anderen Gründen als einer Therapieresistenz ein anderes Antidepressivum erhalten könnten. „So zum Beispiel, wenn sie auf eine anfänglich gute Therapie nicht mehr ansprechen, also eine Toleranzentwicklung zeigen („Poop-out“); oder wenn ihre Adhärenz niedrig ist oder natürlich auch, wenn die Nebenwirkungen nicht mehr toleriert werden“, sagte er.

 
Wir definieren die TRD in der Regel nicht nur über die Zahl der Therapieversuche, sondern auch anhand ihrer Qualität. Prof. Dr. Sidney Zisook
 

„Wir definieren die TRD in der Regel nicht nur über die Zahl der Therapieversuche, sondern auch anhand ihrer Qualität, wobei sowohl die Dosierungen als auch die Dauer berücksichtigt werden“, fügte Zisook hinzu.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

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Kommentar

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