Frauen sind wohl die besseren Operateure, aber noch immer wird Chirurginnen das Leben schwer gemacht – die Gründe

Dr. Doris Maugg

Interessenkonflikte

23. November 2022

Frauen sind die besseren Operateure vor allem für weibliche Patienten, dies zeigte eine in JAMA Surgery veröffentlichte Studie. Dabei ging es den männlichen und weiblichen Patienten nach einem Eingriff besser, wenn Frauen die Operation durchgeführt hatten. Zudem ist ein erheblicher Teil des Nachwuchses in der Chirurgie weiblich: Bei den unter 34-Jährigen waren es im vergangenen Jahr 37% laut Zahlen der Bundesärztekammer. Doch ist die Ausstattung eines Operationssaals überhaupt für Frauen gemacht?

Dieser Frage ging ein aktueller Review einer italienischen Forschergruppe nach [] 1 ]. In ihrer Analyse führten Dr. Maria Irene Bellini von der Sapienza Universität Rom und ihre Kollegen eine systematische Suche nach Studien zum Thema „Ergonomie für Frauen in der Chirurgie“ in den gängigen Datenbanken durch.

Die Suchbegriffe umfassten Kombinationen aus den Stichworten „Ergonomie“ und „Frauen in der Chirurgie“. Die systematische Suche identifizierte 15 Studien aus anfangs 425 Studien, darunter 9 aus den USA, die hauptsächlich auf Fragebögen basierten.

Bei Durchsicht der 15 Studien konnten als größte ergonomische Herausforderungen die allgemein geringere Körpergröße und die kleinere Handschuhgröße von Frauen identifiziert werden. Chirurginnen leiden auch fast doppelt so häufig an muskuloskelettalen Beschwerden wie ihre männlichen Kollegen.

Die Autoren des Übersichtsartikels identifizierten in mindestens 3 Studien einen Zusammenhang zwischen einer kleinen Handschuhgröße (<6,5) und einer generellen Unzufriedenheit mit Anastomose-Klemmen und allgemeinen laparoskopischen Instrumenten.

Viele Operateure beider Geschlechter klagten außerdem über Nackenverspannungen und chronische Schmerzen aufgrund schlechter und anstrengender Haltungen während mehrstündiger Operationen, so die Autoren. Diese Beschwerden treten häufiger auf, wenn Frauen mit kleineren Körpergrößen den Operationstisch oder -stuhl nicht auf die passende Höhe einstellen können.

Bellini und ihre Kollegen schlussfolgern, dass Operationsbestecke sowie Ausstattung und Geräte im Operationssaal für Männer und Individuen mit entsprechend großer Körpergröße entwickelt wurden. Dadurch ziehe sich eine unbewusste, geschlechtsspezifische Voreingenommenheit durch die chirurgischen Fachbereiche, so die Autoren.

Ergonomie keine Hürde

Wird also an Frauen als Anwenderinnen von Operationsequipment tatsächlich nicht gedacht? Prof. Dr. Doris Henne-Bruns, emeritierte Leiterin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Ulm und erste Frau in Deutschland, die 2001 den Ruf auf eine C-4-Professur für Chirurgie erhielt, sagt: „Meiner Meinung nach werden Frauen mittlerweile durchaus mitbedacht. Ich halte diese Diskussion eher für einen Hype. Man fragt sich, warum Frauen in diesem Fachbereich so wenig präsent sind und versucht, dafür Erklärungen zu finden. Aber die Ergonomie halte ich nicht für eine Hürde. Die größten Hürden sind nach wie vor schwere Arbeitsbedingungen per se und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“

 
Die größten Hürden sind nach wie vor schwere Arbeitsbedingungen per se und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Prof. Dr. Doris Henne-Bruns
 

Dass aber Frauen rein aufgrund der Ergonomie den Weg in die Chirurgie nicht finden, habe sie in 40 Berufsjahren nicht erlebt – auch nicht im Mentoring der Studentinnen. „Die anderen Gründe wiegen viel schwerer“, so Henne-Bruns. Dies seien vor allem mehrstündige Operationszeiten, Schichtarbeit und die nur schwer zu vereinbarenden Arbeitszeiten.

 
Generell sehe ich die Ergonomie von Instrumenten und Geräten in Deutschland aber nicht als frauenspezifisches Thema. Dr. Beate Blank
 

Dr. Beate Blank, Oberärztin am Klinikum Kulmbach und stellvertretende Vorsitzende des Perspektivforums Junge Chirurgie, einer Initiative der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCh), sieht hier eher Einzelfälle und auch Unterschiede innerhalb der chirurgischen Disziplinen: „In der Viszeralchirurgie gibt es solche Fälle, dass bestimmte Einmalgeräte mit kleinen Händen schwer zu bedienen sind. Die Unfallchirurgie ist generell etwas brachialer, da kann man sich in der Ausbildung schon überlegen, ob man dafür gemacht ist – wobei das erfahrungsgemäß eine Frage der richtigen Technik und natürlich Übung ist. Generell sehe ich die Ergonomie von Instrumenten und Geräten in Deutschland aber nicht als frauenspezifisches Thema.“

Das Problem der Ergonomie komme zu der sehr wohlbekannten Problematik der Work-Life-Imbalance in der Chirurgie noch on top, schreiben Bellini und ihre Kollegen in ihrem Übersichtsartikel. All diese Faktoren beeinflussten direkt die Möglichkeiten von Frauen, wie sie arbeiten, operieren oder praktische Erfahrung sammeln – und führten letztendlich zu der Entscheidung gegen eine Karriere in der Chirurgie.

 
Mittlerweile haben die Hersteller auch erkannt, dass Frauen mit diesen Geräten ebenfalls hantieren. In den letzten 20, 30 Jahren hat sich hier viel getan. Prof. Dr. Doris Henne-Bruns
 

„Fakt ist, wenn man in der Unfallchirurgie ein Bein eines 1,90 Meter großen Mannes hochhalten muss, kann das schon mal anstrengend sein. Das Equipment hat aber sehr viel Innovation erfahren, beispielsweise gibt es in der Bauchchirurgie das mobile Ultraschallgerät. Hier wird seitens der Industrie durchaus Wert auf Handlichkeit gelegt. Mittlerweile haben die Hersteller auch erkannt, dass Frauen mit diesen Geräten ebenfalls hantieren. In den letzten 20, 30 Jahren hat sich hier viel getan“, sagt Henne-Bruns.

Probleme mit den Handschuhen

Darüber berichtet auch die US-Website „1001cuts“, die unter Schirmherrschaft der Onko-Chirurgin Dr. Sarah Temkin steht, der stellvertretenden Direktorin für klinische Forschung am NIH Office of Research on Women's Health. Hier macht Temkin auf die speziellen Anforderungen für Frauen in chirurgischen Fachbereichen aufmerksam.

 
Die Besteller sind männlich, das ist ein Problem. Es werden Standardgrößen bestellt, die nicht für Frauen gedacht sind. Prof. Dr. Doris Henne-Bruns
 

Zu sehen ist auch ein Videobeitrag („The Gloves Don’t Fit“), der die Problematik der unpassenden Kleidung und Gerätschaften im Operationssaal aufgreift: „Wenn dir die Handschuhe und Schürzen nicht passen, ist das ein subtiles, aber deutliches Zeichen, das sagt: Du bist hier nicht richtig.“

Henne-Bruns ergänzt: „Die Besteller sind männlich, das ist ein Problem. Es werden Standardgrößen bestellt, die nicht für Frauen gedacht sind. Früher waren die Ideengeber für ein chirurgisches Instrument männlich, und so wurde der Auftrag vom Hersteller umgesetzt. Aber da hat sich in den letzten Jahren schon viel getan.“

In Japan ergreifen Chirurginnen selbst die Initiative und entwickeln in Zusammenarbeit mit Herstellern passende endoskopische Instrumente, wie zum Beispiel Dr. Emiko Kono, Osaka Medical College, Takatsuki, Japan: „Ich arbeite mit einigen Unternehmen zusammen, um Spezifikationen für weibliche Chirurgen mit kleinen Händen und schwachem Griff anzupassen. Momentan entwickle ich eine weibliche Spezifikation für ein laparoskopisches Operationsgerät“, so Kono.

„Die größten Innovationen finden sich oft in den kleinsten Details, zum Beispiel darin, wie eine Chirurgin unsere Instrumente benutzt. Deshalb ist uns direktes Feedback von Chirurgen wie Dr. Kono so wichtig“, sagt Johannes Pawlata, Produktmarketing bei Karl Storz Endoscopy Japan, auf Nachfrage von Medscape.

 
Junge Chirurginnen müssen sich in dem Männerverein Chirurgie erst einmal beweisen und sind hohem Druck ausgesetzt. Dr. Beate Blank
 

„Mittlerweile rennen die Vertriebspartner der Hersteller zum Beispiel hier offene Türen ein“, so Blank, „wenn der Abteilungsleiter dafür offen ist und generell die finanzielle Situation der Klinik es erlaubt. Vor einiger Zeit haben wir in der Abteilung eine Bohrmaschine, um Löcher in den Knochen zu bohren, durch ein leichteres und viel kleineres Modell ersetzt. Da unser Team zum größten Teil weiblich ist, war das Argument für ein kleineres Modell, das man mit einer Hand greifen kann, stark genug“, berichtet Blank.

Sie bestätigt, dass Chirurginnen in Deutschland vor anderen Herausforderungen stehen: „Junge Chirurginnen müssen sich in dem Männerverein Chirurgie erst einmal beweisen und sind hohem Druck ausgesetzt. Sie müssen härter arbeiten, um von den Kollegen akzeptiert zu werden. Außerdem stoßen sie noch allzu oft auf patriarchale und veraltete Denkmuster, selbst unter jüngeren Kollegen. Dabei ist die Chirurgie ein wahnsinnig schöner und befriedigender Beruf. Nach einer Operation sieht man das Ergebnis, was man geschaffen hat – es ist wie ein Handwerk.“

 
Ich bin Chirurgin, und ich kann auch Mutter sein. Dr. Beate Blank
 

Blank betont, dass das Bewusstsein für den weiblichen Nachwuchs und mehr Integration von Frauen in diesem Fachbereich stark gestiegen und ein großes Thema in der DGCH sei. „Ich nehme meinen Sohn demonstrativ zu Veranstaltungen mit, und da stört sich auch niemand daran. Ich bin Chirurgin, und ich kann auch Mutter sein. Wenn immer mehr Frauen dem nachfolgen, verändert sich langsam das Bild.“

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