Akute Pankreatitis unter GLP-1-Rezeptoragonisten zur Gewichtskontrolle: Bei welchen Patienten Vorsicht geboten ist

Damian McNamara

Interessenkonflikte

28. November 2022

Charlotte (North Carolina) – Mehrere Faktoren scheinen das Risiko einer akuten Pankreatitis bei Patienten, die mit einer GLP-1-Rezeptoragonisten-Behandlung zur Gewichtskontrolle beginnen, zu beeinflussen. Laut einer neuen Studie waren der Typ-2-Diabetes, eine fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung und Tabakkonsum mit einer solchen Risikoerhöhung verbunden, berichten die Forschenden.

Andererseits schien ein sehr hoher BMI von mindestens 36 kg/m2 die Menschen vor der Entwicklung einer Pankreatitis zu schützen.

„Da diese Medikamentenklasse immer beliebter wird, sollte man wissen, welche Patienten durch seine Anwendung ein höheres oder auch geringeres Risiko haben, eine akute Pankreatitis zu entwickeln“, sagte Dr. Robert Postlethwaite, Hauptautor der Studie und Gastroenterologe am Southwestern Medical Center der University of Texas in Dallas.

Die Ergebnisse wurden auf dem Kongress 2022 des American College of Gastroenterology (ACG) in Charlotte, North Carolina, vorgestellt.

 
Da diese Medikamentenklasse immer beliebter wird, sollte man wissen, welche Patienten durch seine Anwendung ein höheres oder auch geringeres Risiko haben, eine akute Pankreatitis zu entwickeln. Dr. Robert Postlethwaite
 

Popularität hat ihren Preis

Die zur Gewichtsreduktion zugelassenen GLP-1-Präparate Liraglutid (Victoza®, 2014) und Semaglutid (Wegovy®, 2022) wirken auf Bereiche des Gehirns ein, in denen die Nahrungsaufnahme und der Appetit reguliert werden. Weitere zur Behandlung eines Typ-2-Diabetes zugelassene GLP-1-Präparate sind etwa Dulaglutid (Trulicity) und Exenatid.

In den USA war die Nachfrage nach Wegovy® so groß, dass es zu einer anhaltenden Verknappung des Medikaments kam.

Obwohl die GLP-1-Rezeptoragonisten im Vergleich zu anderen Antiadiposita ein günstiges Nebenwirkungsprofil aufweisen, bleibt die akute Pankreatitis eine ernste und manchmal lebensbedrohliche Komplikation, so die Forschenden. 

Postlethwaite und sein Team führten eine retrospektive, unizentrische Studie mit 2245 Patienten durch, die von 2015 bis 2019 an einem universitären Weight-Wellness-Programm teilnahmen. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 50 Jahren, und 81% waren weiblich. Der durchschnittliche BMI aller Patient*innen lag bei 39,7 kg/m2.

In die Studie wurden nur Personen aufgenommen, die einen GLP-1-Rezeptoragonisten zur Adipositastherapie erhielten und nicht wegen eines Diabetes.

Wie häufig Pankreatitiden unter der Therapie auftreten

Von 2.245 Patienten entwickelten 49 (2,2%) eine akute Pankreatitis, nachdem sie mit der Einnahme von GLP-1-Rezeptoragonisten begonnen hatten.

Bei einem vorbestehenden Typ-2-Diabetes war die Wahrscheinlichkeit einer akuten Pankreatitis doppelt so hoch (95% Konfidenzintervall, KI: 1,04-3,96; p=0,04).

Eine chronische Nierenerkrankung im Stadium 3 oder darüber erhöhte das Risiko um das 2,3-Fache (95% KI: 1,18-4,55; p=0,01), während Tabakkonsum das Risiko um das 3,3-Fache erhöhte (95% KI: 1,70–6,50; p < 0,001).

Im Gegensatz dazu stellten die Forschenden fest, dass bei Patienten mit einem BMI zwischen 36 und 40 kg/m2 die Wahrscheinlichkeit, eine akute Pankreatitis zu entwickeln, um 88% geringer ausfiel (95% KI: 0,07-0,67; p=0,007) als bei Personen mit einem BMI ≤ 30 kg/m2. Bei einem BMI von > 40 kg/m2 war das Risiko um 73% geringer (95 % KI: 0,10-0,73; p=0,01).

Postlethwaite und sein Team konnten keinen Zusammenhang zum Alter, Geschlecht oder zur Vorgeschichte mit bariatrischen Operationen oder einer akuten Pankreatitis feststellen.

Da eine akute Pankreatitis in der Vorgeschichte also kein Risikofaktor war, empfahl er, die Wirkstoffe auch nicht aus diesem Grund abzulehnen, „insbesondere angesichts der signifikanten Effekte auf den Blutzuckerspiegel, das Herz-Kreislauf-System und die Gewichtsabnahme“.

„Wir hoffen, dass wir genügend Evidenzen haben, damit die Patienten einer Risikostratifizierung unterzogen werden können, um zu ermitteln, wer ein erhöhtes Risiko für eine Pankreatitis hat.“

Und er fügte hinzu: „Wir hoffen, dass wir die Entwicklung einer Pankreatitis bei einigen Patienten und vor allem in Hochrisikogruppen verhindern können oder es zumindest möglich wird, diese Personen rechtzeitig zu identifizieren, um die Komplikationen einer akuten Pankreatitis zu vermeiden.“

Umfassendere Studien erforderlich

Die Sitzungsleiterin Dr. Baharak Moshiree, Gastroenterologe bei Atrium Health in Charlotte, North Carolina und nicht an der Untersuchung beteiligt, bezeichnete die Studie als „vielversprechend“.

Da sie jedoch retrospektiv angelegt und relativ klein war, müssten die Resultate in größeren, prospektiven Studien validiert werden, fügte sie hinzu. „Da die Adipositas ein großes globales Problem ist, nehmen viele Menschen GLP-1-Rezeptoragonisten ein.“ In der Regel würden diese Medikamente von Endokrinologen und nicht von Gastroenterologen verschrieben, sagte Moshiree. Gastroenterologen sollten sich der Risiken bewusst sein, die mit diesen Medikamenten verbunden seien. Dazu gehörten auch geringfügigere gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen, wozu es aufgrund einer verzögerten Magenentleerung kommen könne.

Postlethwaite wies auf die Einschränkung in der Studie hin, dass die konsumierten Alkohol- und Tabakmengen nicht bestimmt werden konnten. Der relativ niedrige Anteil an Personen, die in der Studie eine akute Pankreatitis entwickelten, bedeutet auch, dass größere Studien gerechtfertigt sind, fügte er hinzu.

In Zukunft wollen Postlethwaite und sein Team die Risiken für jeden einzelnen GLP-1-Rezeptoragonisten und anderer Therapien zur Blutzuckerkontrolle bei Typ-2-Diabetikern, wie z.B. DPP4-Hemmer (Dipeptidyl-Peptidase 4), untersuchen.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus https://www.medscape.com  übersetzt und adaptiert.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Hier ist der  Link  zu unseren kostenlosen Newsletter-Angeboten – damit Sie keine Nachrichten aus der Medizin verpassen.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....