Schlappe für die Telemedizin? US-Notfallpatienten kommen bei telemedizinischer Nachbetreuung häufiger zurück ins Krankenhaus

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

16. November 2022

Patienten in den USA, die nach einem Besuch in der Notaufnahme anstatt eines Vor-Ort-Termins in einer Arztpraxis eine telemedizinische Nachsorge erhielten, suchten in der Folge häufiger erneut eine Notaufnahme auf oder wurden hospitalisiert. Die Studienergebnisse wurden in JAMA Network Open publiziert [1].

„Diese Studie liefert ein negatives Ergebnis für die Telemedizin, nachdem wir sowohl im chronischen als auch im akuten Bereich viele Vorteile der Telemedizin identifiziert haben“, sagt Prof. Dr. Gernot Marx, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. „Die Studie macht noch einmal sehr deutlich, dass Telemedizin nicht gleich Telemedizin ist.“

 
Diese Studie liefert ein negatives Ergebnis für die Telemedizin, nachdem wir sowohl im chronischen als auch im akuten Bereich viele Vorteile der Telemedizin identifiziert haben. Prof. Dr. Gernot Marx
 

Dass Telemedizin in diesem Bereich nicht vorteilhaft sei, lasse sich aus den retrospektiv erhobenen Daten nicht schlussfolgern. „Vielmehr müssen bei der Interpretation die Rahmenbedingungen des jeweiligen Gesundheitssystems und auch die Methodik der Telemedizin berücksichtigt werden“, ergänzt der Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen.

Verglichen wurden Vor-Ort- und telemedizinische Nachkontrollen

In die retrospektive Kohortenstudie wurden Erwachsene aufgenommen, die sich 2020 und 2021 in den USA in einer von 2 universitären Notaufnahmen vorstellten. Nach der Akutbehandlung wurden sie nach Hause entlassen. Die anschließende Nachkontrolle – innerhalb von 14 Tagen – fand entweder vor Ort in einer allgemeinmedizinischen Praxis statt oder erfolgte telemedizinisch.

Dr. Vivek V. Shah vom Department of Emergency Medicine am Harbor-UCLA Medical Center in Torrance, USA, und seine Kollegen analysierten insgesamt 12.848 Patienten, die im Schnitt 54 Jahre alt waren und 16.987-mal eine Notaufnahme aufsuchten. 11.818 Patienten (70%) suchten für die Nachkontrolle eine allgemeinmedizinische Praxis auf, und 5.169 Patienten (30%) nutzten einen telemedizinischen Kontrolltermin.

Mehr Wiedervorstellungen und Hospitalisierungen

Die Autoren berichten, dass 2.802 Erstbesuche in der Notaufnahme (17%) weitere Vorstellungen in der Notaufnahme innerhalb von 30 Tagen nach sich gezogen haben. Und 676 (4%) führten letztlich zu einer Hospitalisierung.

 
Die Studie macht noch einmal sehr deutlich, dass Telemedizin nicht gleich Telemedizin ist. Prof. Dr. Gernot Marx
 

Im Vergleich zu den klassischen Vor-Ort-Kontrollen waren die telemedizinischen Termine assoziiert mit signifikant erhöhten Raten an erneuten Vorstellungen in der Notaufnahme (16% vs. 18%; 28,3 mehr erneute Besuche pro 1.000 Kontakten) und erhöhten Hospitalisierungsraten (4% vs. 5%; 10,6 mehr Hospitalisierungen pro 1.000 Kontakten).

Erhöhte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen auch nach Adjustierung

Ein numerischer Unterschied blieb auch nach Berücksichtigung verschiedener möglicher Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, Muttersprache, Ethnizität, soziale Vulnerabilität, Versicherungsart, Entfernung von der Notaufnahme, der Schwere der Erkrankung beim Indexbesuch und dem Zeitraum von der Entlassung bis zum Kontrolltermin bestehen. Er war allerdings nur noch für die erneuten Notaufnahmebesuche statistisch signifikant.

„Da Telemedizin in dieser Population zu einer erhöhten Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen geführt hat, müssen weitere Studien zeigen, ob Telemedizin eine geeignete Methode für die Nachsorge nach Besuchen in der Notaufnahme ist“, schlussfolgern die Autoren um Shah.

Grenzen der Telemedizin müssen noch ausgelotet werden

In einem begleitenden Editorial schreibt Dr. Charlie M. Wray vom Department of Medicine der University of California in San Francisco, USA [2]: „Telemedizin ist für ihr Potenzial, den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern, hochgelobt worden. Aber die Ergebnisse dieser Studie zeigen auf, dass wir die Grenzen dieser Versorgungsart noch besser verstehen müssen.“

 
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen auf, dass wir die Grenzen dieser Versorgungsart noch besser verstehen müssen. Dr. Charlie M. Wray
 

Wray ergänzt: „Die Ergebnisse können zwar als potenzieller Rückschlag in der Telemedizinrevolution angesehen werden, aber sie sollten besser als Aufruf verstanden werden, weiter zu erforschen, wie wir Telemedizin optimal einsetzen können.“

Große Unterschiede zwischen Gesundheitssystemen

Dass weiterer Forschungsbedarf besteht, dem stimmt auch Marx zu. Denn in einem anderen Gesundheitssystem oder mit einem anderen telemedizinischen Vorgehen könnten die Ergebnisse ganz anders ausfallen. „Das Gesundheitssystem in den USA unterscheidet sich von unserem, und damit auch das Verhalten der Menschen, zum Beispiel wann sie ins Krankenhaus gehen“, so der Intensivmediziner.

Er weist darüber hinaus darauf hin, dass die Art der telemedizinischen Betreuung eine große Rolle spiele. Genauere Angaben hierzu machen die Autoren um Shah aber nicht. Es stellt sich die Frage, wie die Ärzte, die die telemedizinische Kontrolle durchführten, qualifiziert waren. Waren dies Fachärzte, hatten sie eine lange berufliche Erfahrung?“, fragt Marx.

 
Die Ergebnisse … sollten besser als Aufruf verstanden werden, weiter zu erforschen, wie wir Telemedizin optimal einsetzen können. Dr. Charlie M. Wray
 

Und Wray schlussfolgert: „Die Arbeit von Shah und Kollegen ist nicht nur wegen ihrer Ergebnisse wichtig, sondern auch wegen der tiefergehenden, differenzierten Fragen, die sie aufwirft.“

In Deutschland verzeichnet Telemedizin Erfolge

„Man könnte aus der US-Studie die Hypothese ableiten, dass die Akutversorgung – zumindest in der ambulanten Versorgung – ein Bereich ist, in dem die Telemedizin nicht zielführend ist, im Gegensatz zu chronischen Zuständen wie Herzinsuffizienz oder Diabetes oder COPD“, so Marx. „Aber unsere eigenen Daten zeigen das nicht, im Bereich der Intensivmedizin ist Telemedizin sehr effektiv; zumindest in Deutschland haben wir dafür Evidenz geschaffen.“

 
Im Bereich der Intensivmedizin ist Telemedizin sehr effektiv; zumindest in Deutschland haben wir dafür Evidenz geschaffen. Prof. Dr. Gernot Marx
 

Der Aachener Intensivmediziner berichtet vom Innovationsfondsprojekt TELnet@NRW. An der prospektiven, Cluster-randomisierten Studie – der bisher größten in Europa – nahmen 150.000 Patienten teil, davon mehr als 10.000 Intensivpatienten. „Und wir konnten eine hochsignifikante Verbesserung in der Qualität der Versorgung nachweisen“, betont Marx.

Welchen Einfluss hatte die Pandemie?

Und nicht zuletzt gab Marx zu bedenken, dass die Studie in der Coronapandemie stattgefunden habe. „Auf der einen Seite ist es natürlich interessant zu untersuchen, wie eine telemedizinische Intervention in der Pandemiesituation funktioniert, aber auf der anderen Seite sind die Daten dann schwer mit dem Normalbetrieb vergleichbar – sowohl im Krankenhaus als auch bei den Patienten“, erklärt er.

„Es wäre interessant zu sehen, wie eine telemedizinische Nachbetreuung bei Notaufnahmepatienten unter normalen, außerpandemischen Rahmenbedingungen abschneiden würde“, so Marx.

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Kommentar

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