Gefährdete warnen: Alkohol steigert schon bei jungen Menschen unter 40 das Risiko für Vorhofflimmern

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

18. Oktober 2022

Eine Kohortenstudie zeigt bereits bei jüngeren Menschen, die regelmäßig Alkohol in größerer Menge konsumieren, eine Erhöhung des Risikos von Vorhofflimmern. Wurden über 4 Jahre im Schnitt mehr als 105 g Alkohol pro Woche getrunken, stieg das Risiko um 25% gegenüber Abstinenzlern. Bei mehr als 205 g stieg dieses Risiko sogar auf 47%.

Das Autorenteam um Dr. Minju Han, Seoul National University Hospital, Südkorea, analysierte Daten von über 1,5 Mio. Krankenversicherten aus Südkorea im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die sich über 4 Jahre einem jährlichen Gesundheits-Check unterzogen hatten. Die dabei gewonnenen Angaben zu den Trinkmengen dienten als Basis der Analyse.

 
Solche großen Studien haben eine hohe statistische Aussagekraft, die hier auch nötig ist. Prof. Dr. Felix Mahfoud
 

Nach einem Follow-up von im Median 5,6 Jahren war bei 3.066 Teilnehmern (0,36 pro 1.000 Patientenjahre) Vorhofflimmern dokumentiert worden. Die Studie wurde im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht [1] .

„Solche großen Studien haben eine hohe statistische Aussagekraft, die hier auch nötig ist“, bemerkt Prof. Dr. Felix Mahfoud, leitender Oberarzt in der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin, Homburg/Saar. „Mehr als 3.000 Fälle von Vorhofflimmern bei Menschen unter 40 Jahren ist eine Fallzahl, die man unter anderen Umständen kaum dokumentieren können wird.“

Je höher der Alkoholkonsum, desto höher das Risiko

Die Autoren um Han ordneten den Alkoholkonsum der gesunden Teilnehmer (72% Männer), den diese angegeben hatten, in 4 Kategorien ein:

  • abstinent (Kategorie 0),

  • weniger als 105 g Alkohol/Woche (Kategorie 1, mild),

  • zwischen 105 und 210 g/Woche (Kategorie 2, moderat) und

  • mehr als 210 g Alkohol/Woche (Kategorie 3, stark).

Um den Zeitverlauf von 4 Jahren zu berücksichtigen, gaben sie jedem Teilnehmer einen Punkt für jedes Jahr, die dem er oder sie zu Kategorie 2 oder 3 gehörte, also mehr als 105 g/Woche Alkoholkonsum angegeben hatte. Somit gehörte zur Gruppe 1 (1 Punkt), wer in einem der 4 Jahre mehr als 105 g/Woche angegeben hatte. Zur Gruppe 4 gehörten diejenigen, die dies für alle 4 Jahre angegeben hatten.

 
Bei der Interpretation der Daten muss allerdings der Recall-Bias berücksichtigt werden. Prof. Dr. Felix Mahfoud
 

„Bei der selbstberichteten Menge an zugeführtem Alkohol handelt es sich um einen häufig in klinischen Studien verwendeten Parameter“, erläutert Mahfoud. „Bei der Interpretation der Daten muss allerdings der Recall-Bias berücksichtigt werden. Denn viele Patienten werden sich nicht mehr korrekt an Begebenheiten erinnern oder Begebenheiten im Nachhinein mehr oder weniger Bedeutung als ursprünglich zumessen. Hierzu gehört auch die zugeführte Alkoholmenge.“

Nach dieser Einordnung waren:

  • 57% der Teilnehmer über alle 4 Jahre abstinent geblieben (Gruppe 0),

  • 13,2% gehörten zur Gruppe 1,

  • 9,6% zu Gruppe 2,

  • 9,4% zu Gruppe 3 und

  • 9,9% (152.970 Personen) zu Gruppe 4.

Letztere zeigten über das Follow-up von 4,5 bis 6 Jahren ein signifikant um 25% erhöhtes Risiko (Hazard Ratio [HR] 1,25; 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,12-1,40) für Vorhofflimmern nach ICD-Code 1480-1484 und 1489.

 
Eine Limitation ist, dass es sich hierbei lediglich um eine kodierte Diagnose handelt. Prof. Dr. Felix Mahfoud
 

„Eine Limitation ist, dass es sich hierbei lediglich um eine kodierte Diagnose handelt“, gibt Mahfoud zu bedenken. „Das heißt auch, dass sich die tatsächliche Anzahl an Patienten mit Vorhofflimmern von der dokumentierten deutlich unterscheiden kann. Hier könnte es einen Graubereich geben.“

Gelegenheitstrinker sind deutlich weniger betroffen

Die Werte wurden statistisch für Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index (BMI), Rauchen, körperliche Aktivität und Einkommen bereinigt. Tendenziell waren unter den starken Trinkern (Gruppe 4) mehr Raucher und mehr Männer. Für Gruppe 3 lag das Risiko ebenfalls noch signifikant bei 16% höher (HR 1,16; 95%-KI 1,03-1,31). Bei Gruppe 1 und 2 war dieses Risiko gegenüber den Abstinenten nicht signifikant erhöht. 

Um das Risiko eines kumulierten Alkoholkonsums über 4 Jahre zu erfassen, addierten die Autoren Punkte für moderaten (1 Punkt) oder starken (2 Punkte) Alkoholkonsum für alle 4 Jahre auf. Somit wurden diejenigen, die alle 4 Jahre mehr als 210 g/Woche angegeben hatten, mit 12 Punkten gewertet. Für diese 29.547 Personen ergab sich ein signifikant um 47% erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern (HR 1,47; 95%-KI 1,18-1,83). Für 34.096 Personen mit 11 Punkten, die also in einem der 4 Jahre nur moderat Alkohol konsumiert hatten, lag das Risiko immerhin noch signifikant mit 31% höher (HR 1,31; 95%-KI 1,05-1,63). Bei den übrigen Personen ergab sich nach statistischer Bereinigung kein signifikant erhöhtes Risiko.

In ihrer Diskussion geben die Autoren eine mögliche Erklärung für die Begünstigung von Vorhofflimmern durch Alkohol: eine Stimulierung des Sympathikus, die zu Adrenalinsekretion führt und eine parasympathische Modulation des autonomen Tonus, sowie eine Verlangsamung der Reizleitung im Herzen, die zu einer kürzeren atrialen Refraktärzeit führt.

Multimorbidität im Alter könnte das Risiko überlagern

Dr. Lars Frost, Aarhus Universität, Dänemark, und Dr.Renate B. Schnabel, Universität Hamburg, weisen in ihrem parallel publizierten Kommentar darauf hin, dass die Ergebnisse der vorliegenden Studie die anderer, ähnlicher Studien jüngeren Datums bestätigten [2].

Aber diese Erkenntnisse seien ziemlich neu, denn laut einer älteren Framingham-Studie ist Alkohol nicht mit einer Zunahme von Vorhofflimmern assoziiert. Das erklären die Editoren damit, dass bei Älteren, bei denen Vorhofflimmern statistisch häufiger auftritt, andere Faktoren wie Übergewicht, Hypertonie und Diabetes über lange Zeiträume die elektrophysiologischen Ursachen des Vorhofflimmerns überlagern.

 
Wir sollten unsere Patienten und Personen mit erhöhtem Risiko für das Auftreten von Vorhofflimmern auf diesen Zusammenhang hinweisen. Prof. Dr. Felix Mahfoud
 

„Die Studie bestätigt die bisherige Evidenz, dass Alkoholkonsum mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern assoziiert ist. Dies trifft offensichtlich auch für jüngere Menschen zwischen 20 und 39 Jahren zu“, konstatiert Mahfoud. „Wir sollten unsere Patienten und Personen mit erhöhtem Risiko für das Auftreten von Vorhofflimmern auf diesen Zusammenhang hinweisen.“

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Kommentar

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