3 Corona-Szenarien für Herbst und Winter; starker Anstieg an Intensivpatienten; Warum Rezidive nach Paxlovid®? 

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

10. Oktober 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 10. Oktober 2022

Heute Morgen gibt das Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, auf seinem Dashboard 598 Infektionen pro 100.000 Einwohner als 7-Tage-Inzidenz an. Am 7. Oktober lag der Wert bei 577.

Unsere Themen heute:

  • Trends in Deutschland: Mehr Atemwegserkrankungen – mehr intensivmedizinische Therapien

  • 3 Szenarien für den nächsten Corona-Winter

  • Was für neue Varianten spricht

  • Gesetz erleichtert den Kita- und Schulbetrieb

  • Regierung vernichtet Masken aus Anfangszeiten der Pandemie

  • SARS-CoV-2-Rezidive nach Paxlovid® durch Reaktionen auf Reste viraler RNA? 

Trends in Deutschland: Mehr Atemwegserkrankungen – mehr intensivmedizinische Therapien

Laut RKI-Wochenbericht steigt die Zahl der der akuten Atemwegserkrankungen (ARE) weiter an, in Woche 39 auf 7,6 Millionen: deutlich mehr als in Vergleichszeiträumen vor der Pandemie. 1,6 Millionen Patienten haben ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Bei Erkrankten sind Rhinoviren, SARS-CoV-2 und Parainfluenzaviren die vorherrschenden viralen Erreger. 

Im Report warnt das RKI auch vor der steigenden Belastung von Kliniken. In Woche 39 lag die Rate bei 3,5 Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner. Das entspricht etwa 2.900 neuen Krankenhausaufnahmen wegen COVID-19.

Einen starken Anstieg verzeichnet das DIVI-Intensivregister. Am 9. Oktober wurden 1.468 COVID-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt: 46 mehr als am Vortag. Aktuell sind 927 Low-Care-, 1.871 High-Care- und 466 ECMO-Behandlungsplätze frei. 

3 Szenarien für den nächsten Corona-Winter

Doch wie geht es weiter mit der Pandemie? Diese Frage haben Forscher an der Universitätsmedizin Halle eingehend untersucht. Sie haben 3 Szenarien simuliert, die sich im Auftreten, der Übertragungsdynamik und dem Risiko für schwere Infektionen neuer Virusvarianten unterscheiden. 

  • Szenario 1: Omikron beherrscht weiter das Geschehen; es treten keine neuen Varianten auf. Laut Simulation kommt es zwar zu einer Herbst- und Winter-Welle, jedoch ohne übermäßige Belastung der Krankenhäuser. Infektionen mit milden Symptomen werden dennoch zu einem hohen Krankenstand führen und viele Firmen stark belasten. Das wird sich vor allem bei Einrichtungen der kritischen Infrastruktur bemerkbar machen. 

  • Szenario 2: Neue Virusvarianten prägen die Welle. Sie entziehen sich zwar der Immunantwort in Teilen, führen jedoch nicht zu deutlich schwereren Krankheitsverläufen. Hier zeigt die Simulation Spitzenwerte bei 7-Tages-Inzidenzen wie bei der Omikron-Welle Anfang 2022. 

  • Szenario 3: Neue Virusvarianten mit starkem Immune Escape treten auf; sie führen zu schwereren Verläufen, ähnlich zur Delta-Variante aus der zweiten Jahreshälfte 2021. In diesem Fall könnten Krankenhäuser, speziell Intensivstationen, an die Grenzen ihrer Kapazitäten kommen. 

Vor allem bei den Szenarien 2 und 3 könnten im Oktober beginnende Impfkampagnen mit angepassten Vakzinen die Belastung von Klinken stark vermindern. Beim 3. Szenario wären zusätzlich nicht-pharmakologische Maßnahmen erforderlich. 

Was für neue Varianten spricht

Wissenschaftlich deuten einiges auf die Szenarien 2 und 3 hin. Der Schweizer Bioinformatiker Cornelius Römer sieht neue Varianten aktuell als größte Bedrohung. Auf Twitter warnt er, mittlerweile sei klar, dass „BQ.1.1 eine Variantenwelle in Europa und Nordamerika vor Ende November auslösen wird“. Der relative Anteil habe sich jede Woche mehr als verdoppelt. „BQ.1.1 zeigt ein ziemliches Wachstum, vor allem in England (…).“ Und weiter: „XBB scheint der Konkurrent von BQ.1.1 zu sein, basierend auf dem Wachstumsvorteil (sichtbar vor allem in Singapur und Bangladesch).“ 

Auch der US-Kardiologe und Editor-in-Chief von Medscape Eric Topol  bestätigt: „XBB und BQ.1.1 sind 2 der momentan wichtigsten Varianten, die beobachtet werden sollten.“ 

Was bedeutet der Trend für die Bevölkerung? „Es wird leider immer unwahrscheinlicher, dass BA.5 Variante die einzige Variante in der Zeit bis zum nächsten Sommer bleibt“, so Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach auf  Twitter . „Gut, dass wir 3 verschiedene bivalente Impfstoffe haben, die ein breites Spektrum abdecken. Masken, Impfstoffe und Medikamente. Dann bleibt COVID Nebensache.“ 

Gesetz erleichtert den Kita- und Schulbetrieb

Ende letzter Woche hat der Bundesrat Änderungen des Infektionsschutzgesetzes zugestimmt. Lehrer bzw. Erziehungskräfte in Schulen, Kitas oder Kinderheimen können künftig nach einer Corona-Infektion ihre Arbeit wieder ohne negatives Testergebnis oder ärztliche Bescheinigung aufnehmen. Zuvor hatten Kinder- und Jugendärzte, aber auch Vertreter mehrerer Bundesländer Tests mit Hinweis auf eine Benachteiligung kritisiert. Erwachsene aus anderen Branchen können nach 5 Tagen Isolation auch wieder am öffentlichen Leben teilnehmen. 

Regierung vernichtet Masken aus Anfangszeiten der Pandemie

Laut Spiegel hat die Bundesregierung zu Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie den Bedarf an Masken falsch eingeschätzt. Jetzt landen schätzungsweise 800 Millionen in der Müllverbrennung. Darunter sind 730 Millionen OP- und 60 Millionen FFP2-Masken. Der Bundesrechnungshof hatte schon eine „massive Überbeschaffung“ gerügt.

SARS-CoV-2-Rezidive nach Paxlovid® durch Reaktionen auf Reste viraler RNA? 

Ergebnisse einer kleinen Studie mit 8 Patienten deuten darauf hin, dass ein COVID-19-Rebound nach Paxlovid® wahrscheinlich nicht durch eine zu schwache Immunreaktion verursacht wird. 

Die von Wissenschaftlern des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) geleitete Studie hatte zum Ziel, den klinischen Verlauf und die immunologischen und virologischen Merkmale des COVID-19-Rebounds bei Patienten nach Paxlovid® (Nirmatrelvir/Ritonavir) zu bewerten. 

Alle Teilnehmer stellen im Rahmen der Studie Blut- und andere Proben zur Verfügung und gewähren Ärzten Zugang zu ihren COVID-19-Krankenakten. Eingeschlossen wurden 3 Männer und 3 Frauen mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren, die innerhalb von 4 Tagen nach Auftreten erster Symptome Paxlovid® bekamen und später ein Rezidiv erlitten. Hinzu kamen 2 Teilnehmer (ein 54-jähriger Mann und eine 35-jährige Frau), bei denen wiederkehrende Symptome auftraten, die aber kein Paxlovid® einnahmen. Als Kontrollgruppe zogen die Forschenden Daten von 6 Personen, die an COVID-19 erkrankt waren, aber keinen Symptom-Rebound erlebten, heran. Alle Teilnehmer waren zuvor geimpft und gegen COVID-19 geboostet worden. 

Die Forscher sammelten Daten über den klinischen Verlauf jedes Teilnehmers und führten Labortests an Blut- und Nasenabstrichen durch. Sie fanden keine Hinweise auf genetische Mutationen, die auf Resistenzen gegen den Wirkstoff hindeuten. Sie fanden auch keine Hinweise auf eine verzögerte Entwicklung von Antikörpern bei Teilnehmern mit einem Rebound. Insgesamt waren die T-Zell-Reaktionen bei Rebound-Patienten stärker ausgeprägt als bei Patienten mit früher akuter COVID-19-Erkrankung, die keinen Rebound erlebten. Bei 1 von 8 Rebound-Patienten wurde infektiöses SARS-CoV-2 mittels Viruskultur nachgewiesen.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Rebound-Symptome zum Teil durch die robuste zelluläre Immunreaktion auf verbliebene virale RNA im gesamten Respirationstrakt verursacht werden könnten, und nicht durch eine beeinträchtigte Immunreaktion, die eine virale Replikation ermöglicht“, so die Autoren. Größere, detailliertere epidemiologische Studien seien erforderlich, um die klinische Bedeutung und die epidemiologischen Konsequenzen besser zu verstehen. 

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Kommentar

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