MEINUNG

Andere Ärzte kostenlos behandeln oder nicht – was Kollegen darüber denken

Redaktion: Nathalie Haidlauf & Marc Fröhling

Interessenkonflikte

5. Oktober 2022

Ärztliche Leistungen sind aus berufsrechtlicher Sicht in der Regel liquidationspflichtig. Laut Berufsordnung muss die Honorarforderung angemessen sein, die Sätze nach der GOÄ dürfen nicht in unlauterer Weise unterschritten werden. Unzulässig sind beispielsweise – auch nach dem Heilmittelwerbegesetz – kostenlose Behandlungen, wenn damit eine neuartige Therapie oder ein Diagnoseverfahren beworben oder Patienten akquiriert werden sollen.

Berufsordnung sieht Kollegen als Ausnahmen vor

Anders sieht es aus, wenn ärztlichen Kolleginnen und Kollegen nach einer Behandlung die Rechnung erlassen wird: gerade die älteren Medizinerinnen und Mediziner betrachten diesen jahrzehntealten Brauch als noble Geste dem eigenen Berufsstand gegenüber. Auch manch jüngere ärztlich Tätiger sieht darin eine nette, historisch tradierte Eigenart – andere fragen sich dagegen, ob in der heutigen Zeit kostenlose oder ermäßigte Kollegenbehandlungen überhaupt noch angebracht sind. 

In der Muster-Berufsordnung der Bundesärztekammer für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte ist jedenfalls unter §12 (Honorar und Vergütungsabsprachen) im 2. Absatz nach wie vor festgehalten, dass Ärztinnen und Ärzte neben der eigenen Verwandtschaft sowie mittellosen Patientinnen und Patienten auch den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen – und sogar deren Angehörigen – das Honorar ganz oder teilweise erlassen können. Auch in den für die Beurteilung maßgeblichen Berufsordnungen der jeweiligen Landesärztekammern ist der entsprechende Absatz vermerkt. 

So handhaben es Kollegen

Doch wie sieht es in der beruflichen Praxis tatsächlich aus? Offenbar prallen in dieser Frage nicht nur Handlungsweisen, sondern auch Wertvorstellungen aufeinander. Herauskristallisiert haben sich drei unterschiedliche Vorgehensweisen und Einstellungen zum Thema, die wir für Sie zusammengefasst haben.

„Kostenlose Behandlungen sind nicht mehr zeitgemäß“

In der Diskussion waren sich viele Kollegen darin einig, dass der Verzicht auf eine Rechnungsstellung ein Relikt aus früheren Tagen sei. Eine Sonderbehandlung aufgrund der ärztlichen Tätigkeit sei überholt. 

Diese klare Haltung vertritt beispielsweise hurrcsl (tätig in der Allgemeinmedizin): „Ich möchte nicht umsonst behandelt werden. Ich leiste mir eine teure private Krankenversicherung. Weshalb soll der Kollege für seine Umstände nicht vergütet werden. Das Behandeln ohne Rechnung ist eine nette, historisch tradierte Eigenart. Verständlich in einer Zeit, als man zum Teil keine Krankenversicherung hatte. Heute hat das keine Grundlage mehr.“

Auch im Kommentar von mmolto zeigt sich der Generationenwechsel, der bereits stattgefunden hat, sowie ein neues Selbstverständnis: „Mein Vater (Hausarzt) war nicht krankenversichert (außer für stationär). Für ihn war es selbstverständlich, Kollegen keine Rechnungen zu stellen und auch keine zu erhalten. Zu Ehren der behandelnden Kollegen in München sei gesagt, dass sie mir die kostenlose Behandlung auch angeboten haben. Ich habe aber immer eine Rechnung verlangt – die Zeiten haben sich schließlich geändert. Die heutigen Berechnungsgrundlagen für eine Praxisführung sind schließlich mit denen von früher nicht mehr vergleichbar.“

Zwei der Kommentierenden berichteten, sie seien seit 30 Jahren ärztlich tätig und noch nie kostenlos behandelt worden. Insofern stellt sich für manche die Frage nach der Weitergabe althergebrachter Traditionen gar nicht: Wer selbst nie die Erfahrung gemacht hat, kostenlos behandelt zu werden, ist vermutlich weniger geneigt, dieses Vorgehen als Tradition oder Teil des Berufsethos zu betrachten.

„Die kostenlose Behandlung ist selbstverständlich“

Genauso stark kommen in der Diskussion jedoch Stimmen zum Tragen, die an der alten Tradition festhalten: Viele Ärzte stellen aus Überzeugung keine Rechnung aus – selbst wenn sie selbst schon andere Erfahrungen gemacht haben. So schildert es beispielsweise  eugzipnr, tätig in der Urologie: „Ich habe nie Kollegen Rechnungen gestellt, obwohl ich einige bekommen habe...Ich finde, Kollegen unentgeltlich zu behandeln gehört zu unserem Beruf, eine alte Tradition, die beibehalten werden sollte.“ 

Dabei spielt ein weiterer Aspekt eine zentrale Rolle. Wer kostenlos behandelt, tut dies meist nicht nur aufgrund der Tradition, sondern auch aus einer empfundenen Kollegialität, wie framise (Orthopädie und Unfallchirurgie) verdeutlicht: „Ich sehe es im Prinzip auch so, dass man Kollegen die Arbeit nicht in Rechnung stellt. Zumal es ja auch eine Bestätigung ist, wenn die Kollegen zur Behandlung kommen“. Ähnlich sieht es kaeppeler aus der Anästhesiologie, der in der Diskussion viel Zuspruch findet: „Kollegen behandle ich kostenlos. Die Tarife der privaten KK sind teilweise darauf abgestellt. Und es ist immer noch eine Ehre, das Vertrauen des Kollegen zu haben.“

Wie vielschichtig die Frage nach der Abrechnung im Kollegenkreis ist, zeigt sich auch in diesem Kommentar von spradoc53: „Bin seit 4 Jahren jetzt im Ruhestand und mit mir eine Reihe von Kollegen aller Fachrichtungen, mit denen ich 20 Jahre lang gut zusammengearbeitet habe. Keiner von uns wäre auf die Idee gekommen dem anderen eine Rechnung zu stellen. Anders ist es aber wohl bei der nachrückenden Generation, die – bis auf eine Ausnahme – alle Rechnungen ausstellen.“ Er gibt zudem zu bedenken, dass dieser Wandel auch dazu beitragen würde, dass die Medizinertarife der PKV kontinuierlich steigen. Dem pflichtet inghell zu: „Die Kollegen sollten sich mal überlegen, weshalb es Arzttarife gibt und warum die günstiger sind. Und vor allem, warum der Abstand zum Normaltarif immer kleiner wird.“

„Unter Kollegen berechne ich nur Unkosten“

Zahlreiche Stimmen in der Diskussion zählen sich weder zum einen noch zum anderen Lager, sondern gehen einen Mittelweg: Sie berechnen innerhalb des ärztlichen Kollegenkreises nur Unkosten. Der User gezapal beispielsweise hat ein eigenes Standardvorgehen für sich entwickelt: „In unserer Gegend hat mir nur ein Kollege nie eine Rechnung ausgestellt. Alle anderen Kollegen aber immer. Ich stelle nur die Sachleistungen in Rechnung, Labor, Materialien und die Leistungen mit Steigerungsfaktor 0.“

Eine weitere Variante: Manche berechnen grundsätzlich nur den 1-fachen Satz und bestehen auch selbst auf eine Rechnung, wenn sie bei Kollegen in Behandlung sind. Meist geht es dabei nicht nur um den finanziellen Aspekt, sondern um das gute Gefühl, niemandem etwas zu schulden, wie tilwein verdeutlicht: „Ich stelle eine Rechnung einfacher Satz. Das entspricht meinem Kostenaufwand und senkt die Schwelle für einen erneuten Kontakt. Mir persönlich ist es auch lieber, selbst eine Rechnung zu bekommen, da ich nicht gerne jemandem etwas schulde.“

Ein anderer Kollege, der sich an der Diskussion beteiligte, berechnet grundsätzlich nur technische und personalintensive bzw. delegierte Leistungen. Er kennt auch den Drang, sich für eine erfolgte kostenlose Behandlung revanchieren zu wollen: „Es ist üblich, sich mit Naturalien zu bedanken: Da gilt dann der Wettbewerb, wer die leckerste Weinkiste o.ä. findet für den/die KollegIn“.

Dass ein Wandel in dieser Haltungsfrage nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch individuell stattfinden kann, zeigt ein Kommentar von meyer_60: „Als niedergelassener Anästhesist (1997 bis 2006) hatte ich einem Kollegen nie eine Rechnung gestellt und bei Familienangehörigen stets den 1,0-fachen Gebührensatz berechnet, wenn eine private Krankenversicherung vorlag. Heute als Psychotherapeut hatte ich bisher nur einmal eine Kollegin in Behandlung, der ich eine normale Rechnung (2,3-fach) stellte. Das würde ich vielleicht beim nächsten Mal überdenken“.

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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