Obst, Gemüse, Vollkorn, Sport: Mit gesundheitsbewußtem Verhalten leben Parkinson-Patienten länger

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

23. September 2022

Parkinson ist eine gefürchtete Krankheit, denn Therapien mildern bisher nur die Symptome, verhindern aber nicht den Untergang der Neuronen und die vorzeitige Sterblichkeit. Nun weckt eine Studie die Hoffnung, dass Patienten mit 2 „Gesundheitsklassiker“ gegensteuern können, nämlich mit Sport und einer Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkorn. In 2 großen Kohorten zeigte sich: Wer diese Maßregeln vor der Diagnose beherzigt hat und sich auch anschließend daran hält, vergrößert seine Chancen auf ein längeres Überleben.

 
Parkinson-Leitlinien könnten unsere Ergebnisse in Empfehlungen zu einem gesunden Lebensstil umsetzen. Dr. Xinyuan Zhang und Kollegen
 

„Parkinson-Leitlinien könnten unsere Ergebnisse in Empfehlungen zu einem gesunden Lebensstil umsetzen“, schreiben Dr. Xinyuan Zhang von der Harvard Medical School in Boston und ihre Kollegen in JAMA Network Open  [1]. An die Ärzte direkt wenden sich Prof. Dr. Beate R. Ritz von der University of California in Los Angeles und ihre Koautorin im Editorial [2]: „Neurologen sollten die Patienten zu guter Ernährung und viel Bewegung ermutigen, um die erhöhte Mortalität zu senken.“

 
Neurologen sollten die Patienten zu guter Ernährung und viel Bewegung ermutigen, um die erhöhte Mortalität zu senken. Prof. Dr. Beate R. Ritz und Kollegin
 

Gesunder Lebensstil bessert Parkinson-Beschwerden

Studien belegen bereits, dass ein solches Verhalten das Parkinson-Risiko senkt. Bei bereits Erkrankten bessern sich Verstopfung, Tagesmüdigkeit und Depression – also Beschwerden, die insgesamt die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Doch das Team interessierte sich für eine grundsätzlichere Frage: Besteht eine Assoziation zur Sterblichkeit? Und wenn ja, welches Bild ergibt sich vor der Diagnose, und welches danach?

Untersucht haben die Autoren das bei 2 großen US-Kohorten:

  • den fast 122.000 weiblichen Pflegekräften der Nurses' Health Study und

  • den rund 52.000 in medizinischen Berufen tätigen Männern der Health Professionals Follow-up Study.

Die Forscher werteten die Daten, die alle 2 Jahre erhoben wurden, ab Mitte der 1980er-Jahre aus.

Mittelmeerkost beugt chronischen Krankheiten vor

Die Infos zur Ernährung entnahmen sie validierten Fragebögen zur Häufigkeit des Verzehrs von Nahrungsmitteln, die das Risiko chronischer Krankheiten – darunter Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs – und die Sterblichkeit beeinflussen.

Zur Qualitätsmessung nutzten sie 2 Scores: Alternate Healthy Eating Index AHEI und Alternate Mediterranean Diet aMED. Sie stufen Gemüse, Obst, Vollkorn, Nüsse, Hülsenfrüchte, Fisch und ungesättigte Fette sowie einen mäßigen Alkoholkonsum als günstig ein, dagegen gezuckerte Getränke, rotes und verarbeitetes Fleisch, Transfette und Natrium als unzuträglich.

Maßgeblich für die körperliche Aktivität war, wie viel Zeit die Teilnehmer für diverse Bewegungsformen aufwendeten: Gehen, Laufen, Schwimmen, Radfahren, Gymnastik, Tennis, Gewichtheben, Arbeiten im Freien und Treppensteigen.

Mit MET lässt sich der Energieverbrauch vergleichen

Zur Berechnung diente das metabolische Äquivalent (metabolic equivalent of task, MET): die Zahl an Kalorien, die man je nach Körpergewicht bei einer bestimmten Tätigkeit im Vergleich zu Sitzen verbraucht, Formel MET x kg/h. Beispiel: Joggen hat einen MET-Wert von 6, so dass eine Frau, die 60 Kilo wiegt, pro Stunde 360 kcal benötigt.

Bei der Auswertung legten die Forscher Wert darauf, eine umgekehrte Kausalität zu minimieren. Sie bedachten also die Möglichkeit, dass Junk Food und Untätigkeit vor allem die Folgen einer schweren, zum vorzeitigen Tod führenden Erkrankung sind, statt zu den Ursachen zu gehören.

Je schlimmer die Patienten also an Tremor, Steifheit, Depressionen und Schluckstörungen leiden, umso weniger könnten sie zu einer gesunden Lebensweise imstande sein. Und tatsächlich verbringen sie den Tag meist sitzend, schreiben die Forscher. Daher richteten sie den Fokus hauptsächlich auf die Phase vor der Diagnose, wenn solche Symptome noch mild sind, und erst in zweiter Linie auf die Zeit danach.

Gesundheitsbewusstsein ist meist ganzheitlich

Während fast 34 Jahren erkrankten 1.251 Teilnehmer – Männer leicht in der Überzahl – an Parkinson, und zwar im mittleren Alter von 72 Jahren. Wer sich gesünder ernährte, war zugleich körperlich aktiver, rauchte seltener, hatte einen niedrigeren Body-Mass-Index (BMI), nahm weniger Koffein zu sich und mehr Flavonoide.

Zwei Drittel der Patienten starben, deutlich mehr Männer als Frauen (529 zu 413). Etwas mehr als der Hälfte der Todesfälle ging direkt auf das Konto von Parkinson. Sowohl in dieser speziellen als auch bei der allgemeinen Mortalität zeigte sich: Sie verringerte sich umso mehr, je besser der Lebensstil war.

Am stärksten ausgeprägt war die inverse Korrelation bei Teilnehmern, die sich sowohl hochwertig ernährten als auch sportlich waren, und zwar besonders nach der Diagnose, nämlich um 65% in der höchsten Tertile verglichen mit der niedrigsten.

Gutes Motto auch bei Parkinson: Wehret den Anfängen!

Dennoch betonen Ritz und ihre Kollegin den Nutzen im Vorfeld der Erkrankung: „Da Morbus Parkinson ein langes Prodromalstadium hat, ist es von größter Bedeutung, etwas zu finden, das die pathologische Kaskade schon vor der Diagnose blockiert und die Neurodegeneration bremst.“

 
Da Morbus Parkinson ein langes Prodromalstadium hat, ist es von größter Bedeutung, etwas zu finden, das die pathologische Kaskade schon vor der Diagnose blockiert und die Neurodegeneration bremst. Prof. Dr. Beate R. Ritz und Kollegin
 

Die Forscher fanden keine signifikante Wechselwirkung zwischen Ernährung und Bewegung, was nach ihren Worten darauf hindeutet, dass beides unabhängig voneinander die Sterblichkeit senkt.

Flavonoide – rote, blaue, gelbe oder violette Pflanzenfarbstoffe

Faktor Ernährung: Bei Teilnehmern, die vor der Diagnose in der höchsten Quartile des AHEI-Scores lagen, war sie im Vergleich zu jenen der niedrigsten Quartile um 31% verringert, ohne signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern. Nach der Diagnose fiel der Vorteil mit 43% noch stärker ins Gewicht.

Eine wesentliche Komponente gesunder Kost sind Flavonoide, reichlich enthalten etwa in Beeren, Grünkohl, Zwiebeln, Tee oder Soja. Wenn ihr Einfluss abgerechnet wurde, schwächte sich der Zusammenhang zwischen Ernährung und Sterblichkeit ab, obwohl er signifikant blieb.

Wie ist der Schutz zu erklären? Eine wichtige Rolle spielen wohl Antioxidantien, etwa in Obst und Gemüse, erläutern die Autoren. Zudem könnte gesundes Essen den oxidativen Stress und damit die metabolischen Risikofaktoren für Parkinson abmildern. Insofern würde die Neuroinflammation gebremst, die den Untergang der Nervenzellen beschleunigt. Und schließlich entsteht durch eine ballaststoffreiche Ernährung vermutlich ein vorteilhaftes Darmmikrobiom, das über epigenetische Veränderungen günstige Prozesse fördert.

9 Stunden Radfahren pro Woche wäre ein Ziel

Faktor körperliche Aktivität: Hierfür ergab sich ein ähnlicher umgekehrter Zusammenhang. Verglichen mit der niedrigsten Quartile war das Sterberisiko bei Teilnehmern, die vor der Diagnose im höchsten Segment lagen, um 29% niedriger, danach sogar um 53%. Das galt für Männer, die sich in ihrer Freizeit mindestens 35 bis 37 MET-Stunden pro Woche bewegten, und für Frauen mit 18 bis 21 MET-Stunden – entsprechend 10 bis 20 Stunden Gehen oder 5 bis 9 Stunden Radfahren.

Den positiven Effekt erklären die Forscher damit, dass Sport einerseits chronische Entzündungen hemmt, und andererseits die Funktion der Mitochondrien, die Bildung von vorteilhaften Wachstumsfaktoren und Rezeptoren fördert.

Die Autorinnen des Editorials haben noch eine Anmerkung: „Die Forscher um Zhang gehen nicht auf die Frage ein, ob gesundheitsförderndes Verhalten die Sterblichkeit möglicherweise dadurch reduziert, dass sich häufige Komorbiditäten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Hypercholesterinämie bessern.“

Und die Wissenschaftler selbst weisen noch darauf hin, dass die Teilnehmer überwiegend Weiße mit relativ hohem sozioökonomischem Status waren, so dass die Ergebnisse eventuell nur eingeschränkt für andere Bevölkerungsgruppen gelten.

 

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