Wer hat Angst vor der HRT? Für welche Frauen Hormone gegen Wechseljahrsbeschwerden inzwischen eine risikoarme Option sind

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

22. September 2022

Hitzewallungen, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen – 3 von 4 Frauen haben Beschwerden in den Wechseljahren. Ein Drittel davon fühlt sich dadurch stark beeinträchtigt.

Obwohl eine Hormonersatztherapie (HET) die Symptome am wirksamsten lindert, nehmen nur wenige Frauen Hormone ein. Die Angst vor den Risiken – etwa an Brustkrebs zu erkranken oder einen Schlaganfall zu erleiden – überwiege, berichtete Dr. Katrin Schaudig, Gynäkologin mit Schwerpunkt gynäkologische Endokrinologie in Hamburg und Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft, auf der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) [1].

Die Zurückhaltung gegenüber einer HET – laut Schaudig nehmen nach einem Bericht der Techniker Krankenkasse derzeit nur 6,2% der Frauen Hormone ein – gründet sich vor allem auf die im Jahr 2002 publizierte Women`s Health Initiative Study, die die Risiken einer Hormontherapie beleuchtet hatte.

 
Es hat Jahre gedauert und eine Fülle von Daten gebraucht, bis man zu dem Schluss kam, dass für die meisten Frauen die Vorteile einer HET die Risiken überwiegen. Zoe Schaedel und Janice Rymer
 

„Alle errechneten Risiken waren allerdings nach Definition der WHO als „seltene Nebenwirkung“ einzustufen, nämlich in aller Regel weniger als 10 Fälle pro 10.000 Frauen pro Jahr“, erklärte Schaudig. „Das sollte man bedenken, wenn man über Vor- und Nachteile einer Hormonersatztherapie spricht.“

In einem im Juli 2022 im Lancet erschienenen Kommentar berichten Zoe Schaedel und Janice Rymer über die Versorgung von Frauen in der Menopause in Großbritannien. Sie schreiben: „Es hat Jahre gedauert und eine Fülle von Daten gebraucht, bis man zu dem Schluss kam, dass für die meisten Frauen die Vorteile einer HET die Risiken überwiegen.“

Hormonersatztherapie heute schonender als vor 20 Jahren

Laut aktuell gültiger S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause soll Frauen mit Hitzewallungen eine Hormonersatztherapie angeboten werden. „Der Leitlinie entsprechend kommen für eine Hormonersatztherapie nur Frauen mit Leidensdruck und Beschwerden infrage, das ist ungefähr ein Drittel bis die Hälfte der Frauen“, sagte Schaudig.

Die Gynäkologin weist darauf hin, dass vor 20 Jahren noch Hormonpräparate eingesetzt wurden, die Ärztinnen und Ärzte heute überwiegend nicht mehr verwenden. „Wir therapieren heute moderner als vor 20 Jahren. Es scheint so zu sein, das geschluckte Hormone in Kombination mit alten synthetischen Gestagenen mehr Risiken bergen. Das gilt vor allem für die geschluckten Östrogene. Wir wissen inzwischen: Wird das Östrogen über die Haut aufgetragen – als Pflaster, Gel oder Spray – dann können die Risiken im Bereich der Gefäße praktisch umgangen werden. Also kein Thromboserisiko, kein Schlaganfallrisiko, wahrscheinlich auch kein Infarkt-Risiko.“

 
Der Leitlinie entsprechend kommen für eine Hormonersatztherapie nur Frauen mit Leidensdruck und Beschwerden infrage, das ist ungefähr ein Drittel bis die Hälfte der Frauen. Dr. Katrin Schaudig
 

Bestehen bleibt ein erhöhtes Brustkrebsrisiko. Es spreche viel dafür, dass moderne Gestagene (und vor allem Gestagene sind für das Brustkrebsrisiko verantwortlich) das Risiko verringern. „Auch damit ist das Risiko nicht wegzudiskutieren, es ist aber überschaubar. Deshalb ist Früherkennung – die regelmäßige Teilnahme an der Mammographie und einmal jährlich ein Ultraschall der Brust das A und O“, betonte Schaudig.

Mit der Dauer einer HET steigt das Brustkrebsrisiko

Je länger man die Hormone nimmt, desto stärker steigt die Häufigkeit von Brustkrebs im Vergleich zu Frauen, die keine Hormone nehmen, bestätigt Schaudig. Nach 5-jähriger Anwendung sind 2 von 1.000 Frauen mehr pro Jahr von Brustkrebs betroffen, nach 10 Jahren 6 auf 1.000 Frauen mehr, bei 15 Jahren 12 von 1.000 Frauen mehr.

„Man muss sagen: Brustkrebs ist eine sehr häufige Erkrankung – jede 8. Frau bekommt in ihrem Leben Brustkrebs. Wird mit Hormonen substituiert ist es – wenn die Hormone lange eingenommen werden – vielleicht jede 7. Frau. Deshalb ist Früherkennung so wichtig. Ein früh erkannter Brustkrebs im Stadium 1 hat laut Robert Koch-Institut eine 5-Jahres Überlebensrate von 100%“, so Schaudig.

Für die Therapieentscheidung sollten der individuelle Leidensdruck der Patientin, ihre Bedürfnisse und ihre Risikofaktoren berücksichtigt werden. Frauen, die spät in die Wechseljahre kommen, haben ein deutlich höheres Brustkrebsrisiko, als Frauen, die die früh in die Wechseljahre kommen. Auch übergewichtige und adipöse Frauen haben ein höheres Brustkrebsrisiko. „Das hat wahrscheinlich etwas mit der häufiger vorhandenen Insulinresistenz oder dem schon vorhandenen Diabetes zu tun“, kommentierte Schaudrig.

Gewicht abnehmen reduziert das Brustkrebsrisiko, ein verringerter Alkoholkonsum und Sport ebenfalls. „Wenn ich durch Hormonanwendung mein Brustkrebsrisiko etwas erhöhe, kann ich es durch Lebensstilveränderungen etwas senken“, gab Schaudig zu bedenken.

Ein Ausschlussfaktor für eine Hormonersatztherapie kann eine vorangegangene Brustkrebserkrankung sein, weil eine HET das Risiko für ein Wiederauftreten des Mammakarzinoms erhöhen kann. Kommt eine HET nicht infrage, stehen viele weitere nicht-hormonelle Therapieansätze zur Verfügung. Dazu gehören etwa Antidepressiva, Phytoöstrogene, Johanniskraut- und Traubensilberkerze-(Cimicifuga)-Präparate, Sport, Akupunktur, kognitive Verhaltenstherapie und Hypnose.

„Wenn die Patientin keine Hormone nehmen will oder nicht darf gibt es Alternativen. Die aber, das muss man ehrlicherweise sagen, bei starken Beschwerden nur bedingt hilfreich sind. Aber das muss man im Einzelfall entscheiden“, schloss Schaudig.

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