Lungenkrebs bei Nichtrauchern ist anders: Darin unterscheiden sich kleinzellige Bronchialkarzinome von Tumoren bei Rauchern

Jim Kling

Interessenkonflikte

20. September 2022

Paris – Ärzte führen das kleinzellige Bronchialkarzinom (SCLC, small-cell lung cancer) fast ausschließlich auf das Rauchen zurück. Allerdings liefern Studien Hinweise, dass die SCLC-Prävalenz unter Nichtrauchern höher sein könnte als erwartet.

Eine neue retrospektive Analyse deutet darauf hin, dass die Krankheit bei Rauchern ein anderes genomisches Profil aufweist als bei Nichtrauchern. Zu den wichtigsten Unterschieden gehören, dass TP53-Genmutationen seltener, aber Veränderungen des epidermalen Wachstumsfaktorrezeptors (EGFR) häufiger zu finden sind bei Patienten, die nie geraucht haben [1].

SCLC: Nicht nur an Rauchen als Risikofaktor denken

Dazu ein Blick auf Zahlen: Etwa 6,9% der Patienten mit kleinzelligem Lungenkrebs in der CASPIAN-Studie waren Nichtraucher, in der IMpower133-Studie waren es 3,0%.

„Angesichts der Tatsache, dass die Entstehung von kleinzelligen Bronchialkarzinomen häufig mit den schädlichen Auswirkungen des Tabakkonsums in Verbindung gebracht wird, stellten wir die Hypothese auf, dass dieser Lungenkrebs bei Nichtrauchern andere molekulare Merkmale aufweisen würde. Unsere Daten liefern keine handfesten Hinweise auf Behandlungsmöglichkeiten, werfen aber Fragen auf, die unserer Meinung nach weiter untersucht werden sollten“, sagte Dr. Michael Oh bei der Präsentation der Studienergebnisse beim ESMO-Kongress 2022. Er ist Stipendiat an der University of California, Los Angeles.

 
Wir stellten die Hypothese auf, dass dieser Lungenkrebs [SCLC] bei Nichtrauchern andere molekulare Merkmale aufweisen würde. Dr. Michael Oh
 

Laut Dr. Antonio Passaro, der als Diskutant eingeladen worden war, sei das Thema klinisch von Bedeutung. Der Onkologe am Europäischen Institut für Onkologie in Mailand wies darauf hin, dass kleinzelliger Lungenkrebs bei Nichtrauchern die siebthäufigste krebsbedingte Todesursache weltweit sei. Beim nicht-kleinzelligem Lungenkrebs sind die Raten an Neuerkrankungen bei Rauchern zwar rückläufig, aber die Diagnosen bei Nichtrauchern nehmen zu.

Nicht rauchende Patienten mit kleinzelligem Lungenkrebs hätten keine bessere Prognose, und Fortschritte wie Immuntherapien oder Niedrigdosis-CT-Lungenkrebs-Screenings kämen überproportional stark aktuellen oder ehemaligen Rauchern zugute, sagte Passaro.

Zu den potenziellen Risikofaktoren für Personen, die niemals geraucht haben, gehören Umwelteinflüsse wie Radon, Heizöldämpfe, Abgase durch Holzverbrennung in Innenräumen und im Freien, genetische Faktoren und virale Infektionen. „Momentan verfügen wir nicht über das Wissen, um den wichtigsten Faktor für die Entwicklung von Lungenkrebs bei Nichtrauchern zu identifizieren“, berichtete Passaro.

 
Momentan verfügen wir nicht über das Wissen, um den wichtigsten Faktor für die Entwicklung von Lungenkrebs bei Nichtrauchern zu identifizieren. Dr. Antonio Passaro
 

Die aktuellen Studienergebnisse seien zwar interessant, aber Folgeuntersuchungen seien erforderlich, etwa „Längsschnittstudien, die detaillierte klinische Daten mit Gewebe- und Blutproben kombinieren“, erklärte Passaro. Zu den Schlüsselfragen gehörten genomische Unterschiede in normalem Lungengewebe, die Mikroumgebung der Lunge, weitere genetische Faktoren und Umweltbelastungen.

Eine wichtige Möglichkeit ist die Luftverschmutzung. „Wir wissen, dass Lungenkrebs bei Personen, die nie geraucht haben, in einigen Ländern häufig ist, zum Beispiel in asiatischen Ländern, und dass er in den Vereinigten Staaten häufiger auftritt als in Europa, aber eine Erklärung für diese Daten zu finden, ist derzeit schwierig“, sagte Passaro.

Details zur Studie

Die Forscher analysierten retrospektiv Daten von 608 aktuellen oder ehemaligen Rauchern und 54 Personen, die nie geraucht hatten. Alle waren am SCLC erkrankt.

70,4% der Patienten ohne jeglichen Nikotinkonsum und 55,1% der aktuellen oder ehemaligen Raucher waren weiblich (p=0,031). Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen in Bezug auf das Alter bei der Diagnose oder die Ethnie.

Die somatischen Mutationen ähnelten denen, die in früheren Studien bei gegenwärtigen oder ehemaligen Rauchern gefunden wurden. 85,2% hatten Veränderungen in TP53, verglichen mit nur 59,3% der Personen ohne jeglichen Tabakkonsum (Q<0,001). EGFR-Veränderungen waren bei Personen, die nie geraucht hatten, häufiger, nämlich 25,9% gegenüber 2,6% (Q<0,001). Das galt ebenso für PIK3CA-Veränderungen (14,8% gegenüber 3,6%; Q=0,022). Hinsichtlich der RB1-Veränderungen gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

Patienten ohne jeglichen Tabakkonsum hatten Tumore mit einer geringeren Immunzellinfiltration (p=0,008), einschließlich weniger CD4+-T-Zellen, CD8+-T-Zellen und Makrophagen. Ihre Tumormutationslast war ebenfalls geringer (Median 2,59 vs. 4,99; p<0,001).

Der Beitrag ist im Original erschienen auf www.medscape.com und wurde von Michael van den Heuvel übersetzt und adaptiert.

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