Risikofaktor Zeitumstellung: Macht Schlafmangel Menschen asozial? Hinweise auf sinkende Hilfsbereitschaft – sogar im MRT

Nancy A. Melville

Interessenkonflikte

15. September 2022

Schlafmangel wird mit weniger Altruismus und mit einer geringeren Neigung, anderen zu helfen, in Verbindung gebracht, wie neue Forschungsergebnisse zeigen. Dabei umfasst Schlafmangel nicht nur pathologische Störungen, sondern beispielsweise auch die Zeitumstellung. Auswirkungen zeigten sich sogar auf neurologischer Ebene bei MRT-Untersuchungen des Gehirns. Die Ergebnisse wurden in PLOS Biology veröffentlicht [1]

„In dieser Studie zeigen wir, dass unzureichender Schlaf ein kausaler, bisher nicht erkannter Faktor ist, der bestimmt, ob Menschen sich entscheiden, anderen zu helfen oder nicht, ausgelöst durch eine Unterbrechung der Aktivität wichtiger prosozialer Gehirnnetzwerke“, sagte Dr. Eti Ben Simon zu Medscape. Sie ist Hauptautorin der Studie und forscht am Center for Human Sleep Science, Department of Psychology, der University of California, Berkeley. Unter prosozialem Verhalten versteht man in der Sozialpsychologie freiwillige Handlungen, die dazu bestimmt sind, einer anderen Person oder Gruppe von Personen zu helfen.

 
In dieser Studie zeigen wir, dass unzureichender Schlaf ein kausaler, bisher nicht erkannter Faktor ist, der bestimmt, ob Menschen sich entscheiden, anderen zu helfen oder nicht. Dr. Eti Ben Simon
 

„Die Studie ergänzt eine wachsende Zahl von Veröffentlichungen, die zeigen, dass unzureichender Schlaf nicht nur das geistige und körperliche Wohlbefinden eines Menschen beeinträchtigt, sondern auch die Bindungen zwischen Individuen – und sogar die altruistischen Gefühle einer ganzen Nation – gefährdet“, sagte Ben Simon.

Vermindertes Verlangen zu helfen

Da frühere Studien gezeigt haben, dass Hirnveränderungen wie Läsionen das neuronale Netzwerk der sozialen Kognition und folglich auch das Niveau von Empathie und Mitgefühl beeinträchtigen, wollten die Forscher untersuchen, wie sich ein weiterer bekanntermaßen schädlicher Faktor (Schlafverlust) auf diese Region auswirken könnte – speziell in Hinblick auf altruistische Entscheidungen.

In der ersten ihrer 3 Studien wurden 23 Personen (Durchschnittsalter 20 Jahre; 54% Frauen) mit einem 40 Punkte umfassenden Fragebogen der Self-Report Altruism Scale unter 2 Bedingungen untersucht: nach einer erholsamen Nacht oder nach 24 Stunden Schlafentzug.

Die beiden Sitzungen lagen mindestens 7 Tage auseinander. Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip entweder für die Sitzung mit Schlafentzug oder für die Sitzung mit normaler Nachtruhe ausgewählt.

Der Fragebogen enthielt Szenarien wie „Wenn ich es eilig hätte, zur Arbeit zu kommen, und jemand würde mich anhalten, um nach dem Weg zu fragen, würde ich...“ oder „Ich würde einer Fremden, die mit ihren Einkaufstüten zu kämpfen hat, beim Tragen helfen“. Die Skala der möglichen Antworten reichte von „Ich würde auf jeden Fall helfen“ bis „Ich würde ihn oder sie ignorieren.“

Ergebnisse dieser Studie zeigten, dass altruistische Antworten nach einer Nacht mit Schlafentzug bei 78% der Teilnehmer im Vergleich zu den Antworten nach einer durchgeschlafenen Nacht signifikant abnahmen (p=0,011).

Die Verringerung des Altruismus war unabhängig von müdigkeitsbedingten Stimmungsschwankungen oder von einer Verringerung der Motivation (p<0,01), und der Effekt war auch unabhängig von Unterschieden im individuellen Empathie-Niveau.

Überraschenderweise galt der geringere Altruismus nach Schlafmangel nicht nur für Fremde, sondern auch für Szenarien, in denen hypothetisch Freunden oder Kollegen geholfen werden sollte – ohne signifikante Unterschiede zwischen beiden Gruppen.

„Interessanterweise – und im Widerspruch zu klassischen Theorien, die davon ausgehen, dass Menschen eher ihren engsten Verwandten helfen – beeinträchtigte Schlafmangel den Drang, anderen zu helfen, unabhängig davon, ob sie gebeten wurden, Fremden oder nahen Verwandten zu helfen“, sagte Ben Simon. „Das heißt, Schlafmangel löst einen Phänotyp asozialen Verhaltens mit weitreichenden und wahllosen Auswirkungen aus.“

 
Schlafmangel löst einen Phänotyp asozialen Verhaltens mit weitreichenden und wahllosen Auswirkungen aus. Dr. Eti Ben Simon
 

Veränderungen im MRT sichtbar

Funktionelle MRTs (fMRT) bei 23 Teilnehmern zeigten, dass die Nacht der Schlafstörung mit einer signifikanten Verringerung eines neuronalen Netzwerks in Verbindung steht, das an prosozialen Verhaltensweisen beteiligt ist (p=0,02).

Darüber hinaus korrespondierte das Ausmaß der Beeinträchtigung des sozialen kognitiven Netzwerks im fMRT mit der Abnahme des Altruismus (p=0,046). Ähnliche Veränderungen wurden in anderen funktionellen Standardnetzwerken des Gehirns nicht beobachtet. Die Veränderungen im MRT waren auch nicht mit positiven und negativen Stimmungen im Zusammenhang mit Schlafverlust oder einer Verringerung der Motivationsbemühungen verbunden.

„Diese Daten weisen auf einen zentralen neuronalen Pfad hin, der dem Profil des asozialen Verhaltens bei Schlafverlust zugrunde liegt“, so Ben Simon.

 
Diese Daten weisen auf einen zentralen neuronalen Pfad hin, der dem Profil des asozialen Verhaltens bei Schlafverlust zugrunde liegt. Dr. Eti Ben Simon
 

Rolle der Schlafeffizienz

In einer weiteren Studie untersuchten die Forscher die Rolle der Schlafeffizienz im Zeitverlauf bei 171 Teilnehmern (Durchschnittsalter 37 Jahre) mit insgesamt 136.441 Datensätzen.

Eine schlechtere Schlafeffizienz laut Angaben der Probanden stand mit einem Rückgang des am nächsten Tag geäußerten Wunsches, anderen zu helfen, in Verbindung (p<0,05), wobei diese Ergebnisse auch unabhängig von den Werten für Empathie und schlafbezogenen Veränderungen der Stimmung waren.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass schlechter Schlaf, entweder bei allen Personen oder im Vergleich zum eigenen gewohnten Schlafprofil, das prosoziale Helfen signifikant und deutlich reduziert“, schreiben die Forscher.

 
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass schlechter Schlaf … das prosoziale Helfen signifikant und deutlich reduziert. Dr. Eti Ben Simon und Kollegen
 

Welchen Effekt haben Zeitumstellungen?

In der dritten und letzten Studie gingen Forscher möglichen Auswirkungen von Schlafmangel auf einer Makroebene nach, indem sie das Spendenverhalten nach Umstellung auf die Sommerzeit untersuchten, wenn die Bevölkerung in den meisten US-Bundesstaaten eine Stunde Schlaf verloren hat. 

Die Analyse umfasste mehr als 3 Millionen Spendenzahlungen, die zwischen 2001 und 2016 getätigt wurden. Um den Einfluss saisonaler Veränderungen auf das Spendenverhalten zu vermeiden, wurden die durchschnittlichen Spenden zwischen der Sommerzeit-Umstellung und den Monaten vor und nach der Zeitumstellung verglichen.

Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Rückgang der Spenden in der Zeit um die Sommerzeitumstellung im Vergleich zu Vergleichszeiträumen, mit einem Rückgang der Spenden um etwa 10% während der Zeitumstellung (p<0,005).

In einer weiteren Analyse wurde untersucht, ob die geringere Spendenbereitschaft nicht auf den Verlust einer Stunde Schlaf, sondern auf den Verlust einer Stunde Zeit am Tag zurückzuführen ist, die für Spenden quasi nicht mehr zur Verfügung steht. Eine Bereinigung ergab jedoch ähnliche Ergebnisse.

Wichtig ist, dass die gleiche Verringerung der Spendenbereitschaft in den Regionen der USA, in denen die Sommerzeit nicht gilt, nicht beobachtet wurde. „Diese letzte Erkenntnis war für uns vielleicht die überraschendste“, sagte Ben Simon. „Selbst nur eine Stunde Schlafverlust war mehr als genug, um die Entscheidung zu beeinflussen, einem anderen zu helfen.“

 
Selbst nur eine Stunde Schlafverlust war mehr als genug, um die Entscheidung zu beeinflussen, einem anderen zu helfen. Dr. Eti Ben Simon
 

Angesichts der Daten der National Sleep Foundation, die besagen, dass mehr als 50% aller Menschen in den Ländern der Ersten Welt angeben, während der Arbeitswoche nicht genügend Schlaf zu bekommen, könnten die Resultate weitreichende Auswirkungen haben.

„Unsere Ergebnisse zeigen zwar die negativen Auswirkungen von unzureichendem Schlaf, aber sie weisen auch darauf hin, dass ausreichender Schlaf ein Faktor ist, der zu größerer Leistungsfähigkeit führt“, schreiben die Autoren. „Dies steht im Gegensatz zu festeren Strukturen wie Persönlichkeitsmerkmalen oder umfassenderen kulturellen Vorschriften, die als Interventionsmethoden zur Förderung prosozialen Helfens wahrscheinlich schwer zu erreichen sind“, fügen sie hinzu.

Soziale Folgen des Schlafmangels verstehen

Prof. Dr. Andrew Coogan, Professor für Verhaltensneurowissenschaften am Institut für Psychologie der Maynooth University in Kildare, Irland, sagte zu Medscape, dass die Studie einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Bedeutung des Schlafs für eine ganze Reihe von Verhaltensweisen leiste.

„Kurzer/unzureichender Schlaf ist ein gesellschaftliches Problem, und die Würdigung der sozialen und zwischenmenschlichen Aspekte von Schlafmangel ist ein Schlüssel zum Verständnis der breiteren gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen von schlechtem Schlaf in der Allgemeinbevölkerung“, sagte Coogan, der nicht an der Studie beteiligt war.

Er wies darauf hin, dass die mit der Sommerzeit einhergehenden Veränderungen besonders stark ins Gewicht fielen. „Die Umstellung auf die Sommerzeit verstärkt den sogenannten sozialen Jetlag, d.h. die Diskrepanz zwischen der inneren Zeit der körpereigenen zirkadianen Uhr und den sozialen Zeitplänen, die wir einhalten“, so Coogan.

Ältere Studien hätten gezeigt, dass das Leben im westlichen Teil der US-Zeitzonen, das mit einem größeren sozialen Jetlag und daher mit verkürztem Schlaf verbunden sei, auch mit „weniger prosozialem Verhalten“ in Verbindung gebracht werde, stellte er fest.

„Die aktuellen Daten aus der Praxis, die einen Rückgang der Spenden für wohltätige Zwecke um die Zeitumstellung herum zeigen, stimmen mit früheren Ergebnissen überein“, so Coogan.

Der Beitrag ist im Original erschienen auf www.medscape.com und wurde von Michael van den Heuvel übersetzt und adaptiert.

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