Ferndiagnosen über Video-Konsultationen sind fast so treffsicher wie beim Arztbesuch – aber Unterschiede bei Fachrichtungen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

14. September 2022

Während der COVID-19-Pandemie haben Ärzte – soweit möglich – auf die Telemedizin gesetzt. Doch wie gut sind Diagnosen aus der Ferne wirklich?

Antworten auf diese Frage liefern Dr. Bart M. Demaerschalk vom Mayo Clinic College of Medicine and Science, Phoenix, Arizona, und Kollegen. Sie haben bei rund 2.400 Patienten Diagnosen nach telemedizinischen Konsultationen und nach Praxisbesuchen verglichen. Bei 87% der Patienten waren ICD-10-Codes identisch.

 
Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Videokonsultationen bei den meisten neu auftretenden Erkrankungen ein hohes Maß an diagnostischer Übereinstimmung mit persönlichen Besuchen aufweisen. Dr. Bart M. Demaerschalk und Kollegen
 

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Videokonsultationen bei den meisten neu auftretenden Erkrankungen ein hohes Maß an diagnostischer Übereinstimmung mit persönlichen Besuchen aufweisen“, schreiben die Autoren. Sie haben ihre Ergebnisse in JAMA veröffentlicht [1].

Videokonsultation versus ambulanter Termin

Demaerschalks Team schloss Patienten ein, die innerhalb eines Zeitfensters von 90 Tagen wegen der gleichen Beschwerden im gleichen Fachgebiet eine telemedizinische Videokonsultation und dann einen ambulanten Termin vor Ort in Anspruch genommen hatten. Die vorläufige Diagnose während der virtuellen Konsultation wurde von 2 medizinischen Gutachtern mit der Referenzstandarddiagnose verglichen.

Die Studie wurde zwischen dem 24. März und dem 24. Juni 2020 an mehreren Standorten der Mayo Clinic durchgeführt. Als Software für telemedizinische Konsultationen kam Zoom Care Anyplace zum Einsatz.

Hohe diagnostische Übereinstimmung

Die Analyse umfasste 2.393 Teilnehmer. Ihr mittleres Alter lag bei 53 Jahren. In der Kohorte waren 1.381 (57,7%) Frauen und 1.012 (42,3%) Männer.

Die vorläufige Diagnose, die bei einem telemedizinischen Videobesuch gestellt wurde, stimmte in 2.080 von 2.393 Fällen (86,9%; 95%-Konfidenzintervall: 85,6%-88,3%) mit der Diagnose bei einer Untersuchung vor Ort überein.

Je nach Diagnose, erfasst anhand des ICD-10, gab es Unterschiede. Die Übereinstimmung reichte von 64,7% (95%-KI: 42,0%-87,4%) für Erkrankungen des Ohrs und des Warzenfortsatzes des Schläfenbeins bis zu 96,8% (95%-KI: 94,7%-98,8 %) für Neoplasien.

Die diagnostische Übereinstimmung nach medizinischer Fachrichtung schwankte zwischen 77,3% (95%-KI: 64,9%-89,7%) für die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und 96,0% (95%-KI: 92,1%-99,8%) für die Psychologie bzw. die Psychiatrie. Bei der fachärztlichen Versorgung war die Wahrscheinlichkeit signifikant höher als bei der hausärztlichen Versorgung, dass telemedizinische Diagnosen mit einem anschließenden persönlichen Besuch übereinstimmten (Odds Ratio: 1,69; 95%-KI: 1,24-2,30; p < 0,001).

Von allen 2.393 Patienten bekamen 313 (13,1%) vorläufige Diagnosen, die nicht ausreichend mit Referenzstandarddiagnosen übereinstimmten. Bei 36 von 166 (21,7%) war die Morbidität erhöht und 3 von 30 (10,0%) sind während des 90-Tage-Intervalls gestorben.

Die Autoren stellten fest, dass bei 5 von 6 dieser Patienten die Todesursache in keinem Zusammenhang mit der Videokonsultation stand bzw. dass die Todesursache nicht hätte verhindert werden können, wenn der Patient stattdessen zu einer persönlichen Konsultation erschienen wäre. In Einzelfällen würden Patienten dennoch vom persönlichen Termin profitieren.

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Kommentar

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