400-Millionen-Streich? Die gematik hat sich für den Konnektoren-Austausch entschieden – völlig unnötig, sagen Technik-Experten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

7. September 2022

Die Leute des Computermagazins „C`t“ wollen der gematik quasi mit dem Schraubenzieher nachweisen, dass der 400 Millionen Euro teure Austausch der Konnektoren in den Arztpraxen und Krankenhäusern des Landes durch weitaus preisgünstigere Varianten ersetzbar wäre.

Doch die gematik hat sich anders entschieden. Nach ihrer Gesellschafterversammlung Ende August teilte sie mit: „Bei allen bis August 2023 ablaufenden Konnektoren ist der Austausch weiterhin die einzig sinnvolle Alternative.“ Für Geräte, die später ablaufen hat die gematik am September 2023 Wahlmöglichkeiten vorgesehen.

Was ist passiert? Über die besonders abgesicherten Router, die Konnektoren, kommunizieren Ärzte in Klinik und Praxis mit der Telematik-Infrastruktur (TI), also mit anderen Ärzten, mit Krankenhäusern, Apotheken und Patienten. Zuständig für die TI ist die gematik und ihre Gesellschafterversammlung, die mit 51% vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) dominiert wird.

Die Konnektoren verfügen über ein so genanntes Kryptozertifikat, das nach 5 Jahren abläuft. Für die ersten Konnektoren ist es bereits so weit. Der Hersteller CGM hatte 2017 als erster Anbieter die „KoCoBox zur Verfügung gestellt. Von diesen Geräten wurden 15.000 installiert und müssen in diesem Jahr erneuert werden, denn sie können ohne Zertifikat nicht genutzt werden. Das würde in Praxen zum Beispiel dazu führen, dass Patienten ihre Gesundheitskarte nicht mehr einlesen können und die Bestätigung ihres Praxisbesuchs mit Papier und Kugelschreiber erfolgen muss.

heise-online sieht preisgünstigere Varianten

Eigentlich hätte nach der 5-Jahres-Frist die Telematik-Infrastruktur 2.0 bereit sein sollen als eine Technik, die ohne Konnektoren auskommt. Aber so weit ist es noch nicht, der Start ist inzwischen auf das Jahr 2025 verlegt worden.

Also soll eine Zwischenlösung her – neue Konnektoren. Die gematik habe „alle Alternativen zu einem Austausch der Konnektoren in den Praxen betrachtet“, teilte die gematik nach ihrer letzten Sitzung zum Thema mit. „Das Ergebnis: Bei allen bis August 2023 ablaufenden Konnektoren ist der Austausch weiterhin die einzig sinnvolle Alternative.“

Nach Ansicht der gematik und des Bundesgesundheitsministeriums lassen sich die Zertifikate nicht erneuern. Erst für Konnektoren, die ab September 2023 ablaufen, werden Wahlmöglichkeiten für den TI-Anschluss einer medizinischen Einrichtung denkbar, so die gematik, etwa „eine Laufzeitverlängerung der TI-Gerätekarte oder ein Anschluss über eine Rechenzentrumslösung.“

Die Entscheidung wirkt umso weniger plausibel, als dass die Redakteure des Computer-Magazins C`t einen der Router problemlos aufgeschraubt haben und das Kryptozertifikat kurzerhand verlängern konnten. Dazu haben sie schlicht die 3 so genannte gSMC-Karten ausgebaut und wiedereingesetzt.

„Die KoCoBox bootete anschließend klaglos und konnte weiterverwendet werden. Dies widerspricht der Aussage von CGM, die Zertifikate seien fest verbaut“, schreiben die Redakteure auf dem Portal heise online. Sie Leute von C´t konnten sogar „eine KoCo-Box reanimieren die nicht mehr bootete, indem wir gSMC-Karten und Stützbatterie kurz entfernten und wieder einsetzten.“

Die Verlängerung des Zertifikats würde nach Einschätzung von C`t nur einen Bruchteil der Kosten eine Konnektor-Austausches kosten. CGM verlangt für den Austausch zwischen 2.161 und 2.330 Euro.

Bedenkt man, dass ein Austausch der Hardware gar nicht nötig wäre, sondern nur der Austausch der gSMC Karten, würde nur ein Bruchteil der Kosten anfallen. C`t schätzt, dass pro KoCoBox rund 1.500 Euro gespart werden könnten.

Die gematik wehrt sich, die KBV ist enttäuscht

Die gematik wehrt sich gegen die Vorwürfe von heise-online, es werde Geld verschwendet. „Für Geräte, die ab September 2023 ablaufen, sollen Alternativen möglich werden, wie ein TI-Anschluss künftig aussehen kann“, teilt die gematik auf Anfrage mit. „Allerdings kommt das nur in Betracht, wenn der wirtschaftliche Anreiz für die Industrie, die diese Lösungen für den Markt umsetzen müsste, auch attraktiv sind. Deshalb hat die gematik-Gesellschafterversammlung den Bundesmantelvertragspartnern empfohlen, das Finanzierungsmodell für die sichere Anbindung an die Telematikinfrastruktur entsprechend anzupassen.“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung indessen ist unglücklich mit der Entscheidung. „Wir sind sehr enttäuscht – auch darüber, dass offenbar das Interesse insgesamt gering ist, die Frage zu klären, ob dreistellige Millionenausgaben, die der Konnektorentausch kosten wird, wirklich notwendig sind“, teilt die KBV auf Anfrage mit.

„Es wurde von der Mehrheit der Gesellschafter vielmehr ein Beschluss getroffen, wonach die gematik bis September 2023 Zeit hat, Aussagen zu möglichen Alternativen zu treffen. Dieser Beschluss lässt die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen aktuell vollkommen im Unklaren, was verbindliche Aussagen zu möglichen Alternativen eines Konnektorentauschs angeht. Wir konnten da unmöglich mitgehen und haben konsequent mit ‚Nein‘ gestimmt.“

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Hier ist der  Link  zu unseren kostenlosen Newsletter-Angeboten – damit Sie keine Nachrichten aus der Medizin verpassen.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....