Gegen „alternative Fakten“: Mit kurzen Info-Videos manipulative Strategien entlarven – Studie weist den Weg

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

6. September 2022

Kurze Videos, die über manipulative Techniken bei der Verbreitung von Fehlinformationen aufklären, leisten möglicherweise einen Beitrag, um solche Techniken zu erkennen. Das könnte einer aktuellen Studie zufolge ein erster Ansatz zu einer „Immunisierung“ gegen „Fake News“ sein. Über ihre Ergebnisse berichten die Studien-Autoren um den Psychologen Jon Roozenbeek (Universität von Cambridge) in  Science Advances .

Eine Kehrseite der sozialen Medien

Gerüchte, Halbwahrheiten und Falschinformationen, mit denen Menschen „manipuliert“ werden, sind so alt wie die Menschheit. Dank des technischen Fortschrittes ist die rasche und weltweite Verbreitung von „Fake News“ heute allerdings ein Kinderspiel. Sie können online pausenlos konsumiert und geteilt werden und haben eine enorme Reichweite. Das wäre nicht weiter schlimm. Doch obwohl sie fragwürdig, falsch und manchmal geradezu absurd sind, können sie einen erheblichen Einfluss haben - etwa auf persönliche Meinungen, den öffentlichen Diskurs, gesellschaftliche Ereignisse und wichtige politische Entscheidungen.

Die Autoren haben nun zeigen können, dass Videos, die Youtube-Nutzer über Manipulationstechniken aufklären, etwa über emotional manipulative Sprache, dazu beitragen können, solche Techniken und Falschinformationen zu erkennen. Auf Anfrage des SMC (Science Media Center Deutschland) haben Spezialisten die Studie beurteilt. 

Erklärvideos – ein innovativer und begrüßenswerter Ansatz

Laut Dr. Joachim Allgaier (Professor für Digitalisierung und Kommunikation, Hochschule Fulda) sei der in dieser Studie gewählte Ansatz nach „innovativ und begrüßenswert. Es werden kurze Erklärvideos herangezogen, um Social Media Usern eine Auswahl an Mechanismen zu erklären, die oft dazu benutzt werden, Fehlinformation in sozialen Medien zu verbreiten. Dieser aktuelle Ansatz wird mit einer Art ‚Schutzimpfung‘ (inoculation) gegen die Übernahme von verzerrten Aussagen und Falschnachrichten verglichen“.

Auf Falschinformationen direkt mit Fakten zu reagieren, wirke, wie Allgaier weiter erklärt, oft nicht besonders nachhaltig; daher werde hier die Strategie verfolgt, „ausgewählte fehlleitende Argumentationsmuster zu beleuchten – in der Hoffnung, dass das Erkennen von bestimmten Mechanismen nachhaltiger und auf unterschiedliche Kontexte übertragbar ist“.

Diesen Ansatz bewerte er als erfolgversprechend, unter anderem auch, weil er Social-Media-User ernst nehme und ihnen Lernfähigkeit bescheinige. Er „würde aber davon ausgehen, dass der Ansatz vorwiegend bei Menschen funktioniert, die (noch) nicht in die Welt der alternativen Fakten und Verschwörungen abgedriftet sind“, schränkt der Kommunikationswissenschaftler ein.

Die im Artikel vorgestellten Ergebnisse zeigten, dass die Videos zumindest einem Teil der Probanden erfolgreich geholfen hätten, bestimmte verzerrende Argumentationsmuster und Darstellungstechniken zu identifizieren. Hier gebe es jedoch noch Forschungsbedarf darüber, welche Social Media User empfänglich für diese Art von ‚Schutzimpfungen‘ seien, wie lange diese anhalte und wie man diese am besten verabreiche.

Die für die Studie produzierten Videos seien zudem vor allem auf den US-amerikanischen Kontext ausgelegt. Fraglich sei, ob sie „auch in deutschsprachigen Ländern funktionieren würden und inwiefern derartige Videoinhalte auf bestimmte Länder- und andere Zielgruppen angepasst werden müssten“. Eine weitere Frage sei, wie die Auftraggeber und Produzenten der Videos in den Videos kenntlich gemacht würden. Möglicherweise mache es „einen großen Unterschied für die Wahrnehmung der Glaubwürdigkeit der Videos, wenn zum Beispiel Universitäten, Google selbst oder eine unbekannte Website (in der Studie etwa truthlabs.com) dahinterstecken – vor allem, wenn diese in Form von bezahlter Werbung auf Youtube ausgespielt werden“.

Psychologische Inoculation – ein altbekanntes Prinzip in neuem Kontext

Der Ansatz der Autoren, mit Inoculation zu arbeiten, um Personen wie bei einer Impfung vor der Verarbeitung von und dem Glauben an Falschinformationen zu schützen, sei spannend, sagt auch Prof. Dr. Nicole Krämer, Leiterin des Fachgebiets Sozialpsychologie: Medien und Kommunikation, Universität Duisburg-Essen. 

Inoculation sei, so erklärt sie, ein in der Sozialpsychologie altbekanntes Prinzip, das darauf aufbaue, dass Personen gegen Überzeugungsversuche ‚geimpft‘ werden könnten, indem sie im Widerlegen von Argumenten trainiert würden. Dies sei ihres Wissens bisher noch nicht systematisch auf den Schutz vor Falschinformation angewandt worden. Daher sei es gut und richtig, die Wirksamkeit von Inoculation systematisch zu prüfen.

Start nachträglicher Korrekturen: als präventive Hilfe zur Selbsthilfe 

Die Experimente der Wissenschaftler seien methodisch einwandfrei und stützten ihre Schlussfolgerung, urteilt Dr. Philipp Schmid vom Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Erfurt. Und: „Die Inoculation Theory, von der die Autoren sprechen, wurde von William McGuire in den 60er-Jahren begründet und erlebt vor allem seit dem sogenannten postfaktischen Zeitalter eine Renaissance in der sozialpsychologischen Forschung“. 

Eine Vielzahl an Studien in den letzten Jahren habe immer wieder gezeigt, dass das Warnen vor manipulativen Techniken und das Bereitstellen von Korrekturen die psychologischen Abwehrkräfte gegen Falschinformationen in der Bevölkerung stärken könnten. Dies betreffe den Schutz vor Falschinformation rund um Themen wie Impfen, Klimawandel oder Substanzmissbrauch. 

Die ersten 6 Experimente der Studie seien eine weitere Bestätigung der Befundlage zur Effektivität der psychologischen Impfung gegen Falschinformation. Mit dem siebten Experiment betreten die Autoren laut Schmid „jedoch Neuland, da sie hier die psychologische Impfung nicht mehr in einer künstlichen, sondern in einer natürlichen Umgebung testen. Dieses Feldexperiment auf Youtube belegt die Effektivität von Erklärvideos als psychologische Impfung unter realistischen Bedingungen“.

„Viele Aufklärungskampagnen“, so Schmid, „setzen bei der Bekämpfung von Falschinformationen auf nachträgliche Korrekturen von Falschinformationen – sogenanntes ‚debunking‘. Das Problem dieser Ansätze ist ihr reaktiver Charakter. Es wird gewartet, bis Wissenschaftsleugner eine neue Falschinformation streuen oder die Öffentlichkeit etwas unabsichtlich falsch versteht, bevor man reagiert“. Auf diese Weise sei es unmöglich, den Falschinformationen einen Schritt voraus zu sein. Die vorliegende Studie zeige, dass es möglich und effektiv sei, Hilfe zur Selbsthilfe in Aufklärungskampagnen zu leisten. 

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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