BÄK-Präsident rät zum Booster Shot mit 1. Varianten-Vakzin; kaum ZNS-Läsionen bei Post-COVID-19 – Psyche als Ursache?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

5. September 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 5. September 2022

Heute Morgen gibt das Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, auf seinem Dashboard 215,2 Infektionen pro 100.000 Einwohner als 7-Tage-Inzidenz an. Am 4. September lag der Wert noch bei 220,9.  

„Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz der gemeldeten Fälle mit einem labordiagnostischen Nachweis von SARS-CoV-2 ist in Meldewoche (MW) 34, nach dem Rückgang der Vorwoche, im Vergleich zur MW 33 erneut um knapp 14% gesunken“, kommentiert das RKI im aktuellen Wochenbericht. „Dabei gingen die 7-Tages-Inzidenzwerte im Vergleich zur Vorwoche in fast allen Bundesländern und Altersgruppen zurück.“ Am stärksten sei der Rückgang in den hohen Altersgruppen ab 80 Jahren gewesen. Lediglich bei Schulkindern sei in den letzten beiden Wochen ein leichter Anstieg zu beobachten. Eine mögliche Erklärung: In den meisten Bundesländern sind die Sommerferien mittlerweile zu Ende.

Unsere Themen heute:

  • Das ist der aktuelle Impfstatus in Deutschland – nach Alter und Berufsgruppen

  • Nicht länger warten: BÄK-Präsident empfiehlt Auffrischung mit erstem Varianten-Vakzin – 14 Mio. bestellt

  • Unveränderter Novavax-Impfstoff als weiterer Booster

  • Kanada: Infizierte ohne Symptome dürfen mit Maske zur Arbeit oder in die Schule

  • Post-COVID: Anomalien im ZNS sind selten

Das ist der aktuelle Impfstatus in Deutschland – nach Alter und Berufsgruppen

„In den vergangenen Wochen [gab es] kaum Änderung bei den Impfquoten: Nur für die 2. Auffrischimpfung in der Bevölkerung ab 60 Jahren lässt sich ein relevanter Zuwachs beobachten“, schreibt das RKI in einem aktuellen Report.

Insgesamt sind mindestens 63,4 Millionen Menschen (76,3% der Bevölkerung) grundimmunisiert. Mindestens 51,6 Millionen (62,0 %) haben 1 oder 2 Booster Shots erhalten. 18,4 Millionen (22,1 %) sind nach wie vor ungeimpft. Für 4,0 Millionen dieser Gruppe im Alter von 0 bis 4 Jahren (4,8%) fehlt bislang ein zugelassenes Vakzin.  

Bei Beschäftigten im Gesundheitswesen gebe es auch noch Verbesserungsbedarf, schreibt das RKI. „So sind beispielsweise 22% des Personals in Pflegeheimen lediglich grundimmunisiert und haben ihre 1. Auffrischimpfung noch nicht erhalten.“

Laut Befragungen waren zuletzt 9% des Krankenhauspersonals 4-mal geimpft, 78% waren 3-mal geimpft, 8% waren 2-mal geimpft, 1% war 1-mal geimpft, und 4% waren ungeimpft. Dabei gab es je nach Berufsgruppe deutliche Unterschiede: 19% der Ärzte gaben an, bereits eine 2. Auffrischimpfung erhalten haben, während nur 3% ungeimpft waren. Bei Pflegepersonal und bei anderen Berufsgruppen hatten nur 9% bzw. 6% bereits eine 2. Auffrischimpfung erhalten; je 6% gaben an, ungeimpft zu sein.

Nicht länger warten: BÄK-Präsident empfiehlt Auffrischung mit erstem Varianten-Vakzin – 14 Mio. bestellt

Wie Medscape berichtet, hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) 2 an BA.1 gepasste Impfstoffe als Booster Shots zur Zulassung empfohlen; die Europäische Kommission ist jetzt dem Vorschlag gefolgt.

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, erklärte, er glaube schon, dass viele Patienten auf diesen Moment gewartet hätten. „Das Interesse und die Nachfrage nach Impfungen könnten jetzt wieder zunehmen“, so die Hoffnung. Man erwarte, dass die Ständige Impfkommission bald Empfehlungen ausspreche, wer zu impfen sei. Reinhardt erwartet, dass vorrangig Menschen über 60 oder Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen priorisiert würden. Entscheidend sei aber auch, dass Patienten – etwa von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – gute Informationen bekämen.

Doch sollten Patienten nicht besser auf den auf BA.4/BA.5 angepassten Impfstoff warten, der womöglich Ende September zugelassen wird? Reinhardt: „Ich glaube, das ist ein schlechter Rat, weil wir nicht genau wissen, wann die Zulassung des Impfstoffs erfolgen wird und ob dann zu dem Zeitpunkt Omikron B.4/B.5 überwiegen wird.“ Er rate Menschen, sich jetzt mit dem neuen, angepassten Vakzin impfen zu lassen.

Die Bundesregierung hat 14 Millionen Dosen der angepassten Vakzine bestellt. Das sei, so Reinhardt, für den Kreis der zu Priorisierenden ausreichend.

Unveränderter Novavax-Impfstoff als weiterer Booster

Das Spektrum an Möglichkeiten ist noch längst noch nicht zu Ende. Denn die  Europäische Arzneimittelagentur (EMA) befürwortete Ende letzter Woche die Verwendung der COVID-19-Impfung von Novavax als homologe oder heterologe Auffrischungsimpfung für Erwachsene.

Der Protein-basierte Impfstoff Nuvaxovid® zielt auf den Virusstamm ab, der ursprünglich in China aufgetreten ist. Die Empfehlung der EMA gilt für Personen, die bereits mit der Novavax-Impfung oder einem anderen COVID-Impfstoff geimpft wurden.

Grundlage der Empfehlung sind Daten aus 2 Phase-2-Studien und aus der britischen COV-BOOST-Studie. Im Rahmen der Phase-2-Studien wurde gesunden erwachsenen Teilnehmern etwa 6 Monate nach ihrer 1. Impfserie mit 2 Dosen Nuvaxovid® eine einzelne Auffrischungsdosis Nuvaxovid verabreicht. Die 3. Dosis führte laut Hersteller zu verstärkten Immunantworten, die mit den Schutzniveaus in klinischen Phase-3-Studien vergleichbar waren oder diese übertrafen. In der COV-BOOST-Studie induzierte Nuvaxovid® eine robuste Antikörperantwort, wenn es als heterologe 3. Auffrischungsdosis verwendet wurde.

Ursprünglich hatten Politiker große Erwartungen in Nuvaxovid® gesetzt. Ihre Hoffnung: Menschen, die neue, mRNA-basierte Vakzine ablehnen, könnten sich für die alte, Protein-basierte Technologie entscheiden. In Deutschland haben sich solche Erwartungen bislang nicht erfüllt.

Kanada: Infizierte ohne Symptome dürfen mit Maske zur Arbeit oder in die Schule

Kanadas bevölkerungsreichste Provinz Ontario hat Leitlinien zum Schutz vor Infektionen geändert. Demnach dürfen alle COVID-19-Patienten bereits 24 Stunden nach Verschwinden ihrer Symptome mit einer Maske ihre Isolation verlassen.

Asymptomatische, COVID-19-positive Personen können zur Arbeit oder zur Schule gehen, müssen jedoch 10 Tage lang einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Zuvor hatten sie sich ab dem Auftreten von Beschwerden 5 Tage lang zu isolieren. Sie dürfen aber keine Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen als Besucher betreten.

Post-COVID: Anomalien im ZNS sind selten

Bis zu 10% aller COVID-19-Patienten leiden nach Ende der akuten Beschwerden an diversen Symptomen. Oft berichten sie über Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, über „Gehirnnebel“ oder Kopfschmerzen. Pathophysiologische Mechanismen geben immer noch Rätsel auf. Forscher aus Deutschland berichten jetzt, dass das Nervensystem in den meisten Fällen nicht dauerhaft geschädigt wird.

Zur Einordnung: Zu „Long-COVID“ zählen gesundheitliche Beschwerden, die jenseits der akuten Krankheitsphase mindestens 4 Wochen lang fortbestehen oder auch neu auftreten. Als „Post-COVID-Syndrom“ werden Beschwerden bezeichnet, die mehr als 12 Wochen nach Beginn der SARS-CoV-2-Infektion vorhanden sind und medizinisch nicht anderweitig erklärt werden können.

Bei insgesamt 171 Patienten, die WHO-Delphi-Konsenskriterien für das Post-COVID-19-Syndrom erfüllten, wurde eine umfassende neurologische Diagnostik einschließlich neurovaskulärer und elektrophysiologischer Untersuchungen und Blutanalysen durchgeführt. Hinzu kamen Magnetresonanztomographien (MRT) und Lumbalpunktionen, neuropsychologische und psychosomatische Untersuchungen sowie Untersuchungen der Müdigkeit.

Die Studienteilnehmer waren überwiegend weiblich, mittleren Alters und hatten meist eine leichte bis mittelschwere akute COVID-19 erlitten. Zu den häufigsten Beschwerden gehörten Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisschwäche. Bei den meisten Patienten (85,8%) erbrachte die eingehende neurologische Untersuchung keine pathologischen Befunde. In 97,7% der Fälle konnte entweder keine andere Diagnose als das Post-COVID-19-Syndrom oder keine Diagnose gestellt werden, die wahrscheinlich mit der vorangegangenen akuten COVID-19-Erkrankung zusammenhing.

Sensorische oder motorische Beschwerden waren häufiger mit einer anderen neurologischen Diagnose als dem Post-COVID-19-Syndrom verbunden. Frühere psychiatrische Erkrankungen wurden als Risikofaktor für die Entwicklung eines Post-COVID-19-Syndroms identifiziert. Die Wissenschaftler fanden hohe Somatisierungswerte, die mit kognitiven Defiziten und dem Ausmaß der Müdigkeit korrelierten. Somatisierung beschreibt körperliche Symptome, die sich nicht mit einer organischen Erkrankung in Verbindung bringen lassen.

„Wir glauben daher, dass psychologische Mechanismen für die Entstehung des Post-COVID Syndroms wichtig sind“, sagt Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Essen. Das bedeute jedoch keineswegs, dass sich Patienten die Symptome nur einbildeten. Eine gründliche neurologische Untersuchung lohne sich in jedem Fall. „Wir haben einige Überraschungen erlebt. So fanden wir bei Menschen, die dachten, an Post-COVID zu leiden, am Ende eine Multiple Sklerose, eine Gehirnhautentzündung oder eine Migräne“, berichtet Kleinschnitz.

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Kommentar

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