Keine Pause von der Statin-Therapie: Die langfristige Einnahme bringt vielen Patienten den bestmöglichen Nutzen

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

31. August 2022

Menschen mit erhöhtem Risiko für Herzerkrankungen sollten bei einer Statin-Therapie lebenslang Ausdauer beweisen. Denn ein frühzeitiger Abbruch könnte den Schutz erheblich verringern, da ein großer Teil des Nutzens erst im späteren Leben eintritt. So lautet das Ergebnis einer Modellrechnung, die auf dem ESC-Kongress 2022 in Barcelona vorgestellt wurde.[1]

Der Studie zufolge gibt es 2 Patientengruppen, für die eine sofortige cholesterinsenkende Behandlung günstig ist. Das sind Menschen um 40 Jahre mit erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Menschen mit einer bereits bestehenden Herzerkrankung, egal wie alt sie sind. „Eine Unterbrechung der Behandlung scheint keine kluge Entscheidung zu sein“, erläutert der Hauptautor Dr. Runguo Wu von der Queen Mary University of London in einer ESC-Mitteilung

 
Eine Unterbrechung der Behandlung [mit Statinen] scheint keine kluge Entscheidung zu sein. Dr. Runguo Wu
 

Wie lange sollten Patienten Statine einnehmen?

Eine Senkung des Low-Density-Lipoprotein-Cholesterins um 1 mmol/l mit Statinen verringert das Risiko für ischämische Herzkrankheiten und Schlaganfälle nachweislich um 25%. Statine sind die am häufigsten verwendeten Lipidsenker – 2018 wurden sie von schätzungsweise mehr als 145 Millionen Menschen weltweit eingenommen. Allerdings wird die Therapie oft hinausgezögert oder nachlässig gehandhabt, was möglicherweise auch an Bedenken wegen Nebenwirkungen liegt.

Doch wann sollte man mit einer Statintherapie beginnen – und wie lange ist diese fortzusetzen, damit der Effekt möglichst optimal ausfällt? Um das zu ermitteln, verwendeten Wu und Kollegen die großen internationalen Statin-Studien der Cholesterol Treatment Trialists' Collaboration mit insgesamt 118.000 Teilnehmern sowie die britische Biobank-Bevölkerungskohorte, die 500.000 Menschen erfasst.

Die Daten etwa zu Alter, Geschlecht und Krankheitsverläufen speisten sie in ein Modell ein, das es erlaubte, den Nutzen von Statinen je nach Alter bei Therapiebeginn abzuschätzen. So konnten sie das jährliche Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, koronare Revaskularisation, Diabetes, Krebs und Tod für jeden Teilnehmer simulieren.

QALYS wurden als Maß verwendet

Als Maß für den Nutzen der Statine dienten die qualitätsbereinigten Lebensjahre (QALYs), also die Zeit bei perfekter Gesundheit. Berücksichtigt wurde auch das kardiovaskuläre Ausgangsrisiko, also die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 10 Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Entscheidende Parameter hierbei sind Alter, Blutdruck, Cholesterinspiegel, Rauchen und Vorerkrankungen.

Unterschiedliche Szenarien zum Nutzen von Statinen

Verglichen wurden Menschen, die Statine in der Standarddosis von 40 mg täglich nahmen, mit einer Gruppe ohne Therapie, und zwar in 3 Szenarien. 

Lebenslange Therapie bis zum Tod oder bis zum Alter von 110 Jahren: Die Forscher fanden heraus, dass sich ein Großteil der durch die Statintherapie gewonnenen QALYs erst im späteren Leben einstellt. Je höher das kardiovaskuläre 10-Jahres-Risiko der Teilnehmer war, desto früher fiel der Nutzen der Statine an.

Beendigung der Therapie im Alter von 80 Jahren: Im Vergleich zu einer lebenslangen Statintherapie wurde durch einen Abbruch im Alter von 80 Jahren ein großer Teil des potenziellen Nutzens zunichte gemacht. Wer ein hohes kardiovaskuläres Risiko hat, muss auf 36% des QALY-Nutzens verzichten, da er ja früher von den Medikamenten profitiert.

Noch deutlichere Einbußen müssen Menschen mit relativ geringem kardiovaskulärem Risiko hinnehmen, da bei ihnen der Gewinn durch die Medikamente ja erst später eintritt. Beginnen sie im 50. Lebensjahr mit der Einnahme von Statinen, gehen ihnen durch das Absetzen 73% des QALY-Nutzens verloren. Da Frauen allgemein ein niedrigeres Herz-Kreislauf-Risiko haben, ist bei ihnen eine vorzeitige Beendigung wahrscheinlich noch schädlicher ist als bei Männern.

Verzögerter Therapiebeginn um fünf Jahre bei Menschen unter 45 Jahren: Diesen Teilnehmern schadete ein 5-jähriger Aufschub nur wenig, wenn ihr 10-Jahres-Risiko unter 5% lag. Sie verloren lediglich 2% des potenziellen QALY-Nutzens einer lebenslangen Therapie. Hatten sie dagegen ein 10-Jahres-Risiko über 20%, war der Nachteil beträchtlicher, nämlich 7% des Nutzens. 

„Menschen mit einem höheren kardiovaskulären Risiko haben durch eine Verzögerung der Statintherapie mehr zu verlieren als Menschen mit einem niedrigen Risiko“, resümiert Wu. 

 
Menschen mit einem höheren kardiovaskulären Risiko haben durch eine Verzögerung der Statintherapie mehr zu verlieren als Menschen mit einem niedrigen Risiko. Dr. Runguo Wu
 

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Kommentar

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