COVID-19-Mortalität deutlich niedriger?; Moderna verklagt Konkurrenz; erstmals Dreifachinfektion nachgewiesen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

29. August 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 29. August 2022

Heute Morgen gibt das Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, auf seinem Dashboard 242,8 Infektionen pro 100.000 Einwohner als 7-Tage-Inzidenz an. Am 28. August lag der Wert noch bei 248,8.

Unsere Themen heute:

  • RKI-Wochenbericht: Ende der Sommerwelle – BA.5 beherrscht das Geschehen

  • Kritik an RKI-Zahlen: Jeder 2. Tote mit – jedoch nicht an – Corona gestorben

  • Moderna reicht Klage gegen BioNTech/Pfizer ein

  • Nirmatrelvir ist effektiv gegen Omikron

  • Fall: Dreifachinfektion mit COVID-19, HIV und mit dem Affenpockenvirus

  • Schwachstelle bei SARS-CoV-2-Varianten als Zielstruktur für Therapien

RKI-Wochenbericht: Ende der Sommerwelle – BA.5 beherrscht das Geschehen

Details zur aktuellen Situation hat das RKI auch in seinem letzten Wochenbericht veröffentlicht. „Die Zahl der akuten Atemwegserkrankungen (ARE) in der Bevölkerung in Deutschland ist basierend auf der Online-Befragung GrippeWeb im Vergleich zur Vorwoche bei Kindern und Erwachsenen gesunken …“, schreibt das Institut. „Die Werte bei Kindern liegen aktuell in einem Bereich, wie sie entsprechend der Jahreszeit vor der COVID-19-Pandemie beobachtet wurden.“ Bei den Erwachsenen gebe es jedoch immer noch mehr ARE-Konsultationen als vor der Pandemie.

Nach wie vor dominiert die Omikron-Sublinie BA.5; ihr Gesamtanteil lag in KW 32/2022 bei 95%. Die Varianten BA.2 und BA.4 verlieren an Bedeutung. Seit KW 30/2022 verringert sich auch die Inzidenz der schweren COVID-19-Fälle mit stationärer Behandlung.

Was sollten Bürger jetzt beachten? „Die Impfung hat aufgrund ihrer hohen Schutzwirkung vor einem schweren Verlauf auch bei Erkrankungen durch die Omikron-Variante nicht an Bedeutung verloren“, stellt das RKI klar. Nach wie vor hätten ungeimpfte Personen aller Altersgruppen ein deutlich höheres Risiko für eine schwere Verlaufsform.

Kritik an RKI-Zahlen: Jeder 2. Tote mit – jedoch nicht an – Omikron gestorben

Doch wie verlässlich sind RKI-Statistiken wirklich? Am Sonntag berichteten Medien über eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE); die Veröffentlichung selbst war bei Redaktionsschluss nicht online verfügbar.

Während der Omikron-Welle sollen nur noch 46% aller Corona-Todesfälle laut RKI-Statistik ursächlich an COVID-19 gestorben sein. Während der Delta-Welle waren es noch 85%. „Das heißt, nur rund die Hälfte, der an das RKI gemeldeten ‚Coronatoten‘ sind mit dem Auftreten von Omikron tatsächlich dem Virus zum Opfer gefallen“, wird Prof. Dr. Stefan Kluge zitiert. Er ist Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE. Kluge weiter: „An Omikron verstirbt nur sehr selten noch jemand, der geimpft ist und keine zusätzlichen Risikofaktoren hat.“

Moderna reicht Klage gegen BioNTech/Pfizer ein

Am 26. August hat der US-Konzern Moderna eine Patentverletzungsklagen gegen seine Konkurrenten Pfizer und BioNTech beim United States District Court für das District of Massachusetts, USA, und beim Landgericht Düsseldorf erhoben. BioNTech und Pfizer hätten bei der Entwicklung ihres Impfstoffs Technologien kopiert, lautet der Vorwurf.

Moderna ist der Ansicht, dass der COVID-19-Impfstoff Comirnaty® Patente verletze, die Moderna zwischen 2010 und 2016 eingereicht habe und die grundlegende mRNA-Technologie des Konzerns abdeckten. Pfizer und BioNTech hätten diese Technologie ohne die Erlaubnis von Moderna kopiert, um Comirnaty® herzustellen, heißt es in einer Meldung.

„Wir reichen diese Klagen ein, um die innovative mRNA-Technologieplattform zu schützen, die wir in den 10 Jahren vor der COVID-19-Pandemie entwickelt, in deren Entwicklung wir Milliarden von Dollar investiert und die wir patentiert haben“, sagte Stéphane Bancel, Chief Executive Officer von Moderna.

Modernas Ziel sei nicht, Comirnaty® vom Markt zu nehmen. Auch werde keine einstweilige Verfügung angestrebt, um den zukünftigen Verkauf zu verhindern, schreibt der Hersteller. Schadensersatz in Zusammenhang mit Verkäufen werde ebenfalls nicht eingefordert. Demnach geht es um Entschädigungen angesichts einer möglichen Verletzung geistiger Eigentumsrechte in bislang unbekannter Höhe

Nirmatrelvir ist effektiv gegen Omikron

Aus der Wissenschaft gibt es ebenfalls Neues zu berichten. Der orale Protease-Inhibitor Nirmatrelvir habe sich bei ungeimpften Hochrisikopatienten, die mit der B.1.617.2 (Delta)-Variante infiziert sind, als äußerst wirksam erwiesen, schreiben Forscher im NEJM. Daten zur Wirksamkeit bei B.1.1.529 (Omikron) seien jedoch begrenzt gewesen: eine Lücke, die jetzt geschlossen wird. Das bekannte Paxlovid® enthält Nirmatrelvir und Ritonavir.

Die Forscher erhielten Daten von allen Mitgliedern der Clalit Health Services, die zu Beginn des Studienzeitraums 40 Jahre oder älter waren und während des Omikron-Schubs für eine Nirmatrelvir-Therapie in Frage kamen. Der Clalit Health Service ist die ist die größte staatliche Organisation für Gesundheitsdienstleistungen in Israel.

Insgesamt erfüllten 109.254 Patienten die Einschlusskriterien. Von ihnen erhielten 3.902 (4%) während des Studienzeitraums Nirmatrelvir.

  • Bei Patienten im Alter von 65 Jahren oder älter lag die Rate der Krankenhauseinweisungen aufgrund von COVID-19 bei 14,7 Fällen pro 100.000 Personentage im Vergleich zu 58,9 Fällen pro 100.000 Personentage bei den unbehandelten Patienten (bereinigte Hazard Ratio: 0,27; 95%-Konfidenzintervall: 0,15 bis 0,49).

  • Die bereinigte Hazard Ratio für Todesfälle aufgrund von COVID-19 betrug in dieser Altersgruppe 0,21 (95%-KI: 0,05 bis 0,82).

  • Bei Patienten im Alter von 40 bis 64 Jahren betrug die Rate der Krankenhauseinweisungen aufgrund von COVID-19 15,2 Fälle pro 100.000 Personentage bei den behandelten Patienten und 15,8 Fälle pro 100.000 Personentage bei den unbehandelten Patienten (bereinigte Hazard Ratio 0,74; 95%-KI 0,35 bis 1,58).

  • Die bereinigte Hazard Ratio für Tod aufgrund von COVID-19 lag in dieser Altersgruppe bei 1,32 (95%-KI 0,16 bis 10,75).

Bleibt als Fazit: „Bei Patienten im Alter von 65 Jahren oder älter waren die Raten von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen aufgrund von COVID-19 unter Nirmatrelvir signifikant niedriger als bei Patienten, die es nicht erhielten“, heißt es in der Veröffentlichung. „Bei jüngeren Erwachsenen gab es keine Hinweise auf einen Nutzen.“

Fall: Dreifachinfektion mit COVID-19, HIV und mit dem Affenpockenvirus

Laut einem kürzlich im Journal of Infection veröffentlichten Fallbericht scheint ein 36-jähriger Mann in Italien der weltweit erste dokumentierte Fall zu sein, bei dem in diesem Sommer gleichzeitig COVID-19, Affenpocken und HIV diagnostiziert wurden. Darüber hat Medsape.com berichtet.

Ärzte aus Italien beschreiben, wie der Mann am 29. Juni, 9 Tage nach seiner Rückkehr von einer 5-tägigen Reise nach Spanien, zum ersten Mal an Fieber, Halsschmerzen und Kopfschmerzen erkrankte. Am 2. Juli wurde er positiv auf COVID-19 getestet und bemerkte später am Nachmittag einen Ausschlag an seinem linken Arm.

In den nächsten Tagen verwandelte sich der Ausschlag in kleine, schmerzhafte Blasen, die sich über Gesicht, Oberkörper, Beine und Gesäß ausbreiteten. Am 5. Juli ging er in die Notaufnahme eines Krankenhauses in Catania, Italien, wo er in die Abteilung für Infektionskrankheiten aufgenommen wurde.

Aufgrund der Symptome und der Reise nach Spanien vermuteten die Ärzte, dass der Patient auch Affenpocken bekommen hatte. Sie sammelten Proben für Tests. Der Mann selbst erklärte, dass er während seines Aufenthalts in Spanien ungeschützten Sex mit anderen Männern gehabt habe. Am 6. Juli wurde er positiv auf Affenpocken, HIV und COVID-19 getestet – insbesondere auf die Omikron-Variante BA.5.1.

Aufgrund der Inkubationszeit von COVID-19 und Affenpocken habe sich der Patient möglicherweise gleichzeitig angesteckt, schreiben die Ärzte. COVID-19-Symptome treten in der Regel 2 bis 14 Tage und Affenpocken-Symptome 3 bis 17 Tage nach der Exposition auf.

Der Patient teilte den Ärzten mit, dass er im September 2021 negativ auf HIV getestet worden sei. Seine CD4-Lymphozytenzahl war zum Zeitpunkt des positiven Tests im Juli noch normal. Dies bedeutet, dass er sich möglicherweise auch kürzlich mit HIV infiziert hat.

Am 3. Tag des Krankenhausaufenthalts begannen die Hautausschläge des Patienten zu verkrusten und zu heilen, und am 5. Tag waren seine Symptome fast verschwunden. Am 13. Juli wurde er nicht mehr positiv auf COVID-19 getestet, und am 19. Juli war sein Hautausschlag fast verheilt, obwohl immer noch Affenpockenviren nachweisbar waren. Der Patient begann zudem mit einer Standard-Kombinationstherapie gegen HIV.

Das Fazit: „Grippeähnliche Symptome und ein positiver Test auf SARS-CoV-2 schließen Affenpocken bei Personen mit hohem Risiko nicht aus“, schreiben die Autoren. Ärzte sollten sich dieser Tatsache bewusst sein und geeignete Untersuchungen durchführen.

Schwachstelle bei SARS-CoV-2-Varianten als Zielstruktur für Therapien

Forscher haben eine „Schwachstelle“ auf dem Spike-Protein der wichtigsten SARS-CoV-2-Varianten sowie ein spezifisches Antikörperfragment entdeckt, das sich dort anlagert und das Virus neutralisiert. Ihre Entdeckung könnte den Weg für neue Therapien ebnen, die gegen aktuelle und zukünftige Stämme des Virus wirksam ist. Die Studie wurde in Nature Communications veröffentlicht; Medscape.com hat darüber berichtet.

Bereits Anfang des Jahres haben Prof. Dr. Sriram Subramaniam von der University of British Columbia, Vancouver, und Kollegen die Struktur der Kontaktzone zwischen dem Omikron-Spike-Protein und dem menschlichen Zellrezeptor ACE2 beschrieben.

Für die aktuelle Untersuchung nutzten sie die Kryo-Elektronenmikroskopie, um das Epitop (den Teil des Virus, an den ein Antikörper bindet) von SARS-CoV-2-Varianten zu untersuchen. Es eignet sich als potenzielle Zielstruktur für Pharmakotherapien: „Wir beschreiben ein Antikörperfragment (VHab6), das alle Hauptvarianten neutralisiert, einschließlich der kürzlich aufgetauchten Subvarianten BA.1 und BA.2 Omikron“, so die Forscher. Das Epitop befindet sich außerhalb der Hotspots für Mutationen, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass die Stelle im Laufe der Zeit nicht viel mutiert, sondern hochkonserviert sind.

Das Antikörperfragment war gegen die Varianten Alpha, Beta, Gamma, Delta, Kappa, Epsilon und Omikron BA.1 und BA.2 wirksam. Es neutralisiert das Virus, indem es sich an das Epitop auf dem Spike-Protein anlagert und das Virus am Eindringen in menschliche Zellen hindert. In Kürze sollen auch BA.4 und BA.5 untersucht werden; hier liegen noch keine Daten vor.

Ein Antikörper, der sicher und wirksam gegen neue und aufkommende SARS-CoV-2-Varianten ist, wäre neben Impfungen und antiviralen Medikamenten wie Paxlovid® ein weiteres Instrument im Kampf gegen COVID-19.

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