US-Daten: Nach Rückenschmerzen bald zur Physiotherapie – das macht Patienten schmerzfrei und spart Geld

Kerrie Rushton

Interessenkonflikte

23. August 2022

Personen mit Rückenschmerzen im Lendenbereich sollten frühzeitig Physiotherapie erhalten, um spätere kostenintensive und möglicherweise unnötige Behandlungen zu vermeiden, so das Fazit einer neuen Studie.

Wer innerhalb von 2 Wochen nach dem Praxisbesuch wegen lumbaler Rückenschmerzen zur Physiotherapie überwiesen wurde, suche mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit später einen Chiropraktiker, einen Schmerzspezialisten oder einen Orthopäden auf. Diese Ergebnisse wurden kürzlich in BMC Health Services Research veröffentlicht.

Dr. Richard Skolasky, Jr.

Die Betroffenen wünschten seltener den Einsatz bildgebender Verfahren oder epiduraler Steroidinjektionen und suchten auch innerhalb von 30 Tagen nur halb so oft eine Notaufnahme auf wie Patienten, die nicht frühzeitig mit einer Physiotherapie begonnen hatten.

Den Einsatz von Opioid-Analgetika vermeiden

„Manche lumbale Beschwerden verschwinden von selbst, aber oft ist die Genesung unvollständig. Dann werden weitere medizinische Maßnahmen erforderlich und der Einsatz von Opioiden steigt“, sagte Dr. Richard Skolasky, Direktor des Spine Outcomes Research Center am Johns Hopkins Medicine in Baltimore und Mitautor der Studie. „Wir hoffen, dass diese Studie dazu beiträgt, dass mehr Hausärzte einen nicht medikamentösen Therapieansatz an die erste Stelle setzen.“

 
Wir hoffen, dass diese Studie dazu beiträgt, dass mehr Hausärzte und Hausärztinnen einen nicht medikamentösen Therapieansatz an die erste Stelle setzen. Dr. Richard Skolasky
 

Laut einer JAMA-Analyse der Versicherungsansprüche verschiedener Kostenträger in den USA aus dem Jahr 2019 verursachen lumbale Rückenschmerzen jährlich Gesundheitskosten von etwa 1,8 Milliarden US-Dollar bei nicht operierten Personen. Darüber hinaus sind derartige Beschwerden für etwa 2,7 Millionen besuche einer Notaufnahme verantwortlich, wie eine 2010 in Spine veröffentlichte Studie ergab.

Knapp 1 Million Datensätze ausgewertet

Skolasky und sein Team werteten 980.000 Ansprüche aus der ambulanten Versorgung über einen Zeitraum von fast 4 Jahren aus, der 2014 endete. Die Forschenden nutzten dabei Truven MarketScan, eine Sammlung US-amerikanischer Datenbanken über Krankenversicherungsansprüche.

Patienten mit einer Vorgeschichte von Erkrankungen, die lumbale Rückenschmerzen verursachen können, wie z.B. Endometriose oder Wirbelsäulenfrakturen, wurden von der Analyse ausgeschlossen. Etwa 11% der Betroffenen der Gesamtstichprobe wurden frühzeitig einer physiotherapeutischen Versorgung zugeführt, die innerhalb von 2 Wochen nach dem ersten hausärztlichen Kontakt ihren Anfang nahm.

Frühe Physiotherapie – weniger Folgebehandlungen

Nach der Adjustierung an Geschlecht, Alter und den Charlson-Komorbiditätsindex war die Wahrscheinlichkeit, dass die physiotherapeutisch behandelten Patienten innerhalb von 30 Tagen nach ihrem ersten Termin einen Chiropraktiker, einen Schmerztherapeuten oder eine Notaufnahme aufsuchten, etwa halb so hoch wie bei Personen, die keine Physiotherapie erhalten hatten.

Zudem war die Wahrscheinlichkeit, eine epidurale Steroidinjektion zu erhalten, um etwa ein Drittel niedriger und der Wunsch nach weiteren bildgebenden Untersuchungen um 43% geringer, so die Forschenden (p < 0,001 für alle Ereignisse). Und zu guter Letzt waren die Leistungsansprüche derjenigen, die frühzeitig eine Physiotherapie erhalten hatten, von 799 US-Dollar auf 745 US-Dollar zurückgegangen.

Diese Effekte nahmen mit der Zeit zwar etwas ab, blieben aber statistisch signifikant.

Nach 1 Jahr hatten die frühzeitig physiotherapeutisch Behandelten dann aber etwas höhere Gesundheitskosten als diejenigen, die sich keiner Physiotherapie unterzogen hatten (2.588 US-Dollar gegenüber 2.510 US-Dollar). Skolasky mutmaßt, dass dieser Anstieg auf die Therapiebesuche und weniger auf den Besuch ärztlicher Fachkräfte zurückzuführen war. Weitere Untersuchungen könnten ermitteln, ob eine frühzeitige Physiotherapie die mit lumbalen Rückenschmerzen verbundenen Gesundheitskosten über einen längeren Zeitraum hinwet reduziere.

„Die Physiotherapie widmet sich den aktuellen Schmerzen und körperlichen Beeinträchtigungen der Betroffenen und rüstet sie mit Ressourcen, Übungen und nicht medikamentösen Methoden aus, um Rückfällen vorzubeugen bzw. sie selbst managen zu können“, sagte Skolasky gegenüber Medscape. „Wenn wir die Patienten länger als ein Jahr hinaus begleiten könnten, würden wir möglicherweise noch eine deutlichere Kostensenkung sehen.“

Individuelle Behandlungspläne

Dr. Michael Knight von der George Washington University Medical Faculty Associates in Washington, DC, überweist seine Patienten zur Physiotherapie, wenn die Schmerzen nicht durch häusliche Dehnübungen und die Einnahme rezeptfreier Schmerzmittel nach 2 Wochen verschwunden sind.

Dr. Michael Knight

Er erinnert sich an eine Patientin, die sich bei der Gartenarbeit den Rücken verrenkt hatte. Als häuslichen Übungen nicht halfen, überwies er sie an eine Physiotherapeutin, die einen individuellen Behandlungsplan erstellte. Innerhalb von 4 Wochen hatte sich dann ihr Zustand verbessert.

„Sie konnte dann das Gelernte übernehmen und die Übungen zu Hause fortsetzen“, so Knight. „Die Patientin erholte sich und wir sparten dem Gesundheitssystem die MRT-Kosten.“

Regionale Unterschiede in den USA

Skolasky und sein Team fanden signifikante regionale Unterschiede bei der Anzahl der Patienten, die frühzeitig zur Physiotherapie überwiesen wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb von 90 Tagen nach dem Auftreten lumbaler Rückenbeschwerden eine physiotherapeutische Behandlung begonnen wird, war im Nordosten der USA 1,6-fach höher als im Mittel und im Süden 0,82-fach niedriger.

„Es gibt bei uns regelrechte Versorgungswüsten im Gesundheitswesen“, sagte Skolasky. Die Telemedizin könnte hier eine Möglichkeit darstellen, auch Patienten mit lumbalen Rückenbeschwerden zu versorgen. Es gebe verschiedene Studien, nach denen auch eine telemedizinische Physiotherapie für die Betroffenen von Vorteil sei und sie mit ihr zufrieden sind.

Knight meinte, dass die Studie Patienten dabei helfen werde, ihre Möglichkeiten besser zu verstehen.

„Manchmal gibt es eine gewisse Erwartungshaltung. Dann wollen die Betroffenen ein MRT oder Schmerzmittel, auch wenn so etwas aus medizinischer Sicht vielleicht gar nicht notwendig ist“, sagte er. „Diese Art von Evidenz stärkt jedoch unsere Position, eine frühzeitige Intervention zu empfehlen, die wirklich helfen kann.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus https://www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

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