Keimbahnveränderungen bei Lungenkrebs häufig; Leitlinien zur Thromboembolie-Prophylaxe; Sexualhormone und Krebs-Risiko

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

23. August 2022

Im Onko-Blog dieser Woche geht es unter anderem um Keimbahnveränderungen bei Patienten mit Lungenkrebs – sie sind bei fast 15% der Patienten nachweisbar und damit relativ häufig. Wir stellen kurz 2 neue Leitlinien vor – eine Patientenleitlinie zum Multiplen Myelom und aktualisierte Leitlinien zur Therapie und Prophylaxe von Thromboembolien. Eine große Kohortenanalyse belegt, dass die Risikounterschiede für Krebs bei Männern und Frauen auch auf die biologischen Unterschiede der beiden Geschlechter zurückzuführen sind.

  • Lungenkrebs: Keimbahnveränderungen bei 15% der Patienten nachweisbar

  • Multiples Myelom: Neue Patientenleitlinie veröffentlicht

  • Krebserkrankungen: Aktualisierte Leitlinien zur Therapie und Prophylaxe von Thromboembolien

  • Krebserkrankungen: Männer haben höheres Risiko als Frauen

  • Klinische Studien: p-Wert und p-Hacking

Lungenkrebs: Keimbahnveränderungen bei 15% der Patienten nachweisbar

Pathogene Keimbahnveränderungen (PGV) sind bei fast 15% von Patienten mit Lungenkrebs nachweisbar. Dies bedeutet, dass sie und auch ihre Verwandten ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen haben. Diese Ergebnisse präsentierte Dr. Renato Martins, Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am VCU Massey Cancer Center, Richmond, bei der ASCO Plenary Sitzung am 16. August 2022.

Die Rolle von PGV bei Lungenkrebs wurde bisher eher unterschätzt, weil meist davon ausgegangen wird, dass Umweltfaktoren wie Zigarettenrauchen wichtige Auslöser der Erkrankung sind.

In der Studie führten die Forscher bei 7.788 Patienten mit Lungenkrebs eine Keimbahn-DNA-Sequenzierung durch. Sie identifizierten bei 1.161 (14,9%) Patienten 1.503 PGVs in 81 bekannten Krebsrisikogenen.

Bei 1.104 Patienten (95,1%) wäre die PGV möglicherweise mit zugelassenen Arzneimitteln oder in klinischen Studien oder mit Prävention und Früherkennung behandelbar gewesen. 712 (61,3%) Patienten wiesen eine spezifisches PGV im DDR/HRR-Gen auf, wodurch sie möglicherweise mit zielgerichteten Therapien zu behandeln waren, die bei anderen Krebserkrankungen mit derselben Variante wie Brust-, Pankreas-, Prostata- und Ovarialkrebs eingesetzt werden.

Die Forscher schlussfolgern aus diesen Ergebnissen, dass die Patienten mit PGV auch ein erhöhtes Risiko für andere Krebsarten haben. Auch Blutsverwandte dieser Patienten seien möglicherweise durch dieselbe PGV gefährdet.

„Die beträchtliche Häufigkeit von PGVs bei Lungenkrebspatienten, unabhängig von der Familienanamnese oder der persönlichen Vorgeschichte anderer Krebsarten, ist ähnlich der Häufigkeit, die bei allen anderen häufigen soliden Tumoren beobachtet wird, für die jetzt Tests empfohlen werden“, sagte Martins. Er schlug daher vor, dass auch bei Patienten mit Lungenkrebs entsprechende genetische Untersuchungen empfohlen werden sollen.

Multiples Myelom: Neue Patientenleitlinie veröffentlicht

Im Leitlinienprogramm Onkologie ist eine neue Patientenleitlinie zum Multiplen Myelom erschienen, die auf der S3-Leitlinie „„Diagnostik, Therapie und Nachsorge für Patienten mit mono­klonaler Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) oder Multiplem Myelom“ basiert.

Diese Leitlinie will Patienten mit Multiplem Myelom wichtige Informationen zu ihrer Erkrankung liefern. Sie informiert über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Multiplen Myelom und klärt über die empfohlenen Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten auf.

Kommentierungen zu dieser Konsultationsfassung sind bis zum 6. September 2022 möglich.

Krebserkrankungen: Aktualisierte Leitlinien zur Therapie und Prophylaxe von Thromboembolien

Die International Initiative on Thrombosis and Cancer hat aktualisierte Leitlinien zur Therapie und Prophylaxe von venösen Thromboembolien (VTE) bei Patienten mit Krebs, einschließlich Patienten mit COVID-19, in Lancet Oncology publiziert.

Sie basieren auf einer Literaturrecherche bis zum 1. Januar 2022. Zu den wichtigsten Empfehlungen (1A und 1B) gehören:

  1. Niedermolekulare Heparine (NMHs) für die initiale (erste 10 Tage) und die Erhaltungstherapie  von krebsassoziierter Thrombose

  2. Direkte orale Antikoagulanzien zur Erst- und Erhaltungstherapie von krebsassoziierten Thrombosen bei Patienten ohne hohes Risiko für gastrointestinale oder urogenitale Blutungen, ohne starke Arzneimittelwechselwirkungen oder gastrointestinale Resorptionsstörungen

  3. NMH oder direkte orale Antikoagulanzien für mindestens 6 Monate zur Behandlung von krebsassoziierter Thrombose

  4. Verlängerte Prophylaxe (4 Wochen) mit NMHs nach größeren Operationen im Bauch- und Beckenbereich bei Patienten ohne hohes Blutungsrisiko

  5. Primärprophylaxe venöser Thromboembolien mit NMH oder direkten oralen Antikoagulanzien (Rivaroxaban oder Apixaban) bei ambulanten Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Pankreaskarzinom, die eine Krebstherapie erhalten und ein geringes Blutungsrisiko haben.

Krebserkrankungen: Männer haben höheres Risiko als Frauen

Männer haben ein signifikant höheres Risiko als Frauen, 11 verschiedene Krebsarten zu entwickeln. Das Risiko für manche Krebserkrankungen, z. B. der Speiseröhre, des Kehlkopfs, der Kardia und der Blase, ist bei Männern sogar dreimal höher. Die Unterschiede können nach Aussage der amerikanischen Autorengruppe nicht allein durch riskante Verhaltensweise erklärt werden. Wie sie in Cancer berichten, gibt es Hinweise, dass intrinsische biologische Unterschiede bei Männern und Frauen die Anfälligkeit für Krebs beeinflussen.

In der prospektiven Kohortenanalyse untersuchte die Arbeitsgruppe anhand der Daten von 171.274 Männern und 122.826 Frauen aus der National Institutes of Health-AARP Diet and Health Study wie stark welcher Risikofaktor die geschlechtsbedingten Unterschiede des Krebsrisikos beeinflusste.

Bei Frauen kam es häufiger zu Schilddrüsen- und Gallenblasenkrebs, während die meisten anderen Krebslokalisationen bei Männern häufiger waren. Das höchste Risiko für Männer im Vergleich zu Frauen bestand bei Adenokarzinom der Speiseröhre (Hazard Ratio: 10,80), Kehlkopfkrebs (3,53), Kardiakrebs (3,49) und Blasenkarzinom (3,33).

Modelle ergaben, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei einem Teil der Erkrankungen das unterschiedliche Risiko zwischen Männern und Frauen erklären konnten, z. B. bei Lungen-, Kolon-, Rektum-, Gallenwegkarzinom, bei Haut-, Blasen- und Speiseröhrenkrebs.

Die Autoren des begleitenden Editorials sind der Meinung, dass die Studie das Verständnis von geschlechtsbedingten Unterschieden bei Krebserkrankungen erweitert habe. Allerdings werde die Aussage dadurch eingeschränkt, dass sie eine überwiegend ältere Bevölkerung erfasst und Komorbiditäten nicht berücksichtigt habe.

Klinische Studien: p-Wert und p-Hacking

Onkologisch relevante Fragen aus der Biostatistik werden in einer neuen Serie in der Zeitschrift Trillium Krebsmedizin behandelt. Die erste Folge befasst sich mit dem p-Wert, der in klinischen Studien zu den am häufigsten aufgeführten statistischen Kenngrößen gehört. Allerdings, so die Autoren, werde die Bedeutung des p-Werts oft überschätzt und das Schielen auf den p-Wert könne zu gravierenden Fehlinterpretationen führen.

Die Autoren stellen Definitionen, Interpretationen und den populären Hypothesentest t-Test in gut verständlicher Form vor. Und sie beschreiben das so genannte p-Hacking, dass dazu dient, kleine p-Wert zu erzeugen.

Beispielsweise kann man – unabsichtlich oder manipulativ – so lange unterschiedliche Testverfahren anwenden, bis sich ein p-Wert unter 5% ergibt.

Eine weitere Form des p-Hackings besteht darin, verschiedene Hypothesen zu testen und nur das Ergebnis zu berichten, bei dem sich ein kleiner p-Wert ergeben hat.

Eine andere Technik erhebt zunächst ungezielt Daten in möglichst großer Zahl und prüft dann, ob es irgendwo Unterschiede gibt, z. B. bei den Mittelwerten zwischen 2 Gruppen. Daraus wird eine Hypothese generiert, die man mit dem günstigsten Test prüft.

Ein p-Hacking liegt nach Aussage der Autoren auch dann vor, wenn man Daten, die nicht zu einem gewünschten Ergebnis passen, „wegdiskutiert“. Das bedeutet nicht, dass man offensichtlich fehlerhafte Daten nicht verwerfen darf. Man muss dafür jedoch eine gute Begründung haben und darf sie nicht einfach als Ausreißer deklarieren.

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Kommentar

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