Neue Technologie bringt nix bei Blutdruckselbstmessung: Smartphone-gekoppelte Geräte sind Standard-Geräten nicht überlegen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

22. August 2022

Neuere und technisch aufwändigere Lösungen sind in der Medizin nicht unbedingt besser. Das zeigen die Ergebnisse einer jetzt im JAMA erschienenen Studie zur Blutdruckselbstmessung (SMBP) [1]. Die SMBP mit einem verbesserten, an das Smartphone gekoppelten Gerät ist bei der Senkung des systolischen Blutdrucks nicht effektiver als die Selbstüberwachung mit einem Standardgerät.

Das Blutdruck-Monitoring wird wichtiger denn je

Zum Hintergrund: Ein unkontrollierter Blutdruck trägt in den USA zu mehr als 500.000 Todesfällen pro Jahr bei. In Deutschland leiden nach Angaben der Hochdruckliga zwischen 20 und 30 Millionen Bürger an Bluthochdruck. 30% der Betroffenen wissen nichts von ihrer Erkrankung. Die Blutdruckselbstmessung wird in nationalen und internationalen Leitlinien empfohlen. Ihre Bedeutung dürfte in den kommenden Jahren noch zunehmen, weil die telemedizinische Versorgung den persönlichen Besuch in der Praxis zunehmend ersetzt.

Deshalb wollten von Dr. Marc J. Pletcher von der Abteilung Epidemiologie und Biostatistik der Universität Kalifornien in San Francisco und Kollegen wissen, ob ein verbessertes Messgerät dem Standard-SMBP überlegen ist; zumal Studien zeigen, dass die blutdrucksenkende Wirkung der SMBP proportional zur Intensität der Kointervention (Patientenfeedback, Beratung etc.) zu sein scheint.

Pletcher und Kollegen hatten in ihre randomisiert klinische Studie 2.101 Patienten mit unkontrolliertem Blutdruck eingeschlossen und auf Standard-Selbstüberwachung (n=1.050) oder verbesserte Selbstüberwachung (n=1.051) randomisiert. Die mittlere (SD) Veränderung des systolischen Blutdrucks betrug in der Gruppe mit verbesserter SMBP -10,8 (18) mm Hg und in der Gruppe mit Standard-SMBP -10,6 (18) mm Hg (95%-KI: -1,83 bis 1,44; p = 0,81).

Die aktuellen Programme liefern noch nicht die notwendige Anleitung

Prof. Dr. Nikolaus Sarafoff von der Praxis Kardiologie und Pneumologie München bewertet die Arbeit als interessant und „gut durchgeführt“ und fügt hinzu: „Diese Studie hat erneut bestätigt, dass Patienten von den aktuellen verfügbaren Computerprogrammen nicht die notwendige Anleitung erfahren, wie man bei erhöhten Blutdruckwerten reagieren sollte. Eine mögliche Erklärung wäre auch, dass Patienten der Software misstrauen und diese nicht ernst nehmen“, fügt er hinzu.

 
Diese Studie hat erneut bestätigt, dass Patienten von den aktuellen verfügbaren Computerprogrammen nicht die notwendige Anleitung erfahren, wie man bei erhöhten Blutdruckwerten reagieren sollte. Prof. Dr. Nikolaus Sarafoff
 

Die regelmäßige Aufklärung bezüglich der Wichtigkeit gut eingestellter Blutdruckwerte sollte bei jedem Arztbesuch erfolgen, erinnert Sarafoff. „Zudem sollten Patienten auch wissen, wie sie bei erhöhten Blutdruckwerten reagieren sollen (z.B. Kontakt der Arztpraxis oder eigenständig die Medikation nach bestimmten Vorgaben steigern).“

Details der Studie

Die Rekrutierung und Randomisierung der Studienteilnehmer erfolgte vom 3. August 2019 bis zum 31. Dezember 2020. Probanden erhielten ein Gerät zur Selbstüberwachung zugeschickt, die Nachbeobachtungszeit lab bei 6 Monaten. Die verbesserten Geräte übertrugen die Messergebnisse über eine drahtlose Verbindung an das Smartphone des Patienten und wurden dort verarbeitet für die Nachverfolgun und Visualisierung, für Erinnerungen (zur Blutdruckmessung und/oder Medikamenteneinnahme) und Empfehlungen (u.a. für Lebensstilinterventionen, Kontaktaufnahme mit dem Arzt).

 
Es gibt keinen signifikanten Vorteil eines erweiterten SMBP gegenüber Standard-SMBP - wenn dieses ohne zusätzliche Interventionen oder Unterstützung bereitgestellt wird. Dr. Marc J. Pletcher und Kollegen
 

1.191 der Probanden waren weiblich (56,7%). Das mittlere Alter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren, fast ein Drittel waren Schwarze oder Hispanoamerikaner (31%), und die meisten waren relativ sicher im Umgang mit Technologie.

Moderne Technologien ohne Nutzen

In ihrer Schlussfolgerung schreiben Pletcher und Kollegen, dass die Studienergebnisse eine „definitive Antwort” auf die pragmatische Frage des Patientenbeirats lieferten, ob Patienten sich ein verbessertes SMBP-Gerät kaufen oder einfach die Standard-SMBP verwenden sollten. Die Antwort sei eindeutig: „Es gibt keinen signifikanten Vorteil eines erweiterten SMBP gegenüber Standard-SMBP - wenn dieses ohne zusätzliche Interventionen oder Unterstützung bereitgestellt wird.” Zukünftige Untersuchungen, so Pletcher, sollten „weiterhin neue Technologien evaluieren, die einen skalierbaren und erschwinglichen Ansatz für eine bessere Blutdruckkontrolle in der Bevölkerung bieten könnten. Und Sarafoff regt an: „In zukünftigen Studien sollte geprüft werden, ob eine initiale bessere Schulung durch medizinisches Personal oder eine Verbesserung der Software zu einer besseren Blutdruckeinstellung führt."
 

Kommentar

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