Unberechenbare Lust: Libido von Schwangeren fluktuiert stark – und das ist völlig normal

Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Interessenkonflikte

18. August 2022

Die Veränderungen der weiblichen Libido folgen nicht einfach einem Trimester-Schema, wie bislang häufig angenommen, sondern fluktuieren in komplexer Weise: in Abhängigkeit von akuten Beschwerden der schwangeren Frau, aber auch von endokrinen Schwankungen. Dies hat eine im Journal of Sexual Medicine veröffentlichte Studie ergeben [1]. Paare können auf solche Fluktuationen gut vorbereitet und so  Missverständnisse vermieden werden.

Sexuelle Aktivität wöchentlich erfragt

Seit Längerem ist bekannt, dass sich das weibliche Sexualverhalten während der Schwangerschaft verändert. Geschlechtsverkehr wird im Verlauf der Schwangerschaft seltener. Allerdings haben die meisten bisherigen größeren Studien die sexuelle Aktivität nur ein Mal pro Trimester erfragt.

Die früheren Ergebnisse: In den ersten 13 Wochen haben die Partner weniger Sex, zwischen der 14. und 24. Schwangerschaftswoche (SSW) wird Geschlechtsverkehr dann wieder etwas häufiger („Honey-Moon“-Phase) und im dritten Trimester (25.-40. SSW), zur Geburt des Kindes hin, deutlich seltener. Nun liegen die Daten einer ersten großen Längsschnittstudie mit wöchentlicher Befragung der Frau vor und sie ergeben viel komplexere Schwankungen.

In der Längsschnittstudie wurden Schwangere nach einem ersten, intensiven persönlichen strukturierten Interview (University of Michigan) wöchentlich Internet-basiert oder telefonisch befragt. Die Teilnehmerinnen waren zwischen 18 und 22 Jahre alt. 

Gefragt wurd nach der Schwangerschaftswoche und nach vaginalem Geschlechtsverkehr mit einem Mann in der jeweiligen Woche (nein = 0, ja = 1; Häufigkeit pro Woche wurde nicht erfragt). In die finale Analyse flossen die Daten von 237 Frauen vom Beginn der Schwangerschaft bis zur Geburt des Kindes mit kompletten Angaben in allen Wochen ein.

Koitushäufigkeit sank auf die Hälfte

Vaginaler Geschlechtsverkehr wurde mit zunehmendem Gestationsalter deutlich seltener. Die Wahrscheinlichkeit für mindestens ein Mal Sex pro Woche betrug gegen Ende der Schwangerschaft lediglich 50% des Ausgangswertes.

Die Wahrscheinlichkeit für Koitus sank in den ersten 11 Wochen nach der Befruchtung um wöchentlich 18%, nahm danach bis zur 21. SSW wieder um 3% wöchentlich zu und verringerte sich anschließend bis zum Ende der Schwangerschaft um jeweils 6% wöchentlich.

Das Sexualverhalten junger schwangerer Frauen verändert sich nicht entlang von Trimestern, sondern entspricht den Phasen endokrinologischer und metabolischer Veränderungen, so die Autorinnen. So nähmen die Progesteronproduktion und Stoffwechselintensität in den ersten Wochen zu.

Zwischen Woche 4 und 9 entwickelten sich Symptome wie Übelkeit und Erbrechen, ab der 9./10. bis zur 12. SSW würden diese Beschwerden etwas seltener und anschließend komme es häufig zu körperlichem Unwohlsein durch spürbare Gewichtsveränderungen, Sodbrennen, Verstopfung, Rückenschmerzen, ständigem Harndrang und unterbrochenem Schlaf.

Einen Vorteil in ihrem Studiendesign sehen die Autorinnen darin, dass durch eine Beschränkung des Alters auf maximal 22 Jahre zum Zeitpunkt der Befragung keine altersbedingten Störungen des Sexualverhaltens zu erwarten waren. Als Nachteil könne gesehen werden, dass nicht nach Alternativen zum vaginalen Geschlechtsverkehr beim Erleben von Sexualität gefragt wurde.

Wesentlich für die Betreuung von schwangeren Patientinnen oder von Paaren während der Schwangerschaft der Frau sei es, über diese Veränderungen zu informieren und herauszufinden, welche Wünsche beide haben. Oraler Sex oder manuelle Manipulation könnten eine Alternative sein, wenn Paare während der Schwangerschaft sexuelle Intimität erleben wollten.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Coliquio.de .

 

Kommentar

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