Ein Dilemma für viele Ärzte: Soll man Freunden und Verwandten ärztliche Ratschläge geben?

Maria Weiß

Interessenkonflikte

10. August 2022

Fast jeder Arzt kennt diese Situation: Verwandte, Freunde oder Bekannte möchten außerhalb der Sprechstunde gerne einen medizinischen Rat. Wie soll man damit professionell umgehen, ohne Freunde zu verprellen oder juristische Schwierigkeiten zu bekommen?1

Irgendwann im Laufe des Berufslebens wird jede Ärztin oder jeder Arzt mit diesem nicht immer einfachen Problem konfrontiert. Auch der Sportmediziner und Fußspezialist Dr. Stephen M. Pribut aus Washington D.C. ist schon sehr häufig in diese Situation gekommen, wie er auf Medscape berichtete. So bekam er z.B. einen Anruf von einem Freund, der über eine schmerzende Schulter nach dem Schwimmen klagte. Als Nicht-Schulterspezialist riet ihm Pribut, einen guten Physiotherapeuten oder Schulterspezialisten aufzusuchen und gab ihm einige Ratschläge zu schulterschonenden Schwimmtechniken.

96% würden Freunden und Familie Ratschläge geben

Nach einer Umfrage von Medscape würden 96% der Ärztinnen und Ärzte wie Pribut handeln und ihren Freunden und Angehörigen Ratschläge geben. Prof. Dr. Yazan Abou-Ismail von der Abteilung für Hämatologie der Universität Utah, Salt Lake City, wurde vor allem während der COVID-19-Pandemie vermehrt von Freunden und Verwandten nach Rat gefragt. Allgemeine Information zu teilen ist aus seiner Sicht hier völlig in Ordnung und eine entsprechende Aufklärung über dieses Thema sogar erforderlich.

Eine andere Situation liegt vor, wenn ein Freund an COVID-19 erkrankt ist und wissen will, wie er weiter vorgehen soll. Diesen Freund würde er eher an den behandelnden Hausarzt verweisen, der dann entsprechende Untersuchungen vornimmt und das weitere Vorgehen bestimmt.

Kein medizinischer Rat ohne Basismaßnahmen

Bei den Konsultationen zwischen Tür und Angel bestehen einige ethische Probleme. Meist fehlt eine Untersuchung, eine ausführliche Anamnese und auch ein Follow-up. Ohne diese Basismaßnahmen sollte eigentlich kein medizinischer Rat gegeben werden.

Einiges kann man aber trotzdem tun. Unspezifische Ratschläge zu gesundem Verhalten wie „rauche nicht“, „achte auf gesunde Ernährung“ oder „schlaf genug“ kann man jederzeit geben. Auch die Beantwortung von allgemeinen Fragen wie „Was ist XYZ für eine Erkrankung?“ oder „Wie funktioniert der Corona-Impfstoff?“ kann man problemlos beantworten.

Unangemessen ist dagegen die Beantwortung von Fragen nach einer spezifischen Behandlung. Vor allem sollte ein gut gemeinter Ratschlag nie potenziell Schaden anrichten können.

Keine Ratschläge in anderen Fachbereichen geben

Der Medizinrechtler Jeff Caesar Chukwuma aus Miami, Florida, sieht das ähnlich. Mediziner können Freunden und Verwandten Ratschläge geben – sie müssen aber einige Vorkehrungen treffen, um sich selbst und die Ratsuchenden zu schützen. Dazu gehört es, nie Ratschläge in Fachbereichen zu geben, in denen man sich selbst nicht so gut auskennt. Hier besteht immer die Möglichkeit, sich zu irren und durch falsche Informationen Schaden anzurichten.  

Auch die American Medical Association (AMA) hat sich mit dem Thema beschäftigt. In dem „Code of Medical Ethics“ wird postuliert „Sich selbst oder ein Familienmitglied zu behandeln, stellt Ärztinnen und Ärzte vor verschiedene Herausforderungen, einschließlich der Sorge um professionelle Objektivität, Patientenautonomie und Einwilligung nach entsprechender Aufklärung (informed consent).“

Dies gilt gleichermaßen für Freunde und Bekannte. Gerade hier scheut man als Arzt vielleicht davor zurück, intime Fragen zur Krankengeschichte zu stellen oder andersherum hält der Patient vielleicht bestimmte Informationen zurück, die er nicht mit seinem Bekanntenkreis teilen möchte.

Um hierbei auf der sicheren Seite zu sein, gibt die AMA folgende Tipps:

  1. Lehne höflich ab.

  2. Biete andere Formen der Unterstützung an – z.B. bei der Suche nach einem qualifizierten Arzt oder bei der Navigation durch das teilweise verwirrende Gesundheitssystem.

  3. Zögere nicht, im Notfall zu handeln – so wie bei der „Ist ein Arzt an Bord“-Frage im Flugzeug. Das schließt dann natürlich auch Verwandte und Freunde ein.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de

 

Kommentar

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