Wenn Hund, Katze oder Schlange zubeißen: Wissen Sie was bei Wunden durch Tiere zu tun ist? Ein Leitfaden für die Praxis

Marie-Theres Karla

Interessenkonflikte

8. August 2022

Bissverletzungen, insbesondere von Hunden und Katzen, sind in Deutschland häufig und treten bevorzugt in der warmen Jahreszeit auf. Auch wenn viele Wunden auf den ersten Blick harmlos erscheinen, sind Tierbisse niemals zu unterschätzen und immer als Notfall zu behandeln. Wie Sie richtig vorgehen, lesen Sie in unserem praktischen Handlungspfad bei Tierbissen.

Jährlich kommt es in Deutschland zu 30.000 bis 50.000 Verletzungen durch Bisse von Tieren. Die wichtigsten Fakten auf einen Blick [1]:

 

Anamnese

Im Rahmen der Anamnese sollte unbedingt der genaue Zeitpunkt des Bisses dokumentiert werden. Gerade bei kleinen Verletzungen kommen die Patientinnen und Patienten erst einige Tage später in die Praxis. Auf diese Aspekte sollten Sie bei der Anamnese achten:

  • Impfstatus (Tetanus und ggf. Tollwut),

  • Einschätzung von Risikofaktoren (Medikamente wie Immunsuppressiva oder Kortison; Vorerkrankungen, die die Wundheilung beeinflussen können, z.B. Diabetes oder pAVK; Herzklappe, Splenektomie).

  • Allgemeinzustand und auffällige Symptome (Schüttelfrost, Fieber, Schmerzen, Druck),

  • Entzündungszeichen und

Informationen zum Tier (Art und Besitzer, Gesundheitszustand, Impfstatus).

Wundinspektion & Wundversorgung

Eine sorgfältige Wundinspektion ist bei Tierbissverletzungen obligat.

  • Katzenbisse verursachen i.d.R. punktionsförmige Verletzungen, bei denen es zu einer tiefen Inokulation von Tierspeichel kommt. Die eigentliche Tiefe der Verletzung wird aufgrund des sog. Kulissenphänomens, einer Verschiebung von Epidermis, Dermis und Subkutis, jedoch oft unterschätzt. Achten Sie v.a. bei Katzenbissen auch auf abgebrochene Zähne und Krallen in der Wunde.

  • Bei Hundebissen kann die lokale Krafteinwirkung zusätzlich zu Verletzungen des Weichgewebes und der Knochen führen, die ggf. durch bildgebende Verfahren abgeklärt werden müssen.

Für die Wundversorgung gilt: Sind die Wunden oberflächlich und die Dermis nicht verletzt, ist kein chirurgisches Debridement notwendig. Innerhalb von 48 Stunden sollte die Bisswunde klinisch kontrolliert werden, bei ausgedehnten Befunden oder einer Verschlechterung muss das Intervall verkürzt werden.

Zu den Maßnahmen für die Lokalbehandlung gehören:

  • Säuberung der Wunde (z.B. mit 1% Organojodlösung),

  • Spülung mit physiologischer Kochsalzlösung (verwendet werden Infusionskatheter oder Knopfkanülen, dabei sollte kein zu hoher Druck angewandt werden),

  • Debridement, Entfernung von avitalem Gewebe bei tieferen oder infizieren Wunden.

  • Bei Wunden im Gesicht wird ein primärer Wundverschluss empfohlen.

  • Bei Punktionswunden mit tiefer Inokulation (typisch für Katzenbisse) und im Bereich der Hände sollte nicht primär verschlossen werden.

  • Für die Extremitäten gibt es keine einheitliche Empfehlung; Wundinfektionen treten bei genähten Bisswunden nicht häufiger auf als bei einer Sekundärheilung.

Laboruntersuchung

Ein Routinelabor ist in jedem Fall notwendig und sollte ggf. erweitert werden. Wichtige Vorabinformationen für das ausführende Labor sind z.B. spezielle Methoden (Nährboden, Anaerobiertechnik), schnelle Transportzeiten oder längere Bebrütungszeiten, aber auch die Information, ob Mischkulturen oder ungewöhnliche Erreger zu erwarten sind.

Diese Werte sollten erfasst werden:

Routinemäßig:

  • kleines Blutbild,

  • CRP (C-reaktives Protein),

  • Transaminasen und Nierenfunktion für nachfolgende antibiotische Therapie.

Bei Verdacht auf Infektionen oder bei schweren Fällen:

  • Blutbild,

  • CRP/PCT (Procalcitonin),

  • Serologie,

  • Gerinnungswerte,

  • Blutkulturen,

  • Liquor,

  • Stuhl (Mikroskopie, Kultur, PCR).

Zudem sollte die Untersuchung des Tieres (Abstriche, Stuhl) veranlasst werden.

Prophylaktische Antibiotikagabe

Die meisten Experten empfehlen eine prophylaktische Antibiotikagabe. Bei oberflächlichen Wunden und bei Patienten, die erst 24 Stunden nach dem Biss und ohne Infektionszeichen vorstellig werden, kann darauf verzichtet werden. Die Behandlungsdauer bei frischen Wunden beträgt 3 bis 5 Tage.

Empfohlene Antibiotika im Fall einer manifesten Infektion

Im Fall einer Infektion treten häufig aerob-anaerobe Mischinfektionen auf, verursacht durch Keime aus der oralen Bakterienflora des beißenden Tieres. Obwohl Hunde- und Katzenbisse ein teilweise unterschiedliches Erregerprofil aufweisen, sind die empfohlenen Antibiotika grundsätzlich dieselben:

  • Ampicillin/Sulbactam (3x3 g i.v.)

  • Amoxicillin/Clavulansäure (3x875/175 mg p.o.)

  • Cefuroxim (3x1,5 g i.v.) + Clindamycin (3x600 mg i.v./p.o.)

  • Moxifloxacin (1x400 mg p.o.)

  • bei schwerer Infektion: Piperacillin/Tazobactam (3-4x4,5 g i.v.)

Tetanus- und Tollwutimpfung

Liegt die Tetanusschutzimpfung mehr als 10 Jahre zurück, sollte eine Auffrischung erfolgen, bei sehr tiefen oder großen Wunden bereits nach 5 Jahren. Patientinnen und Patienten ohne Impfschutz sollten eine Simultanimpfung aus Tetanus-Immunoglobulin und Tetanus-Toxoid erhalten.

Ist der Tollwut-Impfstatus des Tieres nicht klar, ist eine Tollwut-Abklärung indiziert und das Tier sollte insbesondere in tollwutgefährdeten Bezirken untersucht werden. Im Zweifelsfall sollte immer einer Tollwut-Schutzimpfung verabreicht werden, ebenso bei Fledermausbissen (Tollwut-Simultanimpfung).

Tollwutimpfung für Reisende

Bei reisemedizinisch indizierten Tollwutimpfungen gilt momentan die Empfehlung, „liberal zu impfen“. Grund dafür sind stockende Kampagnen zur Hundevakzinierung aufgrund der COVID-19-Pandemie und damit einhergehende steigende Fallzahlen von Hunde- und Menschentollwut.

Zudem fehlt in vielen Ländern Immunglobulin, so dass man sich nicht auf die Versorgung im Reiseland verlassen kann. Dies gilt neben tropischen Ländern beispielsweise auch für Südafrika.

Schlangenbisse: Nicht so selten, wie man denkt

Jährlich kommt es weltweit zu schätzungsweise 2,5 Mio. Schlangenbissen. Meistens sind es Giftnattern oder Vipern, die Wanderer weltweit v.a. in den frühen Morgenstunden angreifen.

Aber nicht nur auf Reisen können giftige Schlangen zum Problem werden: Giftschlangenhalter gibt es in beträchtlicher Anzahl in jeder deutschen Großstadt. Insbesondere während der Sommermonate, wenn die Tiere aktiver werden, gibt es immer wieder Berichte über ausgebrochene Tiere. So wurde beispielsweise 2021 ein 10-Parteien-Wohnhaus in Köln evakuiert, 2020 fand eine Frau auf ihrem Dachboden eine giftige Viper.

Statistisch gesehen hat jede in der Dermatologie tätige Person in ihrem Berufsleben mindestens einmal mit einer Schlangenbissvergiftung zu tun. 8 wichtige Hinweise zur Erstversorgung nach Schlangenbissen haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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