Genvariante senkt Sterberisiko; verlorener Geruch und kognitiver Abbau; Impfung während Schwangerschaft schützt Säugling

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

4. August 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom xxx 2021

Heute Morgen gibt das Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, 451,3 Infektionen pro 100.000 Einwohner als 7-Tage-Inzidenz an. Am 3. August lag der Wert noch bei 477,9. 

  • Hausärzteverband: Direktverschreibung von Paxlovid ist großer Fortschritt

  • Bestimmte Genvariante verringert das Sterberisiko bei COVID-19

  • Studie aus Israel: 4. Impfung schützt Beschäftigte im Gesundheitswesen

  • Impfung während der Schwangerschaft schützt auch den Säugling

  • Geht ein verlorener Geruchssinn mit kognitivem Abbau einher?

  • Studie bestätigt den Nutzen von Masken

  • Long-COVID: Langfristige Folgen für Herz und Gefäße

Hausärzteverband: Direktverschreibung von Paxlovid ist großer Fortschritt

Der Deutsche Hausärzteverband begrüßt das geplante Dispensierrecht für Hausärzte bei der Versorgung von COVID-19-Patienten mit antiviralen Arzneimitteln.

„Dass Hausärztinnen und Hausärzte zukünftig die Möglichkeit haben sollen, antivirale Arzneimittel zur Behandlung von COVID-19-Erkrankungen wie beispielsweise Paxlovid direkt an ihre Patientinnen und Patienten abzugeben, ist ein großer Fortschritt für die Versorgung von Corona-Risikopatienten“, kommentiert Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes in einem Pressestatement den Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums.

Paxlovid muss möglichst früh während der Erkrankung, spätestens jedoch 5 Tage nach Symptombeginn, verabreicht werden. Von dem hochwirksamen Medikament profitieren vor allem Risikopatienten.

„Bei der Verschreibung müssen die Hausärztinnen und Hausärzte verschiedene Wechselwirkungen berücksichtigen und unter Umständen andere Arzneimittel für kurze Zeit absetzen. Der Einsatz ist folglich nicht trivial und muss im Einzelfall abgewogen werden. Richtig eingesetzt, können die Medikamente die Sterblichkeit deutlich senken“, erklärt Weigeldt.

Nun gehe es darum, praktikable Konzepte zu erarbeiten und umzusetzen, wie die Patienten, die von einer antiviralen Therapie in besonderem Maße profitierten identifiziert werden können. Das betreffe u.a. die Bewohner von Pflegeeinrichtungen, die besonders gefährdet sind.

Bestimmte Genvariante verringert das Sterberisiko bei COVID-19

Wer die Genvariante GNB3 TT trägt, hat ein geringeres Risiko, an einem schweren Verlauf von COVID-19 zu sterben. Forschungsteams der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) unter der Leitung von Dr. Birte Möhlendick haben festgestellt, dass die Genvariante GNB3 TT das Risiko, zu sterben, um 35% reduziert.

Die Forscher hatten im Zeitraum 11. März 2020 bis 30. Juni 2021 den Krankheitsverlauf von insgesamt 1570 SARS-CoV-2-positiv getesteten Patienten verfolgt. Die Variante GNB3 TT trägt etwa 10% der europäischen Bevölkerung. Das Studienteam hat seine Ergebnisse in Frontiers in Genetics publiziert.

In Zusammenarbeit mit der Klinik für Infektiologie und dem Institut für Transfusionsmedizin konnte auch gezeigt werden, dass die Immunzellen von Personen mit einem milden Verlauf im Laborversuch stärker auf das Coronavirus reagierten als die Zellen von Menschen mit schweren Krankheitsverläufen.

„Wir konnten auch zeigen“, so Möhlendick in einer Mitteilung der Universität weiter, „dass die Zellen von Menschen mit dem GNB3 TT-Genotyp am stärksten auf das Coronavirus reagierten was möglicherweise erklärt, warum bei diesen Genträgern das Todesrisiko so stark reduziert ist.“ Derzeit laufen Untersuchungen dazu, welche weiteren Genvarianten Einfluss auf die COVID-19 Erkrankung haben.

Studie aus Israel: 4. Impfung schützt Beschäftigte im Gesundheitswesen

In einer Studie aus Israel wurde der Zusammenhang zwischen dem Erhalt einer vierten Dosis des Impfstoffs BNT162b und einer SARS-CoV-2-Infektion bei Beschäftigten im Gesundheitswesen untersucht. Dr. Matan J. Cohen und Kollegen gingen der Frage nach, ob die Impfung von Mitarbeitern des Gesundheitswesens mit einer vierten Dosis des BioNTech-Vakzins während der Omikron-Welle Vorteile brachte.

In die multizentrische Kohortenstudie schlossen sie 29 611 Beschäftigte des Gesundheitswesens in Israel ein (65% Frauen, mittleres Alter 44 Jahre), die zwischen August und September 2021 3-mal geimpft worden waren; von diesen erhielten 5331 (1%) im Januar 2022 die vierte Dosis und waren in der ersten Woche nach der Impfung nicht infiziert.

Die Rate an Durchbruchsinfektionen lag bei denjenigen, die 4 Dosen erhalten hatten, bei 6,9% verglichen mit 19,8% bei denjenigen, die 3 Dosen erhalten hatten. In beiden Gruppen traten keine schweren Erkrankungen oder Todesfälle auf.

„Ein um 65% geringeres Risiko von Durchbruchsinfektionen während der Omikron-Welle”, twittert Eric Topol. Aus diesem Grund, so Topol weiter, sollte die 2. Auffrischungsimpfung „jetzt für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen verfügbar sein“.

Impfung während der Schwangerschaft schützt auch den Säugling

Norwegische Forscher um Dr. Ellen Øen Carlsen vom Norwegian Institute of Public Health in Oslo, haben untersucht, ob eine COVID-19-Impfung der Mutter im zweiten oder dritten Trimester der Schwangerschaft mit einem geringeren COVID-19-Risiko für den Säugling verbunden ist.

In die registerbasierte Kohortenstudie wurden alle lebend geborenen Säuglinge, die zwischen dem 1. September  2021 und dem 28. Februar 2022 in Norwegen geboren wurden, eingeschlossen.

Von 21.643 lebend geborenen Säuglingen wurden 9.739 (45%) von Frauen geboren, die während der Schwangerschaft eine zweite oder dritte Impfung erhalten hatten. Unter den Säuglingen mit geimpften Müttern, zeigte sich eine geringere Inzidenz.

Während des Delta-dominierten Zeitraums lagen die Inzidenzraten bei den geimpften Säuglingen bei 1,2 pro 10 000 Follow-up-Tage vs. 3,0 pro 10.000 Follow-up-Tage bei Säuglingen von ungeimpften Müttern (HR: 0,29).

Während des Omikron-dominierten Zeitraums lag die Inzidenz unter Säuglingen mit geimpften Müttern bei 7,0 pro 10 000 Follow-up-Tagen vs 10,9 pro 10.000 Follow-up-Tage (HR: 0,67).

„Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die mütterliche COVID-19-Impfung während der Schwangerschaft vor einer SARS-CoV-2-Infektion des Säuglings in den ersten Lebensmonaten schützen könnte, schreiben die Autoren.

Geht ein verlorener Geruchssinn mit kognitivem Abbau einher?

Veränderungen des Geruchs- und Geschmackssinns sind bei Patienten mit COVID-19 häufig. Rund 5% der Covid-Patienten weltweit – etwa 27 Millionen Menschen – haben über Geruchsverluste berichtet, die länger als 6 Monate andauern.

Forscher um Dr. Song Tar Toh vom Singapore General Hospital haben jetzt untersucht, wie wahrscheinlich Betroffene lang anhaltende Veränderungen entwickeln und dazu 18 Studien mit insgesamt 3.699 Patienten ausgewertet.

Ihre Ergebnisse: Der Geruchsverlust kann bei 5,6% der Patienten bestehen bleiben, während 4,4% ihren Geschmackssinn möglicherweise nicht wiedererlangen. 30 Tage nach der Erstinfektion berichteten nur 74% der Patienten über eine Wiederherstellung des Geruchs und 79% über eine Wiederherstellung des Geschmacks. Am meisten Probleme, ihren Geruchs- und Geschmackssinn wiederzuerlangen, hatten Frauen.

Die Ergebnisse einer Studie deuten nun darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen dem COVID-19-bedingten Geruchsverlust und kognitiven Beeinträchtigungen geben könnte. Experten betonen aber, dass noch weitere Untersuchungen erforderlich sind.

 

In der auf der Alzheimer’s Association International Conference vorgestellten Arbeit wurden 766 Erwachsene im Alter von 55 bis 95 Jahren ein Jahr lang nach ihrer Infektion beobachtet. Fast 90% hatten einen bestätigten Fall von COVID-19, und alle absolvierten im Laufe eines Jahres regelmäßige körperliche, kognitive und neuropsychiatrische Tests.

2 Drittel der Infizierten wiesen am Ende des Jahres kognitive Beeinträchtigungen auf. Bei der Hälfte der Teilnehmer war die Beeinträchtigung schwerwiegend. „Unsere Daten deuten stark darauf hin, dass Erwachsene über 60 Jahre anfälliger für kognitive Beeinträchtigungen nach COVID-19 sind, wenn sie eine Geruchsstörung hatten, unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung“, sagte Studienmitautorin Prof. Dr. Gabriela Gonzalez-Aleman von der Pontificia Universidad Catolica Argentina in Buenos Aires. Sie fügte hinzu, dass es noch zu früh sei zu beurteilen, ob die kognitiven Beeinträchtigungen dauerhaft sind.

Laut Dr. Claire Sexton, Senior Director of Scientific Programs and Outreach bei der Alzheimer's Association, ist der Verlust des Geruchsinns ein Signal für eine Entzündungsreaktion im Gehirn. „Wir wissen, dass Entzündungen Teil des neurodegenerativen Prozesses bei Krankheiten wie Alzheimer sind“, so Sexton. „Aber wir müssen noch genauer erforschen, wie sie zusammenhängen.“

Prof. Dr. Jonas Olofsson, der sich an der Universität Stockholm mit dem Zusammenhang zwischen Geruchssinn und Demenzrisiko befasst und nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnet die Studienergebnisse als „sehr aufregend, obwohl die Informationen, die ich bisher gesehen habe, keine eindeutigen Schlussfolgerungen zulassen“.

Studie bestätigt den Nutzen von Masken

Eine noch nicht begutachtete Studie liefert Hinweise, dass Masken vor COVID-19 schützen. „Eine weitere systematische Überprüfung, die heute veröffentlicht wurde, bestätigt den Nutzen“von Masken, twittert Eric Topol.

„In dieser systematischen Übersichtsarbeit wurde versucht, die Wirksamkeit von Gesichtsmasken, unabhängig vom Typ, bei der Prävention der Übertragung von SARS-CoV-2 sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Bevölkerung zu analysieren“, schreiben die Autoren um Dr. Joseph Cervia, Infektiologe North Shore University Hospital in Manhasset, NY.

Insgesamt wurden 243 Personen mit COVID-19 infiziert, von denen 97 Masken trugen und 146 nicht. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit COVID-19 zu infizieren, lag bei Maskenträgern bei 7% (97/1463; p = 0,002), bei Nicht-Maskenträgern bei 52% (158/303, p = 0,94). Das relative Risiko, an COVID-19 zu erkranken, betrug für Maskenträger 0,13 (95%-KI: 0,10-0,16).

Eine erste Überprüfung hatte 1.732 Studien ergeben, davon erfüllten 61 Volltextstudien die Aufnahmekriterien und 13 Studien schließlich lieferten Daten, die in die endgültige Analyse einflossen.

Long-COVID: Langfristige Folgen für Herz und Gefäße

Im 3. Jahr der Corona-Pandemie und bei über 30 Millionen erfassten COVID-19-Fällen in Deutschland (RKI) zeichnet sich ab, dass viele Betroffene nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 noch lange Beschwerden haben wie Herzrasen, Gedächtnisprobleme, Muskelschwäche und -schmerzen sowie lähmende Erschöpfung, warnt die Deutsche Herzstiftung mit.

Bis zu 30% der an COVID-19 Erkrankten geben nach der Infektion anhaltende Beschwerden an. Eine US-Studie fand nach 1 Jahr bei ehemals COVID-Erkrankten ein um über 70% erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz im Vergleich zu Nichtinfizierten „Nach den Erfahrungen der vergangenen 2 Jahre ist das Herz auch über den akuten Infekt hinaus gefährdet, einen Schaden davonzutragen“, betont Prof. Dr. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.

Typische anhaltende Herzbeschwerden, über die Patienten in der Folge noch weiter klagen, sind „insbesondere Brustschmerzen, Herzstolpern und Herzrasen, Kurzatmigkeit sowie eingeschränkte körperliche Belastbarkeit und Schwäche nach körperlicher Belastung“. Die Krankheitsmechanismen sind unklar; am ehesten könnten Autoimmunreaktionen dafür verantwortlich sein.

 

Kommentar

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