Quelle erkannt – Sepsis gebannt? Je früher man die Ursache der Sepsis kennt, desto besser – und es gibt besonders dringende Fälle

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

4. August 2022

Sicher ist es sinnvoll, die Ursache einer Sepsis frühzeitig zu erkennen. Eine US-Studie liefert nun Ergebnisse zur 90-Tage Sterblichkeit von knapp 5.000 Fällen von Sepsis und differenziert dabei zwischen der Lokalisierung des Infektionsherdes im Zeitraum innerhalb von 6 oder 36 Stunden. Tatsächlich hatten Patienten der unter 6-Stunden-Gruppe einen Überlebensvorteil von durchschnittlich 29% gegenüber denen der 6-bis-36-Stunden-Gruppe. Aber es kam auch auf die Art der Ursache an.

Dr. Hendrik Rüddel

Speziell die Fälle mit gastrointestinalen und abdominalen Ursachen erlebten einen Überlebensvorteil von 46% und mit Ursache im Weichteilgewebe von 28% gegenüber solchen mit orthopädischen oder kranialen Ursachen, die im Durchschnitt sogar um 33% niedriger lag. Somit schienen letztere keinen Vorteil von einer schnelleren Ursachenbestimmung der Sepsis zu haben.

Die Studie von Dr. Katherine M. Reitz und ihren Kollegen, Presbyterian Hospital Pittsburgh, USA, war zwar weder randomisiert noch prospektiv, dafür aber für viele wichtige klinische Parameter adjustiert [1]. Die Daten wurden über 5 Jahre aus 14 beteiligten Kliniken kombiniert. Bei 1.317 Patientinnen und Patienten (27% der Fälle) wurden die Quellen der Sepsis innerhalb von 6 Stunden nach der Diagnose der Sepsis lokalisiert, bei allen übrigen nach 6 bis 36, im Mittel nach 15,4 Stunden. Die Studie ist in JAMA Surgery publiziert.

 
Diese Ergebnisse … sind ein weiterer Beleg dafür, dass auch für die Sanierung des Infektionsherdes gilt: je eher, desto besser. Dr. Hendrik Rüddel
 

„Diese Ergebnisse bestätigen den Outcome der in Deutschland durchgeführten Medusa-Studie und sind ein weiterer Beleg dafür, dass auch für die Sanierung des Infektionsherdes gilt: je eher, desto besser“, urteilt Dr. Hendrik Rüddel, Oberarzt am Universitätsklinikum Jena und Mitautor dieser prospektiven Studie aus dem Jahr 2017 mit über 4.000 Patienten aus 40 deutschen Kliniken.

Bei gastrointestinalen und abdominalen Quellen die größten Unterschiede

Nach den Rohdaten lag die 90-Tage-Sterblichkeit bei beiden Gruppen mit 14% vs. 15% der Fälle in etwa gleichauf. Insgesamt starben 706 der Patientinnen und Patienten im Studienverlauf innerhalb von 90 Tagen.

Nach Adjustierung der Daten nach Alter, Schwere der Sepsis, anatomischen Kategorien, genauer Zeit der Ursachenbestimmung und des Antibiotika-Einsatzes sowie Häufigkeit und Schwere der Interventionen wurden die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen deutlicher. 

Die Mitglieder der 6-Stunden-Gruppe waren allerdings auch jünger (59 gegenüber 63 Jahren), die erste Antibiotikagabe erfolgte früher (nach im Mittel 0,4 gegenüber 1,9 Stunden), und es erfolgte häufiger eine Betreuung durch Ärzte für 24 Stunden vor Ort (63% gegenüber 46%). Andererseits lag sowohl die Schwere der Sepsis höher (Sequential Organ Failure Assessment [SOFA]-Score im Mittel 4,8 gegenüber 3,4) als auch die Rate der mechanischen Beatmung (48% gegenüber 24%) und einer vasoaktiven Medikation (30% vs. 17%) sowie die Schwere der Interventionen (73% vs. 46%). Außerdem wurden der 6-Stunden-Gruppe häufiger gastrointestinale und abdominale (37% vs. 24%), thorakale (11% vs. 6%) und Weichteilgewebe-Ursachen (27% vs. 19%) für die Sepsis gefunden. Alle diese Unterschiede waren signifikant.

Insgesamt schienen die Mitglieder der 6-Stunden-Gruppe somit tendenziell jünger und schwerer erkrankt, aber auch besser versorgt zu sein. Auf der anderen Seite wurde dies durch die Adjustierung der Daten in der Analyse relativiert, wie auch die Autoren in ihrer Diskussion darlegten.

Es ergab sich letztlich mit jeder Verkürzung der Zeit der Ursachenfindung eine Steigerung der 90-Tage Überlebenszeit über die gesamte Population. Diese fiel allerdings insbesondere für gastrointestinale und abdominale (46%) sowie Weichteilgewebe-lokalisierte Ursachen (28%) am deutlichsten aus.

Schnelligkeit zahlt sich auch im Urteil der Experten aus

In ihrem zugehörigen Editorial spricht sich auch Prof. Dr. Pamela A. Lipsett, Johns Hopkins University, Baltimore, USA, für eine möglichst frühzeitige Ursachenbestimmung bei Fällen von gastrointestinal, abdominal oder Weichteilgewebe-bedingter Sepsis aus [2].

Prof. Dr. Konrad Reinhart

„Unnötige Verzögerungen bei der Herdsanierung wie ‚machen wir am Ende des Tagesprogramms‘ oder ‚doch nicht am Wochenende‘ sollten der Vergangenheit angehören“, bestätigt auch Rüddel und verweist auf die deutsche S3-Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ aus 2018.

 
Der Schlüssel zum Behandlungserfolg bei Sepsis liegt im frühzeitigen Erkennen bereits durch Betroffene und Angehörige … und dann dem entschlossenen Behandeln der Patienten als medizinischer Notfall. Prof. Dr. Konrad Reinhart
 

„Der Schlüssel zum Behandlungserfolg bei Sepsis liegt im frühzeitigen Erkennen bereits durch Betroffene und Angehörige mit der Frage ‚Könnte es Sepsis sein?‘ und dann dem entschlossenen Behandeln der Patienten als medizinischer Notfall. Das ist eine Herausforderung für alle Bereiche der Versorgung und alle beteiligten Berufsgruppen“, ergänzt Prof. Dr. Konrad Reinhart, Vorsitzender der Sepsis-Stiftung und Senior-Professor an der Berliner Charité.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Hier ist der Link zu unseren kostenlosen Newsletter-Angeboten – damit Sie keine unserer Nachrichten aus der Medizin verpassen.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....