Fall: Ein Mann inhaliert über viele Jahre Ethylenchlorid - auch gegen Schmerzen beim Sex. Nun leidet er unter den Folgen des Schnüffelns 

Dr. Thomas Kron  

Interessenkonflikte

8. August 2022

Ethylchlorid-Spray, in der Medizin zur Schmerzlinderung nach Verletzungen eingesetzt, wird zunehmend als Schnüffel-Alternative verwendet. Aufgrund der leichten Verfügbarkeit, der Kosteneffizienz und der Legalität steigt der Konsum. Um auf das Phänomen des Missbrauchs von Ethylchlorid aufmerksam zu machen, schildern Laura Hager von der LMU München und ihre Kollegen den Fall eines 53-jährigen homosexuellen Mannes, der über viele Jahre regelmäßig Ethylchlorid inhaliert hat [1].

Der Patient und seine Geschichte

Der HIV-positive Mann suchte wegen des Ethylchlorid-Konsums freiwillig ambulante Hilfe. Im Verlauf der Behandlung wurde auch eine Benzodiazepin-Abhängigkeit festgestellt. Vor der aktuellen ambulanten Behandlung war der Mann bereits zweimal wegen der Abhängigkeit von verschiedenen Substanzen (LSD, Ecstasy, Kokain, Crystal Meth und Pilze) behandelt worden. Aufgrund eines Guillain-Barré-Syndroms mit beidseitiger Parese der unteren Extremitäten war der Patient auf eine Gehhilfe (Rollator) angewiesen.

Ethylchlorid-Spray habe der Mann seinen Angaben nach seit rund 25 Jahren etwa 3-mal pro Woche inhaliert (Verbrauch pro Woche 350 bis 525 ml). Als körperliche Entzugssymptome gab er innere Unruhe sowie einen erhöhten Bewegungsdrang an. Hauptmotiv für das Schnüffeln war, sich „wegbeamen“ zu können. Außerdem habe er Ethylchlorid konsumiert, „wenn er sich langweilte, Entspannung brauchte oder sein Schmerzempfinden beim Sex dämpfen wollte“ (Stichwort Chemsex). Die Substanz sei legal und preiswert in der Apotheke oder im Internet zu kaufen. Durch den Ethylchlorid-Konsum habe er allerdings das Gefühl bekommen, an Kraft in den Beinen zu verlieren. Er sei sogar mehrmals gestürzt. Außerdem habe er nach dem Konsum Herzrasen verspürt und schlecht geschlafen.

Ein Blick in die Literatur

Hager und Kollegen haben in der Fachliteratur 10 Fälle von Ethylchlorid-Missbrauch gefunden. Studien zur Pathophysiologie und zum Metabolismus bei Menschen gebe es nicht.

Tierversuche lieferten Hinweise auf karzinogene Effekte (Karzinome des Uterus und hepatozelluläre Tumore, bösartige epitheliale Neoplasmen der Haut und zerebrale Astrozytome). Zudem hätten Experimente mit Mäusen reduzierte Überlebensraten ergeben. Effekte der Ethylchlorid-Exposition auf die Fortpflanzung seien zwar nicht gefunden worden; in einer Studie sei aber eine Abnahme des Uterusgewichts festgestellt worden, in einer anderen Studie „ein minimales Anzeichen von Fetotoxizität“. 

Darüber hinaus gebe es Berichte zu 2 Todesfällen. Alle Patienten hätten akute neurologische Symptome gezeigt (z.B. Schläfrigkeit, Zittrigkeit, Unfähigkeit zu stehen und zu gehen, Desorientierung). Zudem gebe es Berichte zu chronischen neurologischen Wirkungen und Hinweise aus Tierversuchen zu Langzeiteffekten auf Lunge, Leber, Nieren und Herz.

Empfehlungen für die Praxis

Wichtig seien den Münchener Autoren zufolge eine frühzeitige Diagnose und eine unterstützende sowie überwachende Therapie, da der Konsum leicht zu einer Abhängigkeit führe. Bei der Aufnahme in eine Klinik sollten kognitive Tests durchgeführt werden. Da Ethylchlorid im Urin nachzuweisen sei, sollte auch eine Urin-Analyse vorgenommen werden. Zu achten sei auf Herzrhythmusstörungen. Zur Therapie werden Methoden empfohlen, die bei anderen Substanz-Abhängigkeiten eingesetzt werden. Besonders wichtig sei die Prävention, erklären die Autoren. Aus diesem Grund sollte eine verstärkte Aufklärung, insbesondere an Kontaktstellen bekannter Risikogruppen (etwa AIDS-Beratungsstellen), gefördert werden. Zudem sollte das klinische Personal sensibilisiert werden.

Beim so genannten Chemsex handelt es sich um eine Unterform des sexualisierten Substanzgebrauchs. Konsumiert werden zum Beispiel Methamphetamin, γ‑Hydroxybuttersäure/γ-Butyrolacton (GHB/GBL), Mephedron und weitere Substanzen; Ziel ist die Beeinflussung sexueller Aktivität. Betroffen sind vor allem Männer, die Sex mit Männern haben. Die Prävalenz soll seit einigen Jahren zunehmen.

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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