Immer mehr Schwurbler? Der Eindruck täuscht – Studie zeigt, dass der Glaube an Verschwörungstheorien nicht zugenommen hat

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

3. August 2022

Diese Phrasen hat in den vergangenen Monaten jeder schon mal gehört und darauf mit mehr oder weniger Stirnrunzeln reagiert:

„COVID-19 wird durch 5G-Strahlen ausgelöst!“

„Bill Gates hat SARS-CoV-2 künstlich im Labor herstellen lassen.

„Der mRNA-Impfstoff enthält Mikrochips.“

„Die Pandemie war lange geplant und dient der Etablierung einer neuen Weltordnung“, bis hin zu „Es gibt keine Pandemie“!

Man hatte leicht den Eindruck, dass solche Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch sind und immer mehr Menschen damit liebäugeln. Doch der Glaube an Verschwörungstheorien hat in den letzten Jahren nicht zugenommen. Zu diesem Schluss jedenfalls kommen die Autoren einer Studie, die in Plos One erschienen ist [1]. Dr. Joseph Uscinski von der University of Miami und seine Kollegen haben in 4 Teilstudien Probanden zu ihrem Glauben an Verschwörungstheorien befragt:

  • Studie 1 untersucht die Veränderung des Anteils der Amerikaner, die an 46 Verschwörungstheorien glauben (darunter QAnon mit COVID-19-Bezug, über den Mord an Kennedy, über Aliens und UFOs). Die Beobachtungen erstrecken sich in einigen Fällen über ein halbes Jahrhundert.

  • Studie 2 untersucht die Veränderung des Anteils der Personen in 6 europäischen Ländern, die an 6 Verschwörungstheorien glauben, im Zeitraum 2016 bis 2018.

  • In Studie 3 untersuchten Uscinski und seine Kollegen die Überzeugungen darüber, welche Gruppen sich gegen „uns“ verschwören.

  • Studie 4 verfolgt das allgemeine Verschwörungsdenken in den USA von 2012 bis 2021.

„In keinem Fall finden wir systematische Evidenz für eine Zunahme des Verschwörungsdenkens“, schreiben die Studienautoren. Bisherige wissenschaftliche Befunde deuteten schon darauf hin, dass der Glauben an solche Theorien historisch gesehen nicht stark zugenommen hat – die aktuelle Studie stützt diese Befunde.

Hat die Zustimmung zu Verschwörungsmythen im Zeitlauf zugenommen?

Ob die Zustimmung zu Verschwörungstheorien im Lauf der Zeit zugenommen hat, sei aus mehreren Gründen nicht einfach zu beantworten, stellt Prof. Dr. Christian Hoffmann vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Leipzig klar. Nicht nur ist das Forschungsfeld selbst relativ klein und umfangreiche, differenzierte Datenbestände, speziell Längsschnittdaten fehlen.

„Verschwörungstheorien unterscheiden sich erheblich voneinander, ebenso die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird. Es entstehen auch immer wieder neue Verschwörungstheorien. Das Konzept der Verschwörungstheorie bleibt dabei oft etwas schillernd. Damit stellt sich die Frage, ob es ‚die‘ Zustimmung zu Verschwörungstheorien (Plural) im Zeitverlauf überhaupt geben kann“, erklärt Hoffmann gegenüber dem Science Media Center (SMC).

 
Es stellt sich die Frage, ob es ‚die‘ Zustimmung zu Verschwörungstheorien (Plural) im Zeitverlauf überhaupt geben kann. Prof. Dr. Christian Hoffmann
 

„Die vorliegende Studie argumentiert überzeugend, dass – zumindest in den USA – die Zustimmung zu Verschwörungstheorien im Durchschnitt über die letzten Jahre und Jahrzehnte nicht zugenommen hat“, sagt Hoffmann. Die untersuchten Verschwörungstheorien durchlebten Konjunkturen: Die Zustimmung nimmt mal zu, mal ab. Deutlich werde dabei aber auch, wie heterogen das Konzept der „Verschwörungstheorie“ ist. „In manchen Fällen liegt die Zustimmung zu den geprüften Aussagen bei über 50%, in anderen bei unter 10%“, berichtet Hoffmann.

Die Ergebnisse der europäischen Befragungen deutet darauf hin, dass „Verschwörungstheorien in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext sehr unterschiedlich aufgenommen werden. Die Zustimmung zu einzelnen Verschwörungstheorien schwankt zum Teil zwischen ungefähr 10 und 50% in den untersuchten Ländern“, so Hoffmann.

 
Die vorliegende Studie argumentiert überzeugend, dass – zumindest in den USA – die Zustimmung zu Verschwörungstheorien im Durchschnitt über die letzten Jahre und Jahrzehnte nicht zugenommen hat. Prof. Dr. Christian Hoffmann
 

Er hält es für plausibel, dass Verschwörungstheorien im digitalen Zeitalter stärker und schneller verbreitet werden. Das sei möglicherweise eine Ursache dafür, dass der öffentliche Diskurs sich intensiv mit diesen Ideen befasst. „Das allein bedeutet aber nicht, dass tatsächlich im Zeitverlauf immer mehr Menschen an Verschwörungstheorien glauben oder auch nur anfällig für diese sind. Der öffentliche Diskurs zu Verschwörungstheorien im Netz hat damit eine Parallele zum ‚Fake News‘-Diskurs: Es wird überschätzt, wie weit diese verbreitet sind, und es wird deutlich überschätzt, wie leicht sich Menschen durch Inhalte im Internet beeinflussen lassen.“

Studie methodisch eingeschränkt

Das Ergebnis der Studie und den Schluss der Studienautoren, dass sich kaum Anhaltspunkte für eine gewachsene Zustimmung zu Verschwörungsvorstellungen finden lassen, hält auch Dr. Philipp Müller vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim für plausibel.

 
Der öffentliche Diskurs zu Verschwörungstheorien im Netz hat eine Parallele zum ‚Fake News‘-Diskurs: Es wird überschätzt, wie weit diese verbreitet sind. Prof. Dr. Christian Hoffmann
 

Müller hält die Aussagekraft der Studie dennoch für „methodisch eingeschränkt“. Er hebt hervor, dass in den Studien 3 und 4 viermal über einen längeren Zeitraum (2012 bis 2020) mit der gleichen Formulierung gearbeitet wurde – was zu einem „validen und in gewisser Weise beruhigenden Befund“ geführt habe.

 
Die Studie kann also nichts darüber aussagen, ob sich bei einzelnen Personen der Verschwörungsglaube im Zeitverlauf verändert, ob er wächst oder fällt. Dr. Lena Frischlich
 

In den beiden anderen Teilstudien sei das hingegen nicht der Fall. In Studie 2 werden Antworten europäischer Teilnehmer lediglich aus den Jahren 2016 und 2018 verglichen. „In einem solch verhältnismäßig kurzen Zeitraum wäre jedoch ein deutlicher Anstieg des Verschwörungsglaubens kaum zu erwarten gewesen. Die Forschungsfrage, die die Studie bearbeiten will, erfordert aus meiner Sicht den Blick auf einen deutlich längeren Zeithorizont“, betont Müller und fügt hinzu: „Schlussfolgerungen, die über diesen Zeitraum hinausgehen oder den Anspruch haben, die Befunde auf europäische Länder zu übertragen, erscheinen mir aufgrund der wackeligen Datenbasis – für die die Autoren natürlich nichts können – eher unzulässig.“

Den Aspekt greift auch Dr. Lena Frischlich, Medienpsychologin am Institut für Kommunikationswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, auf und erinnert daran, dass bei den analysierten Datensätzen nicht immer die gleichen Menschen befragt wurden. „Die Studie kann also nichts darüber aussagen, ob sich bei einzelnen Personen der Verschwörungsglaube im Zeitverlauf verändert, ob er wächst oder fällt. Auch lässt sich daraus nicht ableiten, wie Medien- und Medieninhalte auf diesen individuellen Glauben wirken. Hierfür sind jeweils andere methodische Zugänge notwendig – zum Beispiel Panel-Studien, bei denen immer die gleichen Personen befragt werden, oder sozialwissenschaftliche Experimente.“

Auch könne nicht ausgeschlossen werden, dass Personen zwar 2022 eher an Verschwörungstheorien glauben als 2010, aber weniger Personen offen dazu stehen. Allerdings zeigen auch die berücksichtigten Online-Befragungen, bei denen die Befragten anonym bleiben, keine massive Zunahme des Verschwörungsglaubens. Nach Frischlichs Einschätzung „argumentieren die Autoren überzeugend, dass es unwahrscheinlich sei, dass der reine Unwille, sich ehrlich zu äußern, die Ergebnisse erklären kann.“

Die Daten zeigten, dass sich die Inhalte ändern, an die Verschwörungsgläubige glauben, nicht aber der Anteil der Verschwörungsgläubigen an der Gesamtbevölkerung, so Frischlich. „Auch andere Studien berichten, dass der Anteil an Verschwörungsgläubigen in der Gesamtbevölkerung relativ stabil bleibt. Für Deutschland zeigt sich das etwa im COSMO-Monitoring“, fügte sie hinzu.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es Personen mit einem mehr oder weniger starken Hang zum Glauben an unterschiedliche Verschwörungstheorien gibt – die sogenannte Verschwörungsmentalität. Die Studienergebnisse von Uscinski und Kollegen zeigen, dass sich der Glaube an spezifische Verschwörungstheorien im Zeitverlauf ändern kann. „Auch gibt es Studien, die zeigen, dass der Konsum von Verschwörungstheorien negative Folgen haben kann, etwa indem das Vertrauen in demokratische Institutionen negativ beeinflusst wird.“

 
Auch andere Studien berichten, dass der Anteil an Verschwörungsgläubigen in der Gesamtbevölkerung relativ stabil bleibt. Dr. Lena Frischlich
 

Weitere wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass „Personen, die an Verschwörungstheorien glauben, weniger bereit sind, sich am demokratischen Prozess zu beteiligen und stattdessen eher abweichende Partizipationsformen inklusive Gewalt befürworten – das ist also durchaus etwas, das man ernst nehmen darf.“

Anders oder weniger über Verschwörungstheorien berichten?

Verschwörungstheorien finden einen starken Widerhall in den Medien: „Unsere eigene Studie zur COVID-19-Berichterstattung zeigt, dass Verschwörungsideologen teilweise mehr Berichterstattung bekamen als die damalige politische Opposition“, berichtet Frischlich. „Hier kann man sich also durchaus fragen, über wen berichtet wird. Das gilt insbesondere dann, wenn eben nicht legitime Theorien über das schadenswillige Handeln von mächtigen Personen berichtet werden – Medien haben ja auch eine Watchdog-Funktion –, sondern problematische Verschwörungsmythen beispielsweise antisemitischer Art verbreitet werden.“

 
Das heißt noch lange nicht, dass inzwischen massiv mehr Menschen an Verschwörungstheorien glauben, als das früher der Fall war. Dr. Lena Frischlich
 

Hat sich die Verbreitung und Wahrnehmung von Verschwörungstheorien durch das Internet und soziale Medien verändert? „Online-Medien erleichtern den Zugang zu digitalisierten Öffentlichkeiten, virtuellen Gruppen und individuellen Smartphone-Nutzenden. Inhalte lassen sich leichter jenseits von zeitlichen und geografischen Einschränkungen verbreiten, und die editorielle Kontrolle ist sehr viel geringer, als das noch bei gedruckten Zeitungen der Fall war. Davon profitieren Katzenvideos und kreative Künstler aus weit entfernten Kontexten, aber eben auch Verschwörungstheorien.“

Frischlin weiter: „Die aktuelle Studie zeigt aber auch: Das heißt noch lange nicht, dass inzwischen massiv mehr Menschen an Verschwörungstheorien glauben, als das früher der Fall war. Einen Grund zur Panik scheint es also nicht zu geben.“ Frischlich erinnert daran, dass Verschwörungstheorien auch auf „fruchtbaren Boden“ fallen müssen. Die Frage sei also, was Verschwörungstheorien für wen, wann und warum attraktiv und glaubhaft mache.

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