Träume von Apokalypse und Tod: So veränderte der Lockdown Schlafen und Träumen

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

29. Juli 2022

Als die COVID-19-Pandemie losbrach und ein strenger Lockdown verhängt wurde, schien ein Albtraum Wirklichkeit geworden. Und diese Wirklichkeit brachte es mit sich, dass die Menschen tatsächlich vermehrt Albträume hatten und schlecht schliefen. Doch profitierten sie auch von der aufgezwungenen Entschleunigung: Endlich einmal konnten sie länger und gemäß ihrem Biorhythmus im Bett bleiben, so dass sie sich tagsüber fitter fühlten.

Durch die nie dagewesenen Maßnahmen zum Infektionsschutz wurde mehr als ein Viertel der Bevölkerung in der EU dauerhaft oder vorübergehend arbeitslos, fast die Hälfte musste Kurzarbeit machen. Finanzielle Sorgen, familiäre Konflikte, Verlust von Freizeitaktivitäten, Isolation und Furcht vor Ansteckung führten zu einer starken Zunahme psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder Angstzustände.

So skizzieren Severin Ableidinger von der Medizinischen Universität Wien und seine Kollegen eine Situation, die sich tiefgreifend auf Schlaf und Träume ausgewirkt hat. Studien dazu haben sie in einer Übersichtsarbeit zusammengetragen [1].

Zugleich Gefahr und Schutz für den Schlaf

Dass der Lockdown zwiespältige Folgen für den Schlaf hatte, beleuchtet eine Umfrage in Italien. Die Schattenseite: Während des strengen Lockdowns im März 2020 überwogen die schlechten Schläfer die guten mit 51% zu 49%, wogegen sie danach mit 44% zu 56% deutlich in der Minderzahl waren. Frauen wiesen generell eine geringere Schlafqualität auf als Männer, doch vergrößerte sich die Diskrepanz während der Ausgangssperre noch mehr. 

Außer erhöhtem Stress vermuten die Autoren als Gründe: Mangel an Tageslicht und Bewegung durch das Eingesperrtsein zuhause, Umstellung der Essgewohnheiten, vermehrter Alkoholkonsum oder Nutzung digitaler Medien bis spät in die Nacht.

Die Lichtseite ergab sich durch reduziertes Arbeitspensum und den Wegfall fester Arbeitszeiten sowie des täglichen Pendelns: Die Befragten blieben ein halbe Stunde länger im Bett und konnten ihrem eigenen Biorhythmus folgen, so dass sie am Tag leistungsfähiger waren.

Traumerinnerung nahm zu

Viele Menschen berichteten in Studien über vermehrtes Träumen. Auf Internet-Seiten wurden die Träume gesammelt. Die Medien griffen das Thema auf, wie CNN, The Guardian und die Washington Post

Dieses Phänomen ist ebenfalls sowohl mit den positiven als auch negativen Aspekten des Lockdowns zu erklären. Durch die längeren Schlafenszeiten kamen die Menschen zu mehr REM-Schlaf, dessen Träume besonders lebendig, bizarr und emotional sind, so dass sie sich tiefer ins Gedächtnis eingraben. 

Präsenter bleiben die Träume aber auch, wenn die Schlafqualität gering ist, etwa bei Stress und psychischen Problemen. Die erhöhte Traumerinnerung steht im Einklang mit der Hypothese, dass Träume Emotionen regulieren und deshalb helfen, die Belastungen zu bewältigen. 

Trauminhalte änderten sich

Vermehrt drehten sich Träume um Krankheit, Gefangenschaft, Krieg, Totalitarismus, Tod und Apokalypse. Im englischen Sprachraum geisterte auch Ungeziefer durch die nächtlichen Phantasien, was symbolisch interpretiert wurde, da „sich anstecken“ mit der Redewendung „to catch/pick up a bug“ (sich einen Erreger einfangen) umschrieben wird.

Mit dem Fortschreiten der Pandemie wurde auch COVID-19 in den Träumen immer präsenter: In US-Studien berichteten Anfang Mai 2020 etwa 8% der Teilnehmer, davon geträumt zu haben, zwischen Mai und Juni 2020 waren es schon ein Drittel und im Herbst 2020 sogar bis zu 2 Drittel. 

Ein Modell dafür liefert die Kontinuitätshypothese, wonach Träume das tägliche Leben – zumal bedeutsame Ereignisse und emotionale Traumata – widerspiegeln.

Albträume wurden häufiger

Während der Pandemie im Mai 2020 hatte ein Viertel der Teilnehmer einer Online-Umfrage mindestens einmal pro Woche Albträume – 3-mal mehr als vorher. Albträume verursachen ihrerseits Stimmungsschwankungen, Tagesmüdigkeit und kognitive Defizite, so dass sich ein Teufelskreis entwickeln kann. 

Ableidinger und sein Team bilanzieren: "Die Studien zu Träumen geben Aufschluss über das psychische Befinden der Bevölkerung."

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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