Vitamin-K-Antagonisten und Schädel-Hirn-Trauma: Das könnte ein tödliche Kombination sein

Kelli Whitlock Burton

Interessenkonflikte

28. Juli 2022

Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma haben ein höheres Risiko, im Folgemonat zu sterben oder eine akute neurochirurgische Behandlung zu benötigen, wenn sie in der Vergangenheit Vitamin-K-Antagonisten (VKA) eingenommen haben. Das zeigen neue Forschungsergebnisse im Fachjournal Neurology  [1].

Eine Behandlung mit direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) vor dem Schädel-Hirn-Trauma war ebenfalls mit einem schlechteren Verlauf verbunden, allerdings nicht annähernd so stark wie die Behandlung mit VKA. Adenosin-Diphosphat (ADP)-Rezeptor-Antagonisten waren nach 30 Tagen hingegen nicht mit höheren Raten an Sterbefällen und operativen Eingriffen assoziiert.

Ein immer häufigeres Problem in der alternden Bevölkerung       

Die groß angelegte, landesweite, bevölkerungsbasierte Studie zeige ein klareres Bild der Auswirkungen, die die Verwendung oraler Antikoagulanzien (OAK) und ADP-Rezeptor-Antagonisten auf die Outcomes nach einem SHT haben; ein Problem, das Kliniker bei einer alternden Bevölkerung immer häufiger beobachteten, so die Forscher.

 
Diese Ergebnisse zeigen die relative Sicherheit von DOAK oder ADP-Rezeptor-Antagonisten bei Patienten, bei denen das Risiko eines Schädel-Hirn-Traumas besteht. Dr. Jussi Posti
 

„Diese Ergebnisse zeigen die relative Sicherheit von direkten Antikoagulanzien oder ADP-Rezeptor-Antagonisten bei Patienten, bei denen das Risiko eines Schädel-Hirn-Traumas besteht“, sagt Studienautor Dr. Jussi Posti, Leiter der Abteilung für Neurochirurgie am Universitätskrankenhaus Turku und außerordentlicher Professor für Neurochirurgie an der Universität Turku, Finnland, im Gespräch mit Medscape. „Sie sprechen dafür, zu direkten Antikoagulanzien zu greifen, wenn eine orale Antikoagulation erforderlich ist".

Beste Vorgehensweise bei Schädel-Hirn-Trauma und Gerinnungshemmung unklar
 

Es wird erwartet, dass im Jahr 2040 rund 22% der Weltbevölkerung 60 Jahre und älter sein werden, also fast doppelt so viel wie im Jahr 2015.

Ältere Erwachsene haben ein höheres Risiko für Vorhofflimmern und kardioembolische Ereignisse, was die Wahrscheinlichkeit einer Behandlung mit DOAK und ADP-Rezeptor-Antagonisten erhöht. Diese Bevölkerungsgruppe hat auch ein höheres Risiko für leichte Schädel-Hirn-Traumata. Diese können durch Medikamente, die die Blutgerinnung beeinflussen, kompliziert werden können, da das Risiko für intrakranielle Blutungen steigt.

Frühere Studien haben widersprüchliche Ergebnisse erbracht, so dass die beste Vorgehensweise bei diesen Patienten bislang unklar war.

Analyse von mehr als 57.000 Patienten

Um diese Frage zu untersuchen, analysierten die Forscher die Daten von 57.056 Patienten mit einer traumatischen Schädelverletzung, bei denen in den meisten Fällen eine Gehirnerschütterung oder ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma diagnostiziert worden war. Insgesamt wurden 0,9% der Patienten mit DOAK, 7,1% mit VKA (alle Warfarin) und 2,3% mit ADP-Rezeptor-Antagonisten behandelt.

Die 30-Tage-Mortalität betrug 15,4% in der VKA-Gruppe, 8,4% in der DOAK-Gruppe und 7,1% in der gruppe ohne orale Antikoagulation. Die Patienten, die mit VKA behandelt wurden, wiesen ein signifikant höheres Risiko auf, innerhalb von 30 Tagen nach dem Schädel-Hirn-Trauma zu versterben, als die Patienten, die keine orale Antikoagulation erhalten hatten (bereinigte Hazard Ratio [aHR] 1,35; p < 0,0001) oder solche, die DOAK einnahmen (aHR 0,62; p = 0,005).

Bei Risiko für Kopftrauma Medikamente überprüfen

ADP-Rezeptor-Antagonisten waren nach multivariater Analyse nicht mit der Mortalität assoziiert. Und die Mortalität unterschied sich nicht signifikant zwischen Patienten, die mit DOAK behandelt wurden, und solchen, die keine orale Antikoagulation erhielten.

„Wir kamen zu dem Schluss, dass Patienten mit einem Risiko für ein Kopftrauma, die Antikoagulanzien benötigen, ihre Medikation überprüfen lassen sollten", so Posti.

Aufgrund von Limitationen des Kodierungssystems, das in der Studie verwendet wurde, konnten die Forscher den tatsächlichen Schweregrad der Schädel-Hirn-Traumata nicht beurteilen. Stattdessen verwendeten sie die Dringlichkeit einer akuten neurochirurgischen Behandlung und die Dauer des Aufenthalts als Marker für den Schweregrad der Verletzung. Dieser Ansatz wurde auch schon in anderen, vergleichbaren Studien genutzt.

 
Patienten mit einem Risiko für ein Kopftrauma, die Antikoagulanzien benötigen, [sollten] ihre Medikation überprüfen lassen. Dr. Jussi Posti
 

„Dieser Ansatz wird in der Literatur bisher als akzeptabel angesehen", so Posti, „und aufgrund der großen Patientenzahl in jeder der untersuchten Gruppen ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich die Schweregrade (gemessen mit der Glasgow-Koma-Skala), die posttraumatische Amnesie und das funktionellen Ergebnis zwischen den untersuchten Patientengruppen unterschieden.“

Mit VKA war häufiger neurochirurgisches Eingreifen erforderlich

Zwar gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen in Bezug auf den Krankenhausaufenthalt. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten, die VKA einnahmen, akut neurochirurgisch behandelt werden mussten, war signifikant höher als bei Patienten ohne OAK (aOR, 1,33; p < 0,0001). Zwischen den anderen Patientengruppen gab es dahingehend keine Unterschiede.

In der Studie wurde nicht untersucht, ob die Umkehrung der Wirkung von VKA die Sterblichkeitsrate oder die Notwendigkeit eines akuten neurochirurgischen Eingriffs beeinflussen würde.

Umkehrung der Antikoagulation ist immer eine Option

Dr. Ritvij Bowry, Assistenzprofessor für Neurochirurgie an der McGovern Medical School am University of Texas Health Science Center in Houston, USA, kommentierte die Ergebnisse für Medscape: Er merkte an, „dass aus der Perspektive der klinischen Praxis" die Umkehrung der Antikoagulation ein Teil des medizinischen Arsenals für die Behandlung von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma ist – sei es mit VKA oder DOAC.

Bowry, der nicht an der Studie beteiligt war, wies darauf hin, dass die Zahl der älteren Patienten mit schweren Verletzungen steigt – und viele von ihnen werden mit VKA oder DOAK gegen Vorhofflimmern behandelt. Studien wie diese seien wichtig, denn sie lieferten Daten, die Therapieentscheidungen beeinflussen könnten. Dennoch würden noch mehr Informationen benötigt, ergänzte er.

Noch viele Fragen offen

„Bei welchen Patienten sollte eine Umkehrung erfolgen, und sollte dies auf der Grundlage von radiologischen, klinischen oder hämatologischen Kriterien geschehen, oder abhängig davon sein, ob diese Patienten eine Operation benötigen?", fragte er. „Eine Umkehrung der VKA-Therapie sollte immer in Betracht gezogen werden, aber es ist unklar, ob diese Daten ein absolutes Kriterium darstellen und ob dies wirklich mit besseren Ergebnissen verbunden ist", erklärt Bowry.

 
Eine Umkehrung der VKA-Therapie sollte immer in Betracht gezogen werden, aber es ist unklar, ob diese Daten ein absolutes Kriterium darstellen. Dr. Ritvij Bowry
 

Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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