Überblick zu neuen Medikamenten im Markt aus Q2 – für die Onkologie + Hämatologie, gegen Adipositas und ein neuer Impfstoff

Marie Fahrenhold

Interessenkonflikte

6. Juli 2022

Im 2. Quartal 2022 sind einige neue Medikamente und Wirkstoffe nach behördlicher Neuzulassung in den deutschen Markt eingeführt worden. Hier finden Sie einen Überblick.

Im onkologischen Bereich gab es Neuerungen für das Urothelkarzinom, das Aderhautmelanom sowie eine bedingte Zulassung für das multiple Myelom.

Urothelkarzinom

Seit Juni 2022 steht das Präparat Padcev® mit dem Wirkstoff Enfortumab Vedotin zur Verfügung. Enfortumab Vedotin ist indiziert als Monotherapie für Erwachsene mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Urothelkarzinom, die zuvor eine Platin-haltige Chemotherapie und eine Behandlung mit Inhibitoren des programmierten Zelltodproteins 1 oder des programmierten Zelltodliganden 1 erhalten haben.

Die Zulassungsbasis bilden Ergebnisse einer offenen, randomisierten Phase-3-Studie EV-301.

Aderhautmelanom

Die bislang am weitesten verbreiteten Erstlinientherapieoptionen für nicht metastasierende Uvealmelanome sind Operation, Strahlentherapie und Enukleation. Mit Kimmtrak® (Tebentafusp) ist zum 1. Mai 2022 ein neues Medikament für die Monotherapie von HLA (humanes Leukozyten-Antigen)-A*02:01-positiven erwachsenen Patientinnen und Patienten mit inoperablem oder metastasiertem uvealem Melanom auf den deutschen Markt gekommen.

Die Zulassung von Tebentafusp basiert auf Daten einer randomisierten Phase-3-Studie, die im vergangenen Jahr im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden.

Multiples Myelom

Die Europäische Kommission hat die bedingte Zulassung von Carvykti® (Ciltacabtagene Autoleucel; Cilta-cel) für die Behandlung von Erwachsenen mit rezidiviertem und refraktärem multiplem Myelom (RRMM) erteilt, die mindestens 3 vorausgegangene Therapien erhalten haben, darunter einen immunmodulatorischen Wirkstoff (IMiD), einen Proteasom-Inhibitor (PI) und einen Anti-CD38-Antikörper, und bei denen die Krankheit unter der letzten Behandlung fortgeschritten ist.

Cilta-cel ist eine chimäre Antigenrezeptor-T-Zell-Therapie (CAR-T) mit 2 auf das B-Zell-Reifungsantigen (BCMA) gerichteten Einzeldomänenantikörpern. Da es sich um ein hochgradig personalisiertes Arzneimittel handelt, bei dem die eigenen T-Zellen eines Patienten oder einer Patientin so programmiert werden, dass sie Krebszellen identifizieren und abtöten, erfordert die Verabreichung der CAR-T-Therapie eine umfangreiche Schulung, Vorbereitung und Zertifizierung.

Die CARTITUDE-1-Daten, auf die sich die Zulassung der Europäischen Kommission stützt, zeige, dass eine einzige Infusion von Cilta-cel bei einer stark vorbehandelten Patientengruppe zu einem dauerhaften Ansprechen führe, erklärt Dr. Maria-Victoria Mateos, Fachärztin für Hämatologie am Universitätskrankenhaus von Salamanca, Spanien. Die Sicherheit von Cilta-cel wurde an 179 erwachsenen Menschen in 2 offenen klinischen Studien untersucht (MMY2001 und MMY2003). 

Methotrexat-Toxizität

Voraxaze®, eine Glucarpidase, ist ein neues Arzneimittel zur Verringerung toxischer Methotrexat-Plasmakonzentrationen bei Erwachsenen und Kindern ab einem Alter von 28 Tagen mit einer verzögerten Methotrexat-Clearance aufgrund einer beeinträchtigten Nierenfunktion.

Eine verzögerte Ausscheidung von Methotrexat ist häufig und führt dazu, dass Knochenmark, gastrointestinale Schleimhäute und andere Gewebe toxischen Methotrexat-Konzentrationen verlängert ausgesetzt sind, wodurch es zu schweren bis tödlichen Toxizitäten kommen kann, z. B. Leukopenie/Neutropenie, Mucositis, Hepatitis, Sepsen oder andere schwere Infektionen. Das Präparat ist seit dem 15. April 2022 auf dem deutschen Markt.

Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie

Zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit paroxysmaler nächtlicher Hämoglobinurie (PNH) ist im April 2022 der erste zielgerichtete C3-Komplementinhibitor Pegcetacoplan (Aspaveli®) auf den deutschen Markt gekommen. Voraussetzung für die Anwendung ist, dass die Betroffenen mindestens 3 Monate nach einer Behandlung mit einem C5-Inhibitor weiterhin anämisch sind.

Bei PNH fehlt vielen Blutzellen Glycosylphosphatidylinositol, welches sonst als Anker für CD55 und CD59 auf Zelloberflächen dient. Zellen ohne diese Anker und somit ohne CD55 und CD59 sind Angriffen des Komplementsystems ausgesetzt – Erythrozyten sind am anfälligsten für die Zerstörung.

Das pegylierte Pentadecapeptid Pegcetacoplan kontrolliert sowohl die intravaskuläre als auch die extravaskuläre Hämolyse. Diese werden ausgelöst durch C3b-Opsonierung und den nachgeschalteten Membranangriffskomplex (MAC). Pegcetacoplan bindet an das Komplementprotein C3 und reguliert so die Spaltung von C3 und die Bildung nachgeschalteter Effektoren der Komplementaktivierung.

Die Zulassungsbasis bilden Ergebnisse der Phase-3-Studie PEGASUS (NCT03500549), die eine Überlegenheit für Pegcetacoplan hinsichtlich der Erhöhung der Hämoglobinwerte zeigen, im Vergleich zu dem Präparat Eculizumab.

Sichelzellanämie

Seit Mitte Mai 2022 steht mit Oxbryta® (Voxelotor) eine neue Therapieoption zur Behandlung von hämolytischer Anämie infolge von Sichelzellkrankheit bei Menschen ab 12 Jahren zur Verfügung. Der Wirkstoff kann als Monotherapie oder kombiniert mit Hydroxycarbamid (Hydroxyharnstoff) eingesetzt werden.

Bei dem Krankheitsbild der Sichelzellanämie kommt es zur Versichelung der Erythrozyten, wenn abnormes Hämoglobin Sauerstoff freisetzt, sich verklumpt und starre Ketten bildet, welche die Zellform ändern. Die Folge: Die Zellen werden schneller abgebaut, Blutgefäße leichter blockiert, die Zahl an Erythrozyten nimmt ab, und es steht weniger funktionsfähiges Hämoglobin für den Sauerstofftransport zur Verfügung. 

Voxelotor ist ein Polymerisationshemmer von Sichelzellhämoglobin. Er verbessert die Bindung von Sauerstoff durch Hämoglobin, verhindert die Bildung von Ketten und hilft so, dass die Erythrozyten ihre physiologische Form behalten und weniger schnell abgebaut werden. Die Zulassungsbasis bilden Ergebnisse der randomisierten, Placebo-kontrollierten klinischen Phase-3-Studie HOPE.

Pneumonie

Seit Mitte April dieses Jahres steht mit Apexxnar® ein neuer Pneumokokken-Polysaccharid-Konjugat-Impfstoff zur Verfügung.

Der Impfstoff ist indiziert für Personen ab 18 Jahren für die Prävention invasiver Erkrankungen und Pneumonie, die durch das Bakterium Streptococcus pneumoniae hervorgerufen werden. Das Vakzin enthält eine breite Serotypenabdeckung und trägt zum Schutz gegen 20 Streptococcus pneumoniae-Serotypen bei.

Die Impfung wird als Einzeldosis intramuskulär gegeben. Daten zur sequenziellen Impfung mit anderen Pneumokokken-Impfstoffen oder einer Auffrischungsimpfung liegen noch nicht vor. Wird die Anwendung eines 23-valenten Pneumokokken-Polysaccharid-Impfstoffs (Pneumovax 23 PPSV23) in Betracht gezogen, sollte das neue Präparat zuerst verabreicht werden. Diese Empfehlung basiert auf klinischer Erfahrung mit Prevenar 13 (Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff, der aus 13 Polysaccharid-Konjugaten besteht, die auch in Apexxnar® enthalten sind).

Die Zulassungsbasis bilden Ergebnisse eines klinischen Studienprogramms, einschließlich dreier klinischer Phase-3-Studien (NCT03760146, NCT03828617, NCT03835975). 

Morbus Parkinson

Für die intermittierende Behandlung von episodischen motorischen Fluktuationen (Off-Episoden) bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit Morbus Parkinson ist seit dem 1. Mai 2022 das erste inhalative Levodopa, Inbrija®, zugelassen – vorausgesetzt, sie werden mit Levodopa und einem Dopa-Decarboxylase-Hemmer behandelt.

Levodopa ist eine Prodrug von Dopamin. Da Levodopa auf beiden Seiten der Blut-Hirn-Schranke zu Dopamin verstoffwechselt werden kann, wird die Substanz zusammen mit einem Dopa-Decarboxylase-Hemmer verabreicht. Passiert Levodopa die Blut-Hirn-Schranke, wird es zu Dopamin verstoffwechselt, ergänzt den endogenen Dopamin-Spiegel und reduziert Symptome der Parkinson-Erkrankung.

Adipositas

Imcivree® (Setmelanotid) ist ein neues Medikament zur Behandlung von Erwachsenen und Kindern ab 6 Jahren mit Adipositas und zur Kontrolle des Hungergefühls im Zusammenhang mit genetisch bestätigtem, durch Funktionsverlustmutationen bedingtem biallelischem Proopiomelanocortin (POMC)-Mangel (einschließlich PCSK1) oder biallelischem Leptinrezeptor (LEPR)-Mangel.

Setmelanotid ist ein selektiver Melanocortin-4 (MC4-)-Rezeptoragonist. MC4-Rezeptoren im Gehirn sind an der Regulierung von Hunger- und Sättigungsgefühl sowie Energieumsatz beteiligt.

Es wird davon ausgegangen, dass Setmelanotid bei genetischen Formen der Adipositas, die mit einer unzureichenden Aktivierung des MC4-Rezeptors zusammenhängen, die Aktivität des MC4-Rezeptor-Signalwegs wiederherstellt, um das Hungergefühl zu reduzieren und durch eine reduzierte Kalorienzufuhr und einen erhöhten Energieumsatz eine Gewichtsabnahme herbeizuführen.

Die Ergebnisse zweier zulassungsrelevanter Studien (NCT02896192, NCT03287960) konnten belegen, dass Setmelanotid das Körpergewicht bei Menschen mit POMC- und LEPR-Mangel um mindestens 10% reduzieren kann.

Diagnose von Wachstumshormonmangel

Seit Mitte Juni 2022 ist Ghryvelin® (Macimorelin) zur oralen Testung auf die Diagnose Wachstumshormonmangel bei Erwachsenen in Deutschland zugelassen. Macimorelin ist ein Ghrelin-Analogon und ahmt endogenes Ghrelin nach: Es aktiviert Wachstumshormon-sekretagogene Rezeptoren (growth hormone secretagogue receptors, GHSR) in der Hypophyse und stimuliert dort die GH-Sekretion.

Das neue Medikament erwies sich in einer klinischen Studie als vergleichbar zu dem bisherigen Goldstandard, dem Insulintoleranztest, der oft umständlich durchzuführen und bei bestimmten Patientinnen und Patienten kontraindiziert ist.

Wachstumsstörung bei Kindern und Jugendlichen

Seit dem 1. April 2022 ist zudem das Arzneimittel Ngenla® mit dem Wirkstoff Somatrogon zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen ab einem Alter von 3 Jahren mit Wachstumsstörung aufgrund einer unzureichenden Ausschüttung von humanem Wachstumshormon (human growth hormone, hGH) auf dem deutschen Markt erhältlich.

Somatrogon ist ein synthetisches Glykoprotein, das aus der Aminosäuresequenz des hGH mit einer Kopie des C-terminalen Peptids (CTP) aus der β-Kette des humanen Choriongonadotropins (hCG) am N-Terminus und 2 Kopien des CTP (Tandemkopien) am C-Terminus besteht.

Nach Injektion bindet Somatrogon an den Somatotropin-Rezeptor, ein Zytokinrezeptor, und initiiert eine Signaltransduktionskaskade, die zu Veränderungen von Wachstum und Stoffwechsel führt: Die Bindung von Somatrogon führt zur Aktivierung des STAT5b-Signalwegs und erhöht dosisabhängig die Serumkonzentration von insulinähnlichem Wachstumsfaktor 1 (IGF-1).  

Als Ergebnis werden durch hGH und IGF-1 Stoffwechselveränderungen und Längenwachstum stimuliert und die Wachstumsgeschwindigkeit bei pädiatrischen Patientinnen und Patienten mit Wachstumshormonmangel gesteigert.

Im Vergleich zum Wachstumshormon Genotropin (Somatropin) hat Somatrogon aufgrund der Glykosylierung und seiner CTP-Domänen eine längere Halbwertszeit im Körper, wodurch eine wöchentliche statt einer täglichen Injektion ermöglicht wird. 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Coliquio.de .
 

Kommentar

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