Schutz für Diabetiker: Verringert das Twinkretin Tirzepatid das Risiko für eine terminale Niereninsuffizienz?

Dr. Mitchel L. Zoler

Interessenkonflikte

4. Juli 2022

Das „Twinkretin“ Tirzepatid könnte ein weiterer Pfeil im Köcher gegen diabetische Nierenerkrankungen werden. Dies legt eine vorspezifizierte Subanalyse der klinischen Studie SURPASS-4 nah, wonach der Wirkstoff die Wahrscheinlichkeit einer Makroalbuminurie signifikant verringert.

„Die wöchentliche Tirzepatid-Gabe führt im Vergleich zur täglichen Behandlung mit dem Insulinanalogon Insulin glargin zu einer deutlichen Verbesserung der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) sowie zu einer Verringerung des Albumin-Kreatinin-Quotienten und des Risikos der terminalen Niereninsuffizienz. Zugleich sinkt das Risiko einer klinisch relevanten Hypoglykämie bei Typ-2-Diabetikern mit hohem kardiovaskulärem Risiko und verschiedenen schweren chronischen Nierenerkrankungen“, so Studienleiter Dr. Hiddo J. L. Heerspink in einer Mail an Medscape.

Dr. Hiddo J. L. Heerspink

Vor kurzem hat die FDA Tirzepatid (Mounjaro®, Lilly) als Antidiabetikum bei Patienten mit Typ-2-Diabetes zugelassen. Tirzepatid ist ein neuartiger dualer Inkretinagonist, der sowohl an den GLP-1-Rezeptor (Glucagon-like Peptide-1) als auch an den GIP-Rezeptor (Glukose-dependent insulinotropic Polypeptide) bindet . Die Ergebnisse basieren auf den Ergebnissen von 5 zulassungsrelevanten SURPASS-Studien, worüber Medscape kürzlich berichtet hatte.

Heerspink präsentierte seine Ergebnisse zu den Auswirkungen einer Tirzepatid-Gabe auf die Nierenfunktion während des 82. Jahreskongresses der American Diabetes Association (ADA) in New Orleans [1].

Gefahr nachlassender Nierenfunktion sinkt um 40%

Die wichtigsten Ergebnisse der SURPASS-4-Studie wurden bereits im vergangenen Jahr in The Lancet veröffentlicht. Danach war Tirzepatid bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mit hohem kardiovaskulärem Risiko und unzureichender oraler Einstellung bei der Senkung des Blutzuckerspiegels dem Insulin glargin überlegen.

 
Tirzepatid hat eine signifikante nierenschützende Wirkung bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes, hohem kardiovaskulärem Risiko und weitgehend normaler Nierenfunktion. Dr. Christine Limonte
 

Jetzt haben Heerspink und seine Kollegen gezeigt, dass sich unter Tirzepatid die Nierenfunktion mit einer neu auftretenden Makroalbuminurie signifikant seltener verschlechtert als unter Insulin glargin (Hazard Ratio [HR] 0,59; p<0,05).

„Dies sind sehr starke Pluspunkte, die klar auf das Potenzial von Tirzepatid als renoprotektive Substanz hindeuten“, sagte Heerspink von der Abteilung für klinische Pharmazie und Pharmakologie des University Medical Center im niederländischen Groningen.

Auch die Sitzungsleiterin Dr. Christine Limonte stimmte dem in einer Mail an Medscape zu: „Basierend auf den Ergebnissen der SURPASS-4-Studie hat Tirzepatid eine signifikante nierenschützende Wirkung bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes, hohem kardiovaskulärem Risiko und weitgehend normaler Nierenfunktion.“

Das um etwa 40% geringere Risiko einer Verschlechterung der Nierenfunktion in dieser Population „ist bedeutsam und macht diesen neuartigen Wirkstoff zu einer weiteren Option in dem wachsenden Medikamentenarsenal zur Vorbeugung und Therapie von diabetischen Nierenerkrankungen“, fügte Limonte hinzu, Forschungsstipendiatin in der Abteilung für Nephrologie der University of Washington in Seattle.

 
Angesichts der wachsenden Zahl an Therapieoptionen für diabetische Nierenerkrankungen sollte sich die künftige Forschung auch auf die Identifizierung individuell abgestimmter Wirkstoffkombinationen konzentrieren. Dr. Christine Limonte
 

„In den letzten Jahren waren die SGLT2-Inhibitoren (Natrium-Glukose-Cotransporter-2) und die GLP-1-Agonisten die Mittel der ersten Wahl zur Behandlung diabetischer Nierenerkrankungen mit signifikanter renoprotektiver Wirkung beim Typ-2-Diabetes“, sagte sie.

Für Limonte sind jedoch weitere Studien erforderlich, um die Tirzepatid-Wirkungen im Vergleich zu den bisherigen Wirkstoffen zu bewerten, was vor allem für die GLP-1-Agonisten gelte, deren Wirkmechanismus sich mit diesem überlappe.

„Angesichts der wachsenden Zahl an Therapieoptionen für diabetische Nierenerkrankungen sollte sich die künftige Forschung auch auf die Identifizierung individuell abgestimmter Wirkstoffkombinationen konzentrieren“, so Limonte.

„Um diese verbesserten Ergebnisse bei der diabetischen Nephropathie auch in die Allgemeinheit zu tragen, muss der Zugang zu diesen renoprotektiven Substanzen sichergestellt und ihre Bezahlbarkeit gewährleistet werden“, fügte sie hinzu.

Senkung des Makroalbuminurie-Risikos am stärksten

Laut einer Pressemitteilung der ADA hat einer von 3 Diabetikern eine chronische Nierenerkrankung. Daher besteht ein Bedarf an Behandlungsoptionen, welche die Entwicklung und das Fortschreiten der Nierenerkrankungen bei Typ-2-Diabetikern bremsen.

Die präspezifizierte Analyse von SURPASS-4 widmete sich den potenziellen renoprotektiven Effekten von Tirzepatid.

An der Studie nahmen 1.995 Patienten mit Typ-2-Diabetes und einem erhöhten kardiovaskulären Risiko teil. Die Patienten waren im Mittel 63,6 Jahre alt und hatten einen durchschnittlichen HbA1c-Wert von 8,5%.

Die meisten Patienten wiesen eine normale Nierenfunktion auf. Die mittlere eGFR betrug 81,3 ml/min/1,73 m2. Dieser Wert wurde mithilfe der CKD-EPI-Formel ermittelt (Chronic Kidney Disease - Epidemiology Collaboration).

Nur 17% der Patienten hatten eine mäßig oder stark eingeschränkte Nierenfunktion (eGFR<60 ml/min/1,73 m2), etwa ein Viertel (28%) hatte eine Mikroalbuminurie (UACR 30–300 mg/g) und 8% eine Makroalbuminurie (UACR>300 mg/g).

Die Patienten wurden neben der Medikation mit oralen Glukosesenkern zufällig einer wöchentlichen Tirzepatid-Injektion (5, 10 oder 15 mg) oder einer individualisierten täglichen Injektion von Insulin glargin zugeteilt (beginnend mit 10 IE/Tag vor der Nacht, titriert auf einen Nüchternblutzucker von <100 mg/dl).

Die primären Endpunkte der Subanalyse waren:

  • Endpunkt 1: eine Kombination aus einem Rückgang der eGFR um ≥40% gegenüber dem Ausgangswert, renal bedingter Tod, Fortschreiten einer terminalen Niereninsuffizienz (ESKD: end stage kidney disease) und neu auftretende Makroalbuminurie;

  • Endpunkt 2: wie Endpunkt 1 ohne neu auftretende Makroalbuminurie.

Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 85 Wochen und bis zu 104 Wochen hatten Patienten unter Tirzepatid eine signifikant geringere Wahrscheinlichkeit, Endpunkt 1 zu erreichen als unter Insulin glargin. Das galt jedoch nicht für Endpunkt 2.

Darüber hinaus senkte Tirzepatid das Risiko einer neu auftretenden Makroalbuminurie im Vergleich zu Insulin glargin um etwa 60% in der gesamten Studienkohorte (HR 0,41; p<0,05), so Limonte.

Tirzepatid verringerte auch das Risiko eines ≥40%igen Rückgangs der eGFR, doch war dieser Effekt nicht signifikant. Möglicherweise war dieser Endpunkt zu wenig aussagekräftig. Es gab auch zu wenige Fälle von renal bedingtem Tod und terminaler Niereninsuffizienz, um die Auswirkungen von Tirzepatid auf diese Ereignisse sinnvoll zu bewerten.

Daher stellte Limonte fest: „Es ist wahrscheinlich, dass der signifikante Benefit von Tirzepatid für den zusammengesetzten Endpunkt 1 größtenteils auf der Wirkung mit Blick auf das Auftreten einer Makroalbuminurie zurückzuführen ist. Dies würde erklären, warum kein signifikanter Nutzen für den zusammengesetzten Endpunkt 2 beobachtet werden konnte, bei dem eine neu auftretende Makroalbuminurie ausgeschlossen wurde.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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