Deutsche Studie scheitert am erneuten Nachweis von Spermidin als Gedächtnis-Booster – lag es nur an der Dosis?

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

1. Juli 2022

Das Polyamin Spermidin wird gern als wahrer Jung- und Gesundheitsbrunnen angepriesen: Als Nahrungsergänzungsmittel soll es beim Abnehmen helfen, Infektionen verhindern, das Herz schützen und vor allem das Altern aufhalten. Aber die Datenlage ist dünn: Vor einigen Jahren gelang es deutschen Wissenschaftlern, einen gewissen positiven Effekt auf die kognitive Leistung zu zeigen. Doch in einer nun in JAMA Network Open publizierten größeren Studie konnten sie diesen Erfolg nicht replizieren [1].

„Nach vorangegangenen Untersuchungen zu Spermidin sah es gut aus. Wie schon andere Arbeitsgruppen hatten wir einen Vorteil bei der Gedächtnisleistung gegenüber Placebo festgestellt. Allerdings erreichten wir in dieser ersten Phase-IIa-Studie keine Signifikanz“, berichtet Studienleiterin Prof. Dr. Agnes Flöel, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Greifswald, im Gespräch mit Medscape.

Keine Bestätigung eines positiven Effekts auf die Kognition

Von der aktuell publizierten, längeren und größeren Phase-IIb-Studie „SmartAge“ hatten sich die Forscher um Flöel zumindest eine Bestätigung versprochen – eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte.

Spermidin wird vom Körper selbst gebildet und kommt als Botenstoff in jeder Zelle vor. Die Eigensynthese wird durch die Aufnahme über die Nahrung ergänzt, enthalten ist es vor allem in Weizenkeimen, Käse, Pilzen und Sojaprodukten.

Spermidin kurbelt zelluläre Autophagie an

Die Kernkompetenz von Spermidin ist das Einschalten der zellulären Autophagie. Vermittelt über eine Signalkaskade beschleunigt es den Abbau von „Zellschrott“, also Krankheitserregern, fehlgefalteten Proteinen oder ausgemusterten Molekülen.

Da die zelluläre Autophagie auch beim Fasten angekurbelt wird, werben die Hersteller von Spermidinprodukten damit, dass sich durch die Einnahme auch ohne Nahrungsverzicht eine Entschlackung beziehungsweise eine „Detox“-Effekt erreichen lasse.

Ein bunter Blumenstrauß an potenziellen Indikationen

Den Werbeversprechen zufolge schützt es außerdem vor Infektionen, unter anderem mit SARS-CoV-2, indem es die von Viren gehemmte Autophagie reaktiviert. Belegt ist dies bislang allerdings nur für mit SARS-CoV-2 infizierte Lungenzellen, zudem war dafür eine Dosis nötig, die für Menschen unerreichbar hoch ist.

Als weiteres Einsatzgebiet wird die Prävention und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erforscht. Eine Untersuchung der WHO mit Daten aus 49 Ländern ergab: Polyamine senken das kardiovaskuläre Erkrankungs- und Mortalitätsrisiko.

Die größte Hoffnung liegt auf dem Anti-Aging-Effekt

Ein weiteres Feld, auf dem Spermidin untersucht wird, ist die Verbesserung der Schlafqualität, die auch das Gedächtnis konsolidieren könnte. Wissenschaftler der Universitätsmedizin Greifswald und der Freien Universität Berlin hätten einen Antrag für eine entsprechende Studie bereits bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingereicht, berichtet Flöel.

Vor allem aber wird Spermidin als Anti-Aging-Champion gehandelt. Dafür gibt es plausible Argumente: Im Alter sinkt der Spermidin-Spiegel, so dass die Recycling- und Reinigungsmaschinerie weniger effizient arbeitet. Folglich sammeln sich in den Zellen Ablagerungen an, wie sie etwa für Demenz typisch sind.

Erste Studien deuten auf mögliche kognitive Verbesserung hin

Dass eine Ernährung mit viel Spermidin die (Neuro)Degeneration möglicherweise abbremsen könnte, legt eine Studie zu leichter bis mittelschwerer Demenz nahe: Die Teilnehmer konnten sich Sachverhalte besser merken.

In ihrer 3-monatigen Phase-IIa-Studie, die zu einem vergleichbaren Ergebnis gekommen war, hatten die Forscher um Flöel ebenfalls die externe Zufuhr von Spermidin getestet, allerdings in Form eines Supplements. Bei den 30 älteren Teilnehmer war außerdem lediglich eine „subjektive kognitive Verschlechterung“ festgestellt worden (subjective cognitive decline, SCD), keine Demenzerkrankung.

Viele Ältere sorgen sich wegen Gedächtnislücken

„Für Menschen mit diesem Beschwerdebild bietet sich eine Prävention besonders an“, sagt Flöel. Sie suchen in wachsender Zahl Gedächtnis-Sprechstunden auf, da sie einen Rückgang ihrer geistigen Fähigkeiten wahrnehmen, der sich objektiv (noch) nicht verifizieren lässt.

Epidemiologischen Daten zufolge haben sie aber ein erhöhtes Risiko für leichte kognitive Störungen und Demenz, so dass die gefühlten Probleme bei einigen dieser Personen offenbar ein präklinisches Alzheimer-Stadium widerspiegeln.

Die Einnahme von Spermidin ist beliebt

Angesichts dieses weiten Spektrums potenzieller Indikationen verwundert es nicht, dass mittlerweile viele Menschen zu Spermidinpräparaten greifen. „In Deutschland und den USA verkaufen die Apotheken monatlich je 6000 Packungen, in Österreich sind es 5000“, berichtet Flöel. „Dazu kommt noch der Internet-Handel, der sicher ebenfalls beträchtlich ist.“

 
In Deutschland und den USA verkaufen die Apotheken monatlich je 6000 Packungen, in Österreich sind es 5000. Prof. Dr. Agnes Flöel
 

Ein Präparat (vom Hersteller The Longevity Labs) ist als „Novel Food“ zugelassen und darf unter der Bezeichnung „Weizenkeimextrakt mit hohem Spermidingehalt“ verkauft werden.

Spermidin aus Weizenkeimen als Supplement

Dieses Nahrungsergänzungsmittel hat die Arbeitsgruppe um Flöel und Erstautorin Dr. Claudia Schwarz vom NeuroCure Clinical Research Center der Charité Berlin in ihrer Phase-IIb-Studie SmartAge genutzt.

Die Verumgruppe mit rund 50 älteren Erwachsenen (im Mittel 69 Jahre) nahm täglich das aus Weizenkeimen hergestellte Nahrungsergänzungsmittel mit 0,9 mg Spermidin. Eine ebenso große Zahl an Probanden erhielt ein Placebo. Alle hatten über einen kognitiven Abbau geklagt, ohne dass sich die Beschwerden in Messwerten niederschlugen.

Verum- und Placebogruppe schnitten bei kognitiven Tests gleich ab

Von primärem Interesse war der Test Mnemonic Similarity Task: Den Teilnehmern werden Bilder präsentiert, die sie sich einprägen sollen. Im 2. Durchgang müssen sie dann entscheiden, ob es sich bei den präsentierten Bildern um dieselben oder andere handelt. Diese Aufgabe erfüllten beide Gruppen jedoch gleich gut - am Ende der Intervention genauso wie am Anfang.

Außerdem absolvierten sie eine umfangreiche Testbatterie aus den Bereichen Neuropsychologie, Verhalten und Physiologie – nirgends waren wesentliche Unterschiede festzustellen. Auch unerwünschte Ereignisse traten gleich häufig auf, Entzündungs-, Gefäß- und Alzheimer-Marker oder kardiovaskuläre Risikofaktoren blieben unverändert.

Gesunde Gefäße könnten auch das Gehirn fit halten

Einen Unterschied gab es aber doch und zwar in der Untergruppe mit hoher Adhärenz: Bei den Patienten, die das Spermidinpräparat besonders zuverlässig eingenommen hatten, war der Blutspiegel des löslichen interzellulären Adhäsionsmolekül-1 sICAM-1 im Verlauf der 12 Monate gesunken. In der Placebogruppe war die sICAM-1-Konzentration dagegen angestiegen.

Da erhöhte sICAM-Werte eine endotheliale Dysfunktion anzeigen, schützt Spermidin möglicherweise die Gefäße, was indirekt dem Gehirn zugutekommen könnte.

Vermutlich hat die Spermidin-Dosis nicht ausgereicht

Aber weshalb war kein Effekt auf die Gedächtnisleistung zu beobachten? „Als einen der Gründe vermuten wir, dass die Dosis nicht ausgereicht hat“, sagt Flöel. Eine niedrige Dosierung haben die Greifswalder Neurologin und ihre Forschungsgruppe jedoch aus Vorsicht gewählt: Bei Versuchstieren war mit höheren Dosierungen ein leicht vermindertes Nierengewicht beobachtet worden, außerdem ein beschleunigtes Zellwachstum, was stets die Befürchtung weckt, es könnten sich Tumoren entwickeln.

 
Als einen der Gründe [für den ausgebliebenen Effekt] vermuten wir, dass die Dosis nicht ausgereicht hat. Prof. Dr. Agnes Flöel
 

Da Sicherheit und Verträglichkeit der Spermidinsupplementation nun belegt sind, soll jetzt eine höhere Dosis getestet werden - in einer Studie, die Flöels Team zusammen mit Kardiologen in Greifswald organisiert.

Neue Studie mit 6-facher Spermidin-Dosis

„Die 40 Patienten mit Herzinsuffizienz bekommen 6 mg Spermidin am Tag, also rund 6-mal mehr als in SmartAge“, erläutert Flöel. „Außerdem nehmen sie an einem Sportprogramm teil. Während die Kollegen die Herzleistung messen, betreuen wir Tests zu Gedächtnis und exekutiven Funktionen, die bei diesen Patienten oft eingeschränkt sind.“

Wenig Spielraum bei nur subjektiver kognitiver Einschränkung

Eine weitere Erklärung für den Misserfolg der Phase-IIb-Studie SmartAge könnte das milde Störungsbild sein: der nur selbst empfundene Schwund geistiger Fähigkeiten. „Bei diesen Menschen ist allenfalls eine leichte Verschlechterung während der 1-jährigen Studiendauer zu erwarten. Spermidin macht aber eingetretene Schäden womöglich nicht rückgängig, sondern verzögert sie nur. Daher war die Wirkung möglicherweise so gering, dass wir sie mit unseren Methoden nicht erfassen konnten“, erklärt Flöel.

 
Spermidin macht aber eingetretene Schäden womöglich nicht rückgängig, sondern verzögert sie nur. Prof. Dr. Agnes Flöel
 

Ein Lifestyle-Präparat wie Spermidin leiste wahrscheinlich nicht mehr als etablierte Alzheimer-Medikamente, die ebenfalls höchstens für eine Stabilisierung sorgen.

Weitere Studien in späteren Erkrankungsstadien wären sinnvoll

„Künftige Studien könnten Patienten in späteren Erkrankungsstadien einschließen, wenn mit einem deutlicheren Fortschreiten der kognitiven Einbußen zu rechnen ist“, schreiben die Forscher um Erstautorin Dr. Claudia Schwarz von der Klinik für Neurologie an der Charité Berlin in ihrem Paper in JAMA Network Open. Denn tatsächlich haben Subgruppen-Analysen bei Probanden mit stärkerer subjektiver Vergesslichkeit Hinweise auf einen Effekt geliefert.

 
Es würde sich möglicherweise außerdem lohnen, das Augenmerk auf Männer und Menschen über 70 Jahre zu richten. Prof. Dr. Agnes Flöel
 

Flöel ergänzt: „Es würde sich möglicherweise außerdem lohnen, das Augenmerk auf Männer und Menschen über 70 Jahre zu richten. Denn für sie hat sich ebenfalls ein vorteilhafter Trend gezeigt.“
 

Kommentar

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