Expositionstherapie gegen übermäßiges Essen: Abnehmprogramm, das Appetenzmerkmale moduliert, könnte nachhaltiger sein

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

30. Juni 2022

Mit dem aktuellen Goldstandard aus Kalorienreduktion, körperlicher Aktivität und Verhaltenstherapie gelingt vielen Menschen eine Gewichtsreduktion – die aber nicht lange anhält. Ein Programm, dass keine Kalorienreduktion vorgibt, aber das Bewusstsein für Hunger- und Sättigungssignale verbessert, führt offenbar zu einem vergleichbaren Gewichtsverlust – könnte aber auf Dauer nachhaltiger sein.

„Die meisten Menschen nehmen nach einem initialen Gewichtsverlust wieder zu“, schreiben Dr. Kerri Boutelle von der Herbert Wertheim School of Public Health and Human Longevity Science der University of California in San Diego und ihre Kollegen im Fachjournal JAMA Network Open [1].

Reaktion auf Nahrung genetisch festgelegt

Die Forschungsgruppe erprobte deshalb ein Gewichtsreduktionsprogramm, das auf der Behavioral Susceptibility Theory basiert: „Diese geht davon aus, dass genetisch festgelegte Appetenzmerkmale – wie die Ansprechempfindlichkeit auf Nahrung und Sättigung – mit der Umwelt interagieren und zu übermäßigen Nahrungskonsum und Gewichtszunahme führen.“

Die Intervention bezeichnen die Forschenden als Regulation of Cues (ROC): „Sie ist eigens entwickelt, worden, um die Ansprechempfindlichkeit auf Nahrung anzuvisieren“, erklären sie. 

 
[Die ROC-Intervention] ist eigens entwickelt, worden, um die Ansprechempfindlichkeit auf Nahrung anzuvisieren. Dr. Kerri Boutelle und Kolleginnen  
 

Auf Signale des Körpers achten

Ziel der ROC-Intervention ist es, das Bewusstsein für Hunger- und Sättigungssignale zu verbessern und Nahrungsaufnahme in Reaktion auf Gelüste bzw. Heißhungerattacken zu vermeiden. Die dazu notwendigen Fertigkeiten wurden in einer Gruppentherapie vermittelt. 

 Prof. Dr. Martina de Zwaan

„ROC lehrt die Teilnehmer, sich auf ihre inneren Signale zu verlassen, um übermäßiges Essen zu verhindern. Behavioral Weight Loss (BWL) dagegen fokussiert sich auf ein externe Managementfertigkeiten, um übermäßigen Nahrungskonsum zu verhindern“, erklären die Autor*innen um Boutelle.

Umgang mit „gefährlichen“ Nahrungsmitteln lernen

„Das ROC-Programm erinnert stark an die aus der Psychologie bekannte Expositionstherapie“, erklärt Prof. Dr. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Unter anderem mussten die Teilnehmerinnen die für sie besonders ‚gefährlichen‘ Nahrungsmittel mit in die Therapiestunden bringen, um dort zu lernen, wie sie sie konsumieren können, ohne die Kontrolle zu verlieren.“ 

 
Das ROC-Programm erinnert stark an die aus der Psychologie bekannte Expositionstherapie. Prof. Dr. Martina de Zwaan  
 

Die Therapie steht im Einklang mit dem heute von vielen Experten vertretenen „Anti-Diät-Ansatz“. Häufig wird Diäthaltenden – auch heute noch – geraten, „ungesunde“ Lebensmittel gar nicht erst im Haus zu haben. Doch das funktioniere nur, wenn man etwas dauerhaft vermeiden könne, Alkohol sei dafür ein gutes Beispiel. 

Essen lässt sich nicht dauerhaft vermeiden

„Aber bei Essen ist das üblicherweise nicht der Fall“, so de Zwaan. „Man muss lernen, mit Risikosituationen bzw. Risikonahrungsmitteln adäquat umzugehen, ohne die Kontrolle zu verlieren und unendlich zu essen.“ 

 
Man muss lernen, mit … Risikonahrungsmitteln adäquat umzugehen, ohne die Kontrolle zu verlieren und unendlich zu essen. Prof. Dr. Martina de Zwaan  
 

Verglichen wurde die ROC-Intervention mit einem klassischen Gewichtsreduktionsprogramm (Behavioral Weight Loss, BWL), dass aus den bekannten Komponenten Kalorienreduktion, Sport, und Verhaltenstherapie besteht. In einem weiteren Studienarm wurden ROC und BWL kombiniert. Als aktive Kontrolle (AC) diente eine Gruppe, in der der Fokus auf Achtsamkeit, sozialer Unterstützung und Ernährungsberatung lag.

Vergleichbare Gewichtsreduktion in allen Interventionsgruppen

Die Therapieprogramme liefen über jeweils 1 Jahr, anschließend wurden die Studienteilnehmerinnen noch für 1 Jahr nachbeobachtet. Insgesamt wurden 271 Erwachsene aufgenommen, vorwiegend Frauen im Alter von im Schnitt 47 Jahren. Sie hatten zu Studienbeginn einen Body-Mass-Index (BMI) von 35. 

Es stellte sich heraus, dass die auf die verschiedenen Interventionsgruppen randomisierten Studienteilnehmerinnen am Ende der Therapiephase nach 1 Jahr signifikant an Gewicht verloren hatten – im Vergleich zur aktiven Kontrolle. Aber einen Unterschied gab es zwischen ROC (-1,18), ROC/BWL (-1,56) und BWL (-1,58) nicht. 

Abnahme ohne Empfehlung zur Kalorienreduktion

Auch nach 24 Monaten war die BMI-Reduktion in den 3 Interventionsgruppen noch immer vergleichbar. „Die Tatsache, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen ROC, ROC/BWL und BWL gegeben hat, ist bemerkenswert, da die Teilnehmerinnen in der ROC-Gruppe keinerlei Empfehlungen zur Kalorienrestriktion erhalten haben“, schreiben die Autor*innen um Boutelle.

Obwohl die Therapiephasen aller Programme 12 Monate dauerten, kam es in den Gruppen BWL, ROC/BWL und AC etwa zur Halbzeit zu einem erneuten Anstieg des Gewichts. Etwa zu diesem Zeitpunkt reduzierte sich die Häufigkeit der Therapiesitzungen auf nur noch einmal im Monat. In der ROC-Gruppe war dagegen keine erneute Gewichtszunahme zu beobachten, sondern das Gewicht begann sich zu stabilisieren.

Langsamer, aber dafür nachhaltiger?

„Die Gewichtsreduktion in der ROC-Gruppe ging langsamer vonstatten, erwies sich aber als etwas nachhaltiger, so dass am Ende in allen Gruppen ein vergleichbares Ergebnis vorlag“, so de Zwaan. „Die BWL-Komponente in der kombinierten ROC/BWL-Gruppe hat die Nachhaltigkeit von ROC offenbar wieder reduziert.“ 

 
Die Gewichtsreduktion in der ROC-Gruppe ging langsamer vonstatten, erwies sich aber als etwas nachhaltiger. Prof. Dr. Martina de Zwaan  
 

Boutelle und ihr Team schlussfolgern, dass ROC und möglicherweise ROC/BWL alternative Gewichtsreduktionsprogramme für Erwachsene sein könnten, speziell für Menschen, die stark auf Nahrung und schwach auf Sättigung ansprechen.

Nutzen könnte vom Ess-Typ abhängig sein

Denn die Untergruppe der Studienteilnehmerinnen mit stärker ausgeprägter Ansprechempfindlichkeit auf Nahrung war in den ROC- und ROC/BWL-Gruppen erfolgreicher darin gewesen, ihren Gewichtsverlust zu halten, als diejenigen in der BWL-Gruppe.

„Es gibt Menschen, die stärker auf Nahrungsmittel reagieren, für die Nahrungsmittel wichtiger und belohnender sind als für andere. Möglicherweise profitieren solche Ess-Typen von einem solchen Ansatz besonders stark“, sagte de Zwaan.

Langzeitverlauf noch nicht geklärt

Angesichts dessen, dass ROC eine vollkommen andere Therapiestrategie verfolge als BWL, sei dies eine interessante Erkenntnis, so die Autorinnen. „Die Teilnehmerinnen in der ROC-Gruppe haben gelernt, Nahrungsreize zu tolerieren, nicht sie zu vermeiden. Diese Fertigkeiten könnten dauerhaft sein, wie sich aus der nicht erfolgten Wiederzunahme ablesen lässt.“

Dennoch räumen Boutelle und ihre Kolleg*innen ein, dass es über Therapiephase und Nachbeobachtung hinweg keine signifikanten Unterschiede zwischen ROC und den anderen Interventionsgruppen gegeben habe. „Hier wäre es sehr interessant zu sehen, wie es nach den 2 Jahren weitergegangen ist“, schlussfolgert de Zwaan. 

 
Hier wäre es sehr interessant zu sehen, wie es nach den 2 Jahren weitergegangen ist. Prof. Dr. Martina de Zwaan  
 

 

Kommentar

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