Behandlungsassistenten sollen die Therapie von Herzpatienten mit psychischen Komorbiditäten verbessern

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

29. Juni 2022

Rund 6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Koronaren Herzerkrankung (KHK). Psychosoziale Risikofaktoren – wie soziale Isolation, Bildungsferne, chronischer Stress, Depressionen oder Angsterkrankungen – haben auf den Verlauf des Herzleidens einen starken negativen Einfluss. Um die Versorgung dieser Patienten, ihre Lebensqualität und -erwartung zu verbessern, hat sich der Präsident desDeutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie jetzt für den Einsatz von Behandlungsassistenten ausgesprochen.

Ein solches Versorgungsmodell der „Collaborative Care“ habe sich in den USA bereits bewährt, erklärte Prof. Dr. Christian Albus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln, auf einer Pressekonferenz des Kongresses in Berlin [1]. In Deutschland werde die Wirksamkeit dieses integrierten und kooperativen Ansatzes derzeit in 2 klinischen Studien untersucht. Auch Menschen mit anderen Herzerkrankungen, etwa Herzinsuffizienz, könnten von Behandlungsassistenten profitieren, zeigte sich Albus überzeugt.

Nur die Hälfte der Herzpatienten nimmt ihre Medikamente regelmäßig ein

Die genannten psychosozialen Risikofaktoren führen laut Albus zu Beeinträchtigungen der Patienten, die unter anderem verhindern, dass diese ihr Gesundheitsverhalten umstellen. Es falle den Betroffenen beispielsweise schwerer als anderen Menschen, mit dem Rauchen aufzuhören, ihre Ernährung zu verbessern, ihre körperliche Aktivität zu steigern und ihr Gewicht zu normalisieren, erläuterte der Mediziner.

Auch seien sie oft nicht in der Lage, die ihnen verordneten Medikamente regelmäßig einzunehmen. Man wisse, dass sich ein Jahr nach der Diagnose einer Herz-Kreislauf-Erkrankung nur noch rund 50% der Patienten an ihren Behandlungsplan halten. Und bei ihnen handele es sich um genau jene Menschen mit psychosozialen Risikofaktoren, sagte Albus.

Es sei seit Jahrzehnten bekannt, dass weder der Hausarzt noch der Kardiologe noch ein Psychotherapeut alleine an diesen Problemen etwas ändern könnten, sagte Albus. Kooperatives Handeln sei daher gefragt. 

An dieser Stelle kommen die Behandlungsassistenten ins Spiel: „Sie unterstützen den einzelnen Patienten mit seinen individuellen Bedürfnissen, indem sie regelmäßig Kontakt zu ihm halten und ihm dabei helfen, die existierenden medizinischen Versorgungsmöglichkeiten zu nutzen – und auch zu finden“, erklärte Albus. „Somit ergänzen sie die Behandlung durch die Hausärzte und vermitteln bei Bedarf weitere fachärztliche oder psychotherapeutische Expertise.“

 
Behandlungsassistenten unterstützen den einzelnen Patienten mit seinen individuellen Bedürfnissen, indem sie … ihm dabei helfen, die existierenden medizinischen Versorgungsmöglichkeiten zu nutzen. Prof. Dr. Christian Albus  
 

Depressionen sind bei Menschen mit KHK besonders oft zu finden

Eine Depression beispielsweise werde vom behandelnden Kardiologen vielleicht gar nicht erkannt, vom Behandlungsassistenten – weil er regelmäßig danach frage – aber schon, sagte Albus. Dieser könne dem Patienten dann erläutern, inwiefern etwa eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sei und wo man sie finden könne, sagte Albus.

Depressionen sind bei Menschen mit KHK sehr häufig: Im Vergleich zu gleichaltrigen Gesunden kommen sie bei ihnen mindestens doppelt so oft vor. Studien haben zudem gezeigt, dass Depressionen bei Menschen mit KHK mit einem fast doppelt so hohen Risiko für das erneute Auftreten eines Herzinfarktes, einen erneuten Herzeingriff oder den Tod der Patienten verbunden sind.

„Behandlungsassistenten bringen die unterschiedlichen Facharztdisziplinen auf der Basis der hausärztlichen Versorgung zusammen und unterstützen so die Patienten“, sagte Albus. Dadurch würden sie eine optimierte Behandlung von körperlich Erkrankten mit psychischen Komorbiditäten ermöglichen.

 
Behandlungsassistenten bringen die unterschiedlichen Facharztdisziplinen auf der Basis der hausärztlichen Versorgung zusammen. Prof. Dr. Christian Albus  
 

Spezielle Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen sind unverzichtbar 

„Behandlungsassistenten können aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen rekrutiert werden“, erläuterte Albus gegenüber Medscape. Besonders geeignet seien speziell trainierte Gesundheits- und Krankenpflegekräfte. Aber auch Sportwissenschaftler und Ernährungsberater, die sich entsprechend weiterqualifiziert hätten, seien denkbar.

Spezielle Qualifikationsangebote für Behandlungsassistenten hält Albus für unverzichtbar. „Sie sollten entsprechend trainiert sein, bevor sie ihre Tätigkeit beginnen“, sagte der Experte auf Nachfrage von Medscape. Darüber hinaus sollten sie regelmäßig von einem Kardiologen und einem Psychosomatiker supervidiert werden und auch Kontakt zum behandelnden Hausarzt halten, um selbst eine individuelle Unterstützung zu erhalten.

 
Behandlungsassistenten können aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen rekrutiert werden. Prof. Dr. Christian Albus  
 

In Deutschland laufen derzeit 2 randomisierte kontrollierte Studien

Positive Studien in den USA haben laut Albus unter anderem gezeigt, dass sich die Zahl der Krankenhausaufenthalte durch den Einsatz von Behandlungsassistenten reduzieren lässt und das Modell sich somit zumindest im Rahmen klinischer Studien als kosteneffektiv erwiesen habe. Inzwischen sind auch 2 randomisierte kontrollierte Studien mit deutscher Beteiligung angelaufen.

Dabei handelt es sich zum einen um die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte TEACH-Studie unter der Leitung der Universitätsmedizin Göttingen an 6 Universitätskliniken in Deutschland: Patienten in der Behandlungsgruppe werden durch eine ihnen zugewiesene Behandlungsassistentin ein Jahr lang unter anderem dabei unterstützt, ihren Behandlungsplan in die tägliche Routine umzusetzen, einen besseren Umgang mit Stress zu erlernen und gesunde Verhaltensweisen in ihren Lebensstil zu integrieren. Patienten der Kontrollgruppe erhalten weiterhin die gewohnte Behandlung durch ihre Ärzte.

Zum anderen sind 4 Behandlungszentren in Deutschland an der ähnlich aufgebauten europäischen ESCAPE-Studie beteiligt, die von der süddänischen Syddansk Universitet koordiniert und von der EU gefördert wird. 

Erste Ergebnisse erwarte man von beiden Studien in 3 bis 4 Jahren, berichtete Albus auf dem Kongress. Die Resultate würden hoffentlich dabei helfen, das neue Modell in die Regelversorgung zu überführen.

 

Kommentar

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