EMA: 9 Zulassungsempfehlungen, u.a. für COVID-19-Vakzine, eine Gentherapie gegen Hämophilie und Krebstherapeutika

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

24. Juni 2022

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA hat auf seiner Sitzung im Juni 2022 9 Arzneimittel zur Zulassung bzw. zur Indikationserweiterung empfohlen. Dazu gehören COVID-19-Vakzine, eine Gentherapie gegen Hämophilie und verschiedene Therapien aus der Onkologie [1].

Valneva® zum Schutz vor COVID-19

Der CHMP gab grünes Licht für den COVID-19-Impfstoff (inaktiviert, adjuvantiert) Valneva® zur Verwendung bei Menschen im Alter von 18 bis 50 Jahren als Erstimpfung. Es ist der 6. Impfstoff, der in der Europäischen Union empfohlen wird.

Die wichtigste Studie zur Bewertung ist eine Immunobridging-Studie. Dabei wird die Immunreaktion des Vakzins bei Probanden mit Personen verglichen, die einen zugelassenen Vergleichsimpfstoff erhalten haben.

Die Ergebnisse der Studie, an der fast 3.000 Personen im Alter von 30 Jahren und älter teilnahmen, zeigten, dass der Impfstoff eine höhere Produktion von Antikörpern gegen den ursprünglichen Stamm von SARS-CoV-2 auslöst als der Vergleichsimpfstoff Vaxzevria®. Darüber hinaus war der Anteil der Personen, die eine hohe Menge an Antikörpern produzierten, bei beiden Impfstoffen ähnlich.

Weitere Daten aus dieser Studie belegen, dass der Impfstoff die Produktion von Antikörpern bei Personen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren ebenso wirksam auslöst wie bei Personen ab 30 Jahren.

Der CHMP kam daher zu dem Schluss, dass Valneva® beim Schutz vor COVID-19 mindestens ebenso wirksam ist wie Vaxzevria®. Auf der Grundlage der vorgelegten Daten war es aber nicht möglich, Schlussfolgerungen über die Immunogenität bei Personen über 50 Jahren zu ziehen; daher wird der Impfstoff derzeit nur für die Verwendung bei Personen zwischen 18 und 50 Jahren empfohlen.

Es liegen auch nur begrenzte Daten über die Immunogenität gegen bedenkliche Varianten vor, einschließlich der Omikron-Untervarianten, die in vielen EU-Ländern vorherrschen.

Zulassungserweiterung von Nuvaxovid®

Ein positives Votum gab es auch zur Zulassungserweiterung des COVID-19-Vakzins Nuvaxovid®. Künftig können Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren damit geimpft werden; zuvor war die Verwendung auf Erwachsene ab 18 Jahren beschränkt.

Eine große Studie mit über 2.200 Kindern im Alter von 12 bis 17 Jahren hat gezeigt, dass die Immunreaktion auf Nuvaxovid® bei Jugendlichen, die als Antikörperspiegel gegen SARS-CoV-2 gemessen wurde, mit der Reaktion junger Erwachsener im Alter von 18 bis 25 Jahren vergleichbar ist (die an der Hauptstudie zur Bewertung der Wirksamkeit des Impfstoffs bei Erwachsenen teilgenommen haben).

Die Studie wurde durchgeführt, als die SARS-CoV-2-Delta-Variante vorherrschte. Sie zeigte, dass der Impfstoff zu fast 80% wirksam war, um COVID-19 zu verhindern; 6 der 1.205 Jugendlichen, die Nuvaxovid® erhielten, entwickelten COVID-19 im Vergleich zu 14 von 594, die Placebo erhielten.

Die häufigsten Nebenwirkungen bei Jugendlichen sind größtenteils mit denen bei Personen über 18 Jahren vergleichbar. Dazu gehören Empfindlichkeit, Schmerzen, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Müdigkeit, allgemeines Unwohlsein, Übelkeit oder Erbrechen und Fieber. Fieber tritt bei Jugendlichen häufiger auf als bei Erwachsenen. Diese Wirkungen sind in der Regel leicht oder mäßig ausgeprägt und bessern sich innerhalb weniger Tage nach der Impfung.

Pepaxti® (Melphalanflufenamid) beim multiplen Myelom

Der Ausschuss gab eine positive Stellungnahme zu Pepaxti® (Melphalanflufenamid) für die Behandlung des multiplen Myeloms ab.

Melphalanflufenamid ist ein lipophiles Derivat von Melphalan, um die Zellpenetration zu optimieren. In den Zellen angekommen, hemmt Melphalan die DNA- und RNA-Synthese und führt so zum Tod der Tumorzellen.

Der Vorteil von Pepaxti® besteht darin, dass es bei Patienten mit rezidiviertem und refraktärem multiplem Myelom ein Ansprechen bewirken kann. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Thrombozytopenie, Neutropenie und Anämie.

Rayvow® (Lasmiditan) bei Migräne

Schätzungen zufolge leiden etwa 15% der EU-Bevölkerung an Migräne. Sie könnten bald von Rayvow® (Lasmiditan) profitieren.

Bei Lasmiditan handelt es sich um einen 5-Hydroxytriptamin-1F (5-HT1F)-Rezeptor-Agonisten, der eine Verringerung der Neuropeptidfreisetzung und eine Hemmung der Schmerzleitbahnen bewirkt.

Der Nutzen von Rayvow® liegt in seiner Fähigkeit, Migräneschmerzen zu lindern. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Schwindel, Schläfrigkeit und Müdigkeit.

Roctavian® (Valoctocogene Roxaparvovec) bei Hämophilie A

Der CHMP empfahl auch die Erteilung einer bedingten Zulassung für Roctavian® (Valoctocogene Roxaparvovec), der ersten Gentherapie zur Behandlung der schweren Hämophilie A.

Valoctocogene Roxaparvovec ist ein Gentherapievektor auf der Basis des Adeno-assoziierten Virus Serotyp 5 (AAV5), der eine rekombinante Version des menschlichen Faktors VIII unter der Kontrolle eines leberspezifischen Promotors exprimiert. Der rekombinante Faktor VIII ersetzt den fehlenden Gerinnungsfaktor VIII, der benötigt wird, um die Gerinnungsfähigkeit des Blutes des Patienten wiederherzustellen.

In der vorgestellten klinischen Studie erhöhte die Therapie die Faktor-VIII-Aktivitätswerte bei der Mehrzahl der Patienten signifikant, und die meisten Patienten benötigten 2 Jahre nach der Verabreichung keine Faktor-VIII-Ersatztherapie mehr.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen hepatische Laboranomalien, Übelkeit und Kopfschmerzen.

Scemblix® (Asciminib) bei chronischer myeloischer Leukämie

Der Ausschuss gab ebenfalls grünes Licht für Scemblix® (Asciminib) zur Behandlung von Erwachsenen mit Philadelphia-Chromosom-positiver chronischer myeloischer Leukämie in der chronischen Phase (Ph+CML-CP). Scemblix® richtet sich an Patienten, die zuvor mit 2 oder mehr Tyrosinkinasehemmern behandelt worden sind. „Dies ist eine neue Therapieoption für Patienten mit dieser Art von seltenem Blutkrebs“, schreibt der CHMP.

Bei Asciminib handelt es sich um einen potenten Inhibitor der BCR-ABL1-Kinase-Aktivität. Der Wirkstoff hat die Fähigkeit, nach 24 und 96 Wochen ein starkes molekulares Ansprechen (Major Molecular Response, MMR) zu bewirken, wie in einer multizentrischen, randomisierten, aktiv kontrollierten und in einer offenen Phase-3-Studie gezeigt wurde.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Muskel-Skelett-Schmerzen, Infektionen der oberen Atemwege, Thrombozytopenie, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, erhöhte Pankreasenzyme, Bauchschmerzen, Durchfall und Übelkeit.

Sunlenca® (Lenacapavir) bei HIV-1

Ein positives Votum gab es ebenso für Sunlenca® (Lenacapavir) zur Behandlung von Infektionen mit dem Humanen Immundefizienzvirus Typ 1 (HIV-1) bei Erwachsenen mit multiresistenter HIV-1-Infektion.

Lenacapavir ist ein selektiver Inhibitor der HIV-1-Kapsidfunktion, der direkt an die Schnittstelle zwischen den Untereinheiten des Kapsidproteins (CA) bindet und die HIV-1-Replikation hemmt, indem er in mehrere Schritte des viralen Lebenszyklus eingreift.

Sunlenca® kann die HIV-1-Viruslast nachhaltig senken und auf einem niedrigen Niveau halten. Außerdem führt der Wirkstoff zu einer Erhöhung der CD4-Zellzahl, wie in der CAPELLA-Studie bei 72 Patienten mit multiklassenresistentem (MDR) HIV-1 gezeigt wurde.

Die häufigsten Nebenwirkungen, die in dieser Studie beobachtet wurden, waren Reaktionen an der Injektionsstelle und Übelkeit.

Vyvgart ® (Efgartigimod alfa) bei Myasthenia gravis

Der CHMP sprach sich auch für die Zulassung von Vyvgart® (Efgartigimod alfa) zur Behandlung der Anti-Acetylcholinrezeptor (AChR)-Antikörper-positiven generalisierten Myasthenia gravis aus: einer chronischen neuromuskulären Autoimmunerkrankung, die zu Muskelschwäche in verschiedenen Teilen des Körpers führt.

Efgartigimod alfa ist ein Fragment eines humanen IgG1-Antikörpers, der an den neonatalen Fc-Rezeptor (FcRn) bindet und dadurch die Konzentrationen von zirkulierendem IgG, einschließlich pathogener IgG-Autoantikörper, senkt.

Zu den Vorteilen von Vyvgart® gehören eine Verringerung der von den Patienten eingeschätzten funktionellen Einschränkungen und eine geringere Krankheitsschwere, die von qualifizierten Ärzten in klinischen Studien im Vergleich zu Placebo beurteilt wurde.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Infektionen der oberen Atemwege und Harnwegsinfektionen.

Biosimilars bei malignen Erkrankungen

Eine Zustimmung wurde ebenfalls für das Biosimilar Vegzelma® (Bevacizumab) gegeben. Es ist für die Behandlung von Dickdarm- oder Mastdarmkrebs, Brustkrebs, nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, Nierenzellkrebs, epithelialem Eierstock-, Eileiter- oder primärem Bauchfellkrebs und Gebärmutterhalskrebs bestimmt.

Das Biosimilar Ranivisio® (Ranibizumab) erhielt ein positives Gutachten für die Behandlung von Erwachsenen mit neovaskulärer (feuchter) altersbedingter Makuladegeneration, Sehbehinderung aufgrund eines Makulaödems oder choroidaler Neovaskularisation und proliferativer diabetischer Retinopathie.

 

Kommentar

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