Breiter angelegte Viertimpfung nur mit mehr Daten; Schnelltest zum Nachweis der Immunität; weniger Long-COVID bei Omikron

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

23. Juni 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 23. Juni 2022

Die Corona-Zahlen steigen weiter: Heute Morgen gibt das Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, 532,9 Infektionen pro 100.000 Einwohner als 7-Tage-Inzidenz an. Am 22. Juni lag der Wert noch bei 488,7.

  • Kostenlose Bürgertests – die Kontroverse geht weiter

  • Viertimpfung für alle: Die STIKO warten auf Daten

  • EMA: Fortlaufende Überprüfung für modifiziertes Vakzin

  • US-Forscher entwickeln Schnelltest auf Immunität gegen SARS-CoV-2

  • Impfskeptiker: Gegen Corona – und auch gegen Influenza

  • Long-COVID seltener bei Omikron als bei Delta

  • Mehr Schutz durch heterologe Immunisierung?

Kostenlose Bürgertests – die Kontroverse geht weiter

Ende Juni sollen die kostenlosen Bürgertests auf COVID-19 eingestellt werden, so plant es jedenfalls Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach. Ländervertreter könnten sich einer Verlängerung vorstellen, wie Medscape im Blog berichtet hat.

Auch in der Ampel und in der Opposition regt sich Widerstand gegen den Stopp. „Wir sind dafür, dass wir breit verfügbare kostenlose Tests in der Bevölkerung auch im Herbst haben“, erklärt Janosch Dahmen von den Grünen. Und Janine Wissler von der Linken ergänzt: „Die Abschaffung von kostenlosen Schnelltest-Angeboten war nachweislich ein großer Fehler des letzten Pandemiejahres. Dies jetzt durch eine erneut geplante Beschränkung des Zugangs zu wiederholen ist grob fahrlässig und der Situation nicht angemessen.“ Auch die Länder und die Kommunen fordern solche Angebote.

Standesvertreter sind indes skeptisch. Bürgertests brächten sehr wenig und seien mit sehr viel Kosten verbunden, sagte Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Viertimpfung für alle: Die STIKO warten auf Daten

In ihren aktuellen Empfehlungen befürwortet die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut Viertimpfungen für Menschen ab 70 Jahren, für beruflich Exponierte oder für Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen.

Dahmen fordert, diese Empfehlungen erneut zu evaluieren – und vielleicht auch Jüngeren die 2. Auffrischungsimpfung anzubieten. Darauf entgegnete der STIKO-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Mertens, hinter einer allgemeinen Empfehlung müsse wie bei jeder anderen Maßnahme eine begründete medizinische Indikation stehen. Die Annahme „Viel hilft viel“ könne nicht der Leitsatz sein, so Mertens weiter. „Der Handlungswille von Politikern ist ein wesentliches Element der politischen Gestaltung, allerdings müssen die resultierenden Handlungen vor ihrer Umsetzung soweit irgend möglich geprüft sein.“ Das will heißen: Ohne weitere Daten wird es auch keine neue Empfehlung geben.

EMA: Fortlaufende Überprüfung für modifiziertes Vakzin

Die EMA hat mit der fortlaufenden Überprüfung einer neuen Version von Comirnaty® begonnen. Das Vakzin wurde angepasst, um einen besseren Schutz gegen Varianten von SARS-CoV-2 zu erzielen.

Die Überprüfung wird sich zunächst auf die Chemie, die Herstellung und die Kontrolle konzentrieren. Je weiter das Unternehmen in der Entwicklung seines angepassten Impfstoffs fortschreitet, desto mehr Daten wird die EMA erhalten, darunter auch Daten über die Immunantwort auf den Impfstoff sowie Daten über seine Wirksamkeit gegen Omikron-Subvarianten – als mögliche Grundlage einer Zulassung.

Die Zusammensetzung der angepassten COVID-19-Impfstoffe wird letztlich von den Empfehlungen der Gesundheitsbehörden und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie von den Überlegungen der Regulierungsbehörden wie der EMA und anderer Mitglieder der International Coalition of Medicines Regulatory Authorities (ICMRA) abhängen. Diese Gremien arbeiten eng zusammen, um geeignete Stämme für angepasste COVID-19-Impfstoffe zu definieren.

US-Forscher entwickeln Schnelltest auf Immunität gegen SARS-CoV-2

Forscher des Mount Sinai Health System, eines Krankenhausnetzwerks in New York City, haben einen PCR-Schnelltest entwickelt, um das Ausmaß und die Dauer der Immunität gegen SARS-CoV-2 zu bestimmen. Das geschieht anhand von Blutproben.

Der Labortest ist in weniger als 24 Stunden durchführbar und lässt sich für eine breite Anwendung in der Bevölkerung skalieren. Er misst die Aktivierung von T-Zellen, die Teil der adaptiven Immunantwort auf eine SARS-CoV-2-Infektion oder eine Impfung sind und die zum Schutz vor schweren Krankheitsverläufen beitragen.

„Die hier vorgestellten Assays basieren auf der Fähigkeit spezifischer T-Zellen, auf virale Peptide zu reagieren“, sagte Prof. Dr. Jordi Ochando vom Mount Sinai. Das können Spike-Proteine oder andere virale Proteine sein.

Die Tests lassen sich durch unterschiedliche Proteine modifizieren, um spezifische T-Zellen nachzuweisen. „Diese T-Zellen spielen eine wichtige Rolle beim Schutz vor neu auftretenden mutierten Stämmen, so dass die Auswirkung viraler Mutationen auf die zelluläre Immunität sofort erkannt werden kann.“

„Unsere Assays ermöglichen eine groß angelegte Überwachung des Ausmaßes und der Dauer der funktionellen T-Zell-Immunität gegen SARS-CoV-2 und könnten dazu beitragen, Auffrischungsimpfungen in gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu priorisieren“, so die Autoren.

Impfskeptiker: Gegen Corona – und auch gegen Influenza

Eine neue Studie weist auf recht überraschende Auswirkungen der Kampagnen für COVID-19-Impfungen hin. In US-Bundesstaaten mit niedrigen COVID-19-Impfraten ist auch die Bereitschaft, sich gegen Influenza zu schützen, deutlich gesungen.

Die Autoren verwendeten Daten der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) bis Januar 2022. Die Grippeimpfraten für die 1. Grippesaison während der Pandemie (2020-2021) blieben in allen US-Bundesstaaten noch relativ stabil. Damals waren Vakzine knapp und es gab kaum staatliche Impfkampagnen.

Vor der 2. Grippesaison der Pandemie (2021–2022) fanden US-weit Aufklärungskampagnen statt, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Die Grippeimpfraten verringerten sich in Staaten mit geringer COVID-19-Impfquote um 4,5 Prozentpunkte (von 43,7% auf 39,2%). Umgekehrt verzeichneten Staaten mit der höchsten Inanspruchnahme von COVID-19-Impfungen einen Anstieg der durchschnittlichen Grippeimpfraten um 3,8 Prozentpunkte (von 49,0% auf 52,8%).

Faktoren, die niedrige COVID-19-Impfraten verursachen (z.B. Misstrauen gegenüber Impfstoffen, Bedenken hinsichtlich der Nebenwirkungen, mangelndes Vertrauen in die Regierung), seien mit einem Rückgang der Grippeimpfung im Vergleich zu Zeiträumen vor der Pandemie assoziiert, so die Autoren. Faktoren, die hohe Impfraten gegen COVID-19 nach sich zögen, hätten auch zu mehr Grippeimpfungen geführt.

Long-COVID seltener bei Omikron als bei Delta

In einer kürzlich in The Lancet veröffentlichten Fall-Kontroll-Studie bewerteten Forscher das Risiko von Long-COVID während der Delta- und der Omikron-Wellen in Großbritannien. Angaben kamen von Bürgern über die ZOE-App der der COVID Symptom Study.

Eingeschlossen wurden Probanden, die nach einer Impfung positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, bei denen der Test über mindestens 28 Tage positiv blieb und die sich vor der Impfung nicht infiziert hatten.

Insgesamt wurden 56.003 vermutliche Omikron-Fälle (Erwachsene, die zwischen dem 20. Dezember 2021 und dem 9. März 2022 erstmalig SARS-CoV-2-positiv getestet wurden) und 41.361 vermutliche Delta-Fälle (Erwachsene, die zwischen dem 1. Juni und dem 27. November 2021 erstmalig SARS-CoV-2-positiv getestet wurden) erfasst.

In beiden Gruppen waren ähnlich alte (Durchschnittsalter war 53 Jahre) Teilnehmer mit einem ähnlichen Anteil an Komorbiditäten (19%). Unter allen Omikron-Fällen hatten 2.501 (4,5%) von 56.003 Personen Long-COVID. Während Delta waren es 4.469 (10,8%) von 41.361 Personen.

Mehr Schutz durch heterologe Immunisierung?

Eine Auffrischungsimpfung mit einem mRNA-Impfstoff nach 2 Dosen eines inaktivierten Virusimpfstoffs erhöht die Immunreaktion auf das SARS-CoV-2-Virus erheblich und bietet möglicherweise einen besseren Schutz gegen schweres COVID-19 als 3 Dosen eines inaktivierten Impfstoffs. Das geht aus einer in Nature Communications veröffentlichte Studie hervor.

Forscher haben 238 Plasmaproben von 175 gesunden Patienten mit verschiedenen Impfungen in der Vorgeschichte untersucht.

Ein mRNA-Impfstoff-Booster vervielfachte die IgG-Antikörper gegen die rezeptorbindende Domäne (RBD) der SARS-CoV-2-Mutante D614G innerhalb von 85 Tagen nach der Impfung um das 6,3-Fache und nach 85 Tagen um das 17,2-Fache im Vergleich zu 2 Dosen der inaktivierten Impfstoffe BBIBP-CorV oder CoronaVac. D614G (Linie B.1) trat ab dem Frühjahr 2020 auf.

Auch bei den Beta-, Delta- und Omikron-Varianten wurde ein erheblicher Anstieg der RBD-Antikörper beobachtet.

Wichtig sei, dass der mRNA-Booster nach 2 Dosen des inaktivierten Impfstoffs die RBD-Immunantwort auf das Niveau von 3 Dosen des mRNA-Impfstoffs oder auf das Niveau eines mRNA-Boosters nach einer natürlichen Infektion anhebe, schreiben die Autoren. Im Gegensatz dazu hätten 3 Dosen eines inaktivierten Impfstoffs nicht zu einer signifikanten Erhöhung der RBD-Antikörper geführt, verglichen mit 2 Dosen.

In ähnlicher Weise erhöhte ein mRNA-Booster die Zahl der B-Zellen, welche gegen die RBD gerichtet sind, um das 73-Fache und die Zahl der T-Zellen, die gegen das Spike-Ectodomain 1 (S1)-Protein des Virus gerichtet sind, um das 24-Fache, verglichen mit 2 Dosen inaktivierter Vakzine.

T-Zellen, die auf SARS-CoV-2-Spike-, Nukleoprotein-, Membran- und Open-Frame-Proteine abzielen, nahmen durch einen mRNA-Booster ebenfalls erheblich zu.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....