Nach Traumata: Frauen warten 12 Minuten länger auf Hilfe in der Notaufnahme als Männer – die Gründe bleiben unklar

Redaktion Coiliquio

Interessenkonflikte

15. Juni 2022

Dass Frauen im Schnitt länger auf die Diagnostik und Therapie warten müssen als Männer, wurde für akute Herzinfarkte, Schlaganfälle oder intensivmedizinische Behandlungen bereits gezeigt. Wie ist es aber bei einem akuten schweren Trauma in der Notaufnahme? Eine Antwort darauf gibt eine retrospektive Kohortenstudie, die kürzlich in JAMA Surgery veröffentlicht wurde [1]

Traumatische Verletzungen mit ISS > 15

Für ihre Untersuchungen nutzten sie die Trauma Quality Improvement Program (TQIP)-Datenbank der US-Trauma-Zenten der Level I bis III. Zwischen Juli 2020 und Juli 2021 konnten 28.332 über 18-jährige Patientinnen und Patienten mit traumatischen Hirnverletzungen, intraabdominalen Verletzungen, Becken- oder Femurfrakturen oder Wirbelsäulenverletzungen mit einem Injury Severity Score (ISS) > 15 eingeschlossen werden. 70,6 % waren Männer (mittleres Alter 43,3 Jahre) und 29,4 % Frauen (mittleres Alter 48,5 Jahre).

Männer hatten häufiger abdominale (21,3 vs. 15,3%) und Rückenmarksverletzungen (20 % vs. 15,3 %) – Frauen dagegen häufiger Femur- und Beckenfrakturen (44,0 vs. 42,1% bzw. 47,6 vs. 34,8%).

12 Minuten länger in der Notaufnahme

7.728 gematchte Paare, die sich nur in Bezug auf das Geschlecht unterschieden, konnten ausgewertet werden. Hierbei zeigt sich, dass Frauen im Schnitt längere Zeit in der Notaufnahme verbrachten (184 vs. 172 Minuten) und länger im Pre-Triage-Status warten mussten (52 vs. 49 Minuten). Insbesondere die Zeit bis zu einer Beckenfixation war bei Frauen länger.

Frauen kommen häufiger in Langzeit-Pflege

Unabhängig vom Alter, ISS, Verletzungsmechanismus und -typ hatten die verletzten Frauen ein höheres Risiko, nicht mehr in ihre häusliche Umgebung, sondern in eine Langzeit-Pflegeeinrichtung entlassen zu werden (OR 0,72 für Männer).

Wie lässt sich die Beobachtung erklären? 

Die Gründe dieser Unterschiede in der Dauer bis zur Versorgung bleiben laut Studienautoren unklar. Ein höheres Risiko, in die Langzeit-Pflegeeinrichtung entlassen zu werden, könnte allerdings durch traditionelle Rollenbilder erklärt werden. Laut dem US-Forscherteam sind Frauen traditionell im Haushalt stärker eingebunden oder haben pflegebedürftige Familienangehörige, wodurch eine weitere Erholung zu Hause erschwert wird. Ebenso wurde in qualitativen Studien beobachtet, dass alleinstehende oder verwitwete Frauen keine soziale Unterstützung erhalten, um eine häusliche Rehabilitation nach einem Trauma zu ermöglichen.

Die nachgewiesenen Geschlechtsunterschiede bei der Versorgung schwerer Traumata sollten nach Meinung der Autoren Gegenstand weiterer Forschung sein, um Versorgungslücken aufzudecken und entsprechende Gegenmaßnahmen zu entwickeln, wie beispielsweise bei der Qualitätsverbesserung der bestehenden Verfahren zur Beurteilung, Einstufung und Entlassungsplanung.

Als retrospektive Kohortenstudie weist die Untersuchung einige Limitationen auf – zumal die Daten nicht spezifisch für diese Studie erhoben worden sind. Unterschiede zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität (Gender) wurden zudem nicht berücksichtigt.

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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