Schlaganfall: Thrombektomie durch fliegendes Interventionsteam spart 90 Minuten – aber profitieren Patienten davon? 

Michael Simm

Interessenkonflikte

10. Juni 2022

Durch den Einsatz eines fliegenden Interventionsteams konnte in einem ländlichen Sektor bei München die Zeit bis zu einer endovaskulären Thrombektomie für Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall um median 90 Minuten verkürzt werden. Die funktionalen Ergebnisse waren aber nicht eindeutig besser als bei Patienten der Vergleichsgruppe, die stattdessen von der Erstklinik in ein Referenzzentrum verlegt wurden.

Stark zeitabhängiger Nutzen

Zum Hintergrund: Der Nutzen einer endovaskulären Thrombektomie (EVT) bei Patienten mit einem akuten ischämischen Schlaganfall ist stark zeitabhängig. Vor allem in abgelegenen Gebieten ist die Beschleunigung der Versorgung eine große Herausforderung. Hier wurde untersucht, ob ein Team aus neuroradiologischen Interventionalisten und Angiographieassistenten, das mit dem Helikopter einfliegt und die Intervention vor Ort durchführt, gegenüber der Verlegung zwischen Kliniken die Zeit bis zur Thrombektomie verkürzen und das klinische Resultat verbessern kann.

Es handelte sich um eine nichtrandomisierte, kontrollierte Interventionsstudie zum Vergleich der beiden Versorgungsprinzipien eingeflogenes Interventionsteam vs. Kliniktransfer in ein Referenzzentrum. Die Interventionen erfolgten im wöchentlichen Wechsel; das Studiengebiet war ein Sektor, der sich von München aus ca. 160 Kilometer in nordöstlicher Richtung erstreckte, und der 13 primäre telemedizinisch assistierte Schlaganfallzentren innerhalb eines Netzwerks umfasst. Teilgenommen haben 157 Patienten mit akuten ischämischen Schlaganfällen im medianen Alter von 75 Jahren, bei denen die Entscheidung zugunsten der Thrombektomie gefallen war.

Ergebnisse der Studie

72 Patienten wurden per Helikopter versorgt, 85 transferiert. Eine EVT erhielten 83% der Patienten, die durch das fliegende Team versorgt wurden gegenüber 67% nach Kliniktransfer.

Die mediane Zeit von der Entscheidung zur EVT bis zur Intervention betrug in der 1. Gruppe 58 Minuten (IQR 51-71) und bei den transferierten Patienten 148 Minuten (124-177). Die Differenz – sie war das primäre Studienziel – betrug 90 Minuten, hatte ein 95%-Konfidenzintervall von 75-103 und war statistisch hoch signifikant (p<0,001).

Unter den sekundären Studienzielen stand das funktionale Ergebnis nach 3 Monaten im Mittelpunkt. Es wurde gemessen anhand der verbleibenden Behinderungen gemäß der Verteilung der Werte beim modifizierten Rankin-Score. Dessen medianer Wert betrug in beiden Gruppen 3. Das adjustierte Chancenverhältnis (OR) für weniger Behinderungen betrug 1,91 zugunsten des Flugteams; dies was aber bei einem 95%-KI von 0,96-3,88 statistisch nicht signifikant (p=0,07).

Kürzere Zeit – kein besseres Outcome

Überraschenderweise hat sich eine Differenz von 90 Minuten bis zur endovaskulären Thrombektomie in dieser Studie nicht in einem deutlich besseren Outcome niedergeschlagen. Für die Autoren „könnten diese Befunde [dennoch] ein fliegendes Interventionsteam bei einigen System der Schlaganfallversorgung unterstützen, obwohl mehr Forschung nötig ist, um die Langzeitergebnisse und die Übertragbarkeit auf andere Regionen zu bestätigen“. 

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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