Erhöhter Lipoprotein(a)-Spiegel: Warum es sich lohnen könnte, jetzt den LDL-Cholesterinspiegel abzusenken

Liam Davenport

Interessenkonflikte

10. Juni 2022

Mailand – Erhöhte Lipoprotein(a)-Spiegel führen bekanntlich zu einem gesteigerten Risiko für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Gefahr lässt sich möglicherweise durch eine Senkung des Low Density Lipoprotein (LDL)-Cholesterinspiegels verringern, wie die Autoren einer neuen Studie berichten. Sie betonen jedoch, wie wichtig bei dieser Strategie frühzeitige Interventionen seien [1].

Die Ergebnisse, die aus einer Analyse von Daten über Lp(a)- und LDL-Cholesterinspiegel und damit verbundenen genetischen Risikoscores bei fast 500.000 Personen aus dem Vereinigten Königreich gewonnen wurden, eignen sich, um altersabhängige Zielwerte für die Senkung des LDL-Cholesterinspiegels zu entwickeln.

Lipoprotein(a) zur Abschätzung individueller kardiovaskulärer Risiken

Die Bestimmung des Lp(a)-Spiegels könne „individuellen Schätzungen des absoluten Risikos für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich verbessern“, so Studienleiter Dr. Brian A. Ference vom Centre for Naturally Randomized Trials, University of Cambridge, Großbritannien. Dies könne „direkte Informationen für Behandlungsentscheidungen über die Intensität der LDL-Senkung oder über anderer Risikofaktormodifikationen liefern, die erforderlich sind, um das durch Lp(a) erhöhte Risiko auszugleichen“.

„Der Grundgedanke dieser Studie war: Wie können wir praktische Ratschläge geben, wie man Lp(a) nutzen kann, um klinische Entscheidungen über die individuelle Risikoreduzierung zu treffen?“, so Ference gegenüber Medscape.

Zielwerte aus der Studie wurden in eine praxistaugliche Form überführt. „Eine App wird es Ärzten sehr leicht machen, 1. zu verstehen, wie stark Lp(a) das Risiko erhöht, und 2., wie sie diese Informationen nutzen können, um ihre Behandlungsentscheidungen direkt zu treffen.“ Darüber hinaus, so Ference, werde die App Patienten zeigen, warum es für sie wichtig sei, die LDL-Senkung zu intensivieren, um ihren jeweiligen Lp(a)-Wert zu senken.

 
Das Gute an LDL und an weiteren Ursachen für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, dass es eigentlich egal ist, wie man den Wert senkt. Dr. Brian A. Ference
 

Außerdem sei es wichtig, so früh wie möglich einzugreifen, um Auswirkungen einer langjährigen Exposition gegenüber erhöhtem Lp(a) zu minimieren, heißt es weiter. Ference erklärt, dass man idealerweise im Alter von 30 Jahren mit umfassenden Untersuchungen beginnen solle. Bei Risikopersonen seien lipidsenkenden Maßnahmen sofort zu initiieren.

„Das Gute an LDL und an weiteren Ursachen für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, dass es eigentlich egal ist, wie man den Wert senkt“, sagt er. Dies könne über eine Diät, über Lebensstilinterventionen oder Medikamente geschehen.

Patienten umfassend beraten

Dr. Florian Kronenberg vom Institut für Genetische Epidemiologie der Medizinischen Universität Innsbruck sagte gegenüber Medscape, dass die neue App ein „praktisches Werkzeug für die Beratung von Patienten“ sein könne.

„Wir können sagen: Sie haben einen hohen Lp(a)-Wert“, erklärt der Kommentator. „Das kommt von der Natur, von Ihrer Genetik, aber wir sind an einem Punkt, an dem wir auf Ihr hohes Risiko einwirken können, indem wir das LDL weiter senken. Es ist wichtig, dies dem Patienten zu erklären“, sagte Kronenberg. Er war nicht an der Studie beteiligt.

Kronenberg betonte, dass es von entscheidender Bedeutung sei, das Gesamtrisiko des Individuums zu betrachten. Nicht nur der Lp(a)- oder Cholesterinspiegel beeinflussten die Wahrscheinlichkeit kardiovaskulärer Ereignisse, sondern auch das Alter, der Blutdruck, der Raucherstatus und das genetische Risiko.

Kronenberg ist außerdem der Ansicht, dass die aktuellen Daten dazu beitragen würden, Ärzten zu verdeutlichen, warum sie den LDL-Cholesterinspiegel senken sollten, wenn ein Patient einen hohen Lp(a)-Wert habe. Auch hier geht es um die Senkung des Gesamtrisikos.

In seinem Vortrag wies Ference darauf hin, dass ein Anstieg des Lp(a)-Spiegels mit einem logarithmischen Anstieg der atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sei. „Leider haben Ernährung und Bewegung … keinen Einfluss auf den Lp(a)-Spiegel, und es gibt derzeit keine wirksamen Therapien zur Senkung des mit erhöhten Lp(a)-Konzentrationen verbundenen Risikos“, fuhr er fort.

„Aus diesem Grund“, so Ference, „wird in den ESC/EAS-Leitlinien 2019 für die Behandlung von Dyslipidämien, an denen Ference mitgewirkt hat, empfohlen, bei Personen mit erhöhtem Risiko die Modifikation von Risikofaktoren zu intensivieren.“ Er warnte jedoch: „Dieser Leitfaden ist nicht spezifisch genug, um nützlich zu sein, und das hat zu einer großen Trägheit unter den Klinikern geführt“. Einige seien zu dem Schluss gekommen, dass sie Lp(a) nicht messen müssten, weil es nichts gebe, was sie dagegen tun könnten.

„Bis zur Entwicklung neuer Therapien, die direkt auf Lp(a) abzielen, versuchten die Autoren, die Menge der LDL-Senkung zu quantifizieren, die erforderlich ist, um das durch Lp(a) verursachte erhöhte Risiko auszugleichen“, sagte er.

Daten von rund 500.000 Menschen

Die Forscher untersuchten Daten von 455.765 Personen aus der UK Biobank. Alle Probanden hatten vor ihrem 30. Lebensjahr keine kardiovaskulären Ereignisse, keinen Diabetes und keine Krebserkrankungen. Zum Zeitpunkt der Rekrutierung lagen ihre LDL-Cholesterinspiegel unter 5 mmol/l, um Personen mit familiärer Hypercholesterinämie auszuschließen.

Für ihre Studie verwendeten die Forscher einen genetischen Lp(a)-Risiko-Score, der auf den Varianten rs10455872 und rs3798220 basiert. Hinzu kam ein Score aus 100 Varianten, um Personen mit durchschnittlichen Lp(a)-Werten, höheren Lp(a)-Werten bzw. höheren Lp(a)-Werten und niedrigeren LDL-Cholesterinwerten nach dem Zufallsprinzip zu kategorisieren.

Die Daten zeigten, dass bei erhöhten absoluten Lp(a)-Werten und erhöhten genetischen Risikoscores das Lebenszeitrisiko für schwere koronare Ereignisse progressiv anstieg.

  • Der Anstieg des Risikos für schwere koronare Ereignisse bei einem Lp(a)-Wert von 123 nmol/ konnte durch eine Verringerung des LDL-Cholesterinspiegels um 19,5 mg/dl ausgeglichen werden.

  • Bei Personen mit einem Lp(a)-Wert von 251 nmol/l ließ sich das höhere Risiko für schwere koronare Ereignisse durch eine Senkung des LDL-Cholesterinspiegels um 36,1 mg/dl ausgleichen.

Interventionen frühzeitig beginnen

Bei den Effekten selbst spielt der Zeitraum eine große Rolle. So wurde bei Personen mit einem Lp(a)-Spiegel von 220 nmol/l berechnet, dass die Senkung des LDL-Cholesterinspiegels, die erforderlich ist, um das Risiko für schwerwiegende Koronarereignisse auszugleichen, 0,8 mmol/l beträgt, wenn mit der Lipidsenkung im Alter von 30 Jahren begonnen wird.

Dies deutet laut Ference darauf hin, dass „eine Änderung der Ernährung und des Lebensstils wahrscheinlich keine wirksame Strategie ist, wenn man später damit beginnt“.

 
Eine Änderung der Ernährung und des Lebensstils ist wahrscheinlich keine wirksame Strategie, wenn man später damit beginnt. Dr. Brian A. Ference
 

Der Artikel wurde von Michael van den Heuvel aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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