Sommerwelle durch die Omikron-Varianten BA4/BA5? Nahrungsmittelallergie scheint vor Infektionen zu schützen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

8. Juni 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 7. Juni 2022

Zentrale Kennzahlen der Pandemie gehen derzeit nach oben. Wie das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet, liegt die 7-Tage-Inzidenz bei 276,9 Fällen pro 100.000 Einwohner, Stand 9. Juni 2022. Am Vortag waren es noch 238,1 Fällen pro 100.000 Einwohner. 

  • BA4/BA5 als Treiber einer neuen Infektionswelle schon im Sommer?

  • HEROS-Studie: Nahrungsmittelallergie mit geringerem Risiko einer SARS-CoV-2-Infektion assoziiert

  • Real-World-Daten: Natürliche Immunität und Immunität nach Impfungen im Vergleich

  • Neues Online-Tool für Therapieentscheidungen bei COVID-19

  • Infektionsschutz am Arbeitsplatz: Selbst nach 2 Jahren Pandemie wenig Evidenz

  • Keine Kreuzreaktion zwischen SARS-CoV-2 und Corona-Erkältungsviren

  • Stress – ein Risikofaktor für COVID-19?

BA4/BA5 als Treiber einer neuen Infektionswelle schon im Sommer?

Trotz sinkender Zahlen bleibt das Krankheitsgeschehen dynamisch, wie das Labor Becker aus München berichtet. Grundlage einer aktuellen Auswertung sind Zahlen aus Süddeutschland. Der Anteil von BA.4/BA.5 in Proben lag in Woche 18 noch bei 2,7% und ist in Woche 21 auf 15,3% angestiegen. BA.2 entwickelt sich rückläufig (92,9% versus 80,2%), und bei BA.1 gibt es keine große Dynamik (4,4% versus 4,5%).

Bundesweite Trends sind in RKI-Wochenbericht vom 2. Juni 2022 zu finden: BA.4/BA.5 werden immer öfter in Proben nachgewiesen. Gerade die Häufigkeit von BA.5 scheint sich ab Woche 11 zu verdoppeln.

© RKI

„Das ist eine eher schlechte Entwicklung. Die besonders ansteckende Variante BA4/BA5 ist auch bei uns auf dem Vormarsch“, kommentiert Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach auf Twitter. „In Portugal zeigt sich leider, dass mit der BA.5-Omikron-Variante auch die Sterblichkeit wieder steigt.“

Lauterbach spekuliert: „Es könnte tatsächlich eine Sommerwelle geben. Sicher ist das noch nicht. Trotzdem ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Vorbereitungen für den Herbst zu treffen.“ Arbeiten hätten schon begonnen.

Details blieb der Gesundheitsminister nach der Bund-Länder-Runde am 3. Juni aber schuldig. Der Kanzler und die Länderchefs wollen erst die Berichte des Krisenstabs und der Expertenkommission abwarten, um auf dieser Grundlage Maßnahmen zu entwickeln.

HEROS-Studie: Nahrungsmittelallergie mit geringerem Risiko einer SARS-CoV-2-Infektion assoziiert

Bekanntlich sind Menschen mit Vorerkrankungen oder Senioren besonders gefährdet. Es scheint auch protektive Faktoren zu geben: Die HEROS-Studie (Human Epidemiology and Response to SARS-CoV-2) zeigt, dass Menschen mit Lebensmittelallergien weniger wahrscheinlich mit SARS-CoV-2 infiziert werden als Menschen ohne solche Allergien. Ergebnisse wurden im Journal of Allergy and Clinical Immunology veröffentlicht.

Die Forscher haben mehr als 4.000 Personen aus fast 1.400 Haushalten, in denen mindestens 1 Person im Alter von 21 Jahren oder jünger lebte, rekrutiert. Ihre Untersuchungen fanden in 12 US-Städten zwischen Mai 2020 und Februar 2021 statt, also vor der flächendeckenden Einführung von COVID-19-Impfstoffen und vor dem Auftreten besorgniserregender Varianten. Etwa 50% aller teilnehmenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen hatten nach eigenen Angaben eine Lebensmittelallergie, Asthma, ein Ekzem oder eine allergische Rhinitis.

Eine Person in jedem Haushalt nahm alle 2 Wochen Nasenabstriche der Teilnehmer, um sie auf SARS-CoV-2 zu testen, und füllte wöchentlich Fragebögen aus. Wenn ein Mitglied des Haushalts Symptome entwickelte, die auf COVID-19 hindeuteten, wurden weitere Nasenabstriche für Labortests entnommen. Auch Blutproben wurden in regelmäßigen Abständen und nach der ersten gemeldeten Erkrankung einer Familie entnommen, sofern eine solche vorlag.

Die Forscher fanden heraus, dass Lebensmittelallergien das Infektionsrisiko halbierten. Asthma und andere allergischen Erkrankungen waren nicht nicht mit einem geringeren Infektionsrisiko verbunden.

Im nächsten Schritt analysierte das Team den Spiegel an Immunglobulin E(IgE)-spezifischen Antikörpern im Blut einer Untergruppe der Teilnehmer. Es gab starke Übereinstimmungen zwischen der selbstberichteten Nahrungsmittelallergie und Laborwerten. Dies abzugleichen war erforderlich, weil Selbstauskünfte von Patienten mitunter zu Fehlern in Studien führen.

Doch wie werden die schützenden Effekte vermittelt? Die Autoren spekulieren, dass eine Entzündung vom Typ 2, die für allergische Erkrankungen charakteristisch ist, die Zahl an ACE2-Rezeptorn auf der Oberfläche der Atemwegszellen verringern könnte. Unterschiede im Risikoverhalten von Menschen mit Lebensmittelallergien, die beispielsweise seltener in Restaurants essen, könnten ebenfalls das geringere Infektionsrisiko erklären.

Impfungen bringen nur wenig gegen Long-COVID

Eine Impfung gegen SARS-CoV-2 senkt das Risiko von Long-COVID nur um etwa 15%, so das Ergebnis einer Studie mit mehr als 13 Millionen Menschen.

Forscher untersuchten digitale Patientenakten des US Department of Veterans Affairs (VA) von Januar bis Dezember 2021 – sprich nur bis zum Beginn der Omikron-Welle. Sie fanden Aufzeichnungen von etwa 34.000 geimpften Personen, die eine SARS-CoV-2-Durchbruchinfektion hatten. Hinzu kamen 113.000 Personen, die infiziert, aber nicht geimpft waren, und mehr als 13 Millionen Personen, die nicht infiziert waren.

Die Forscher fanden heraus, dass die Impfung die Wahrscheinlichkeit von Long-COVID bei infizierten Personen nur um etwa 15 % zu verringern scheint. Dies steht im Gegensatz zu früheren, kleineren Studien, in denen wesentlich höhere Schutzraten beobachtet wurden.

Die Autoren verglichen auch Symptome wie Gehirnnebel und Müdigkeit bei geimpften und ungeimpften Personen bis zu 6 Monate, nachdem sie positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Sie fanden keinen Unterschied in Art oder Schwere der Symptome zwischen geimpften und ungeimpften Personen.

Der begrenzte Schutz, den Impfstoffe bieten, bedeutet, dass die Rücknahme von Maßnahmen wie Maskenpflicht und sozial-distanzierende Beschränkungen mehr Menschen gefährden könnte – insbesondere solche mit geschwächtem Immunsystem, heißt es als Fazit.

Real-World-Daten: Natürliche Immunität und Immunität nach Impfungen im Vergleich

Aktuelle Studien haben gezeigt, dass die durch den Impfstoff BNT162b2 verliehene Immunität nachlässt. Doch wie sieht es mit der hybriden Immunität nach Impfungen und Infektionen aus? Eine neue Publikation sorgt für mehr Klarheit.

Aus der Datenbank des israelischen Gesundheitsministeriums wurden für August und September 2021, als die Variante B.1.617.2 (Delta) vorherrschend war, Daten zu allen Personen extrahiert, die zuvor mit SARS-CoV-2 infiziert waren oder die einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 erhalten hatten. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus:

  • Die Zahl der SARS-CoV-2-Infektionen pro 100.000 Tage stieg mit der Zeit, die seit der Impfung mit BNT162b2 oder seit einer früheren Infektion verstrichen war.

  • Bei Ungeimpften mit durchgemachter Infektion lag die Rate bei 10,5 Infektionen pro 100.000 Tage innerhalb von 4 bis 6 Monaten. Danach stieg sie und erreichte 1 Jahr nach der Infektion den Wert von 30,2 ab einem Jahr nach der Infektion.

  • Bei Rekonvaleszenten mit einer zusätzlichen Impfdosis betrugen die Raten 3,7 in den 2 Monaten nach Infektion und 11,6 ab 6 Monate nach der Impfung.

  • Bei nicht Infizierten mit 2 Impfdosen stiegen die Raten von 21,1 in den 2 Monaten nach der 2. Impfung auf 88,9 ab 6 Monate nach der Impfung.

Die Schutzwirkung gegen erneute SARS-CoV-2-Infektionen gehe nach einer überstandenen Infektion zurück, schreiben die Autoren als Fazit. Der Schutz falle langsamer ab als bei Personen, die nur 2 Impfdosen ohne SARS-CoV-2-Infekt erhalten hätten.

Neues Online-Tool für Therapieentscheidungen bei COVID-19

Von der Prävention zur Therapie. Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) hat zusammen mit der Fachgruppe Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin (COVRIIN) und mit weiteren Fachgesellschaften ein Online-Tool entwickelt. Es unterstützt Ärzte, bei Patienten mit COVID-19 die bestmöglichen therapeutischen Entscheidungen zu treffen. Grundlage ist die S3-Leitlinie zur stationären Therapie von COVID-19.

„Durch den interaktiven Charakter wird für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte eine individualisierte Zusammenstellung der empfohlenen Therapie ermöglicht, entsprechend der Erkrankungsphase, dem Ausmaß der respiratorischen Unterstützung, den individuellen Risikofaktoren sowie dem Impfstatus der zu behandelnden Patientinnen und Patienten als Hilfestellung zur Therapieentscheidung“, schreibt die DGIIN. 

Infektionsschutz am Arbeitsplatz: Selbst nach 2 Jahren Pandemie wenig Evidenz

Während der COVID-19-Pandemie kam es immer wieder zu Ausbrüchen an Arbeitsplätzen, beispielsweise in der fleischverarbeitenden Industrie. Forscher der Cochrane Collaboration wollten jetzt wissen, welche Evidenz es für nicht-pharmakologische Schutzmaßnahmen im Job gibt. Das ernüchternde Ergebnis: Bei ihrer Literaturrecherche fanden sie nur eine einzige Studie, welche alle methodischen Kriterien für Reviews erfüllt hat. Die Autoren legten die Messlatte ohnehin tiefer an als gewöhnlich. Es reichte aus, dass es neben der Gruppe mit Intervention auch eine Kontrollgruppe gab. Das mussten keine randomisierten, kontrollierten Studien sein.

Die einzige methodisch geeignete Studie wurde von März bis Juni 2021 in England durchgeführt. Daran nahmen mehr als 24.000 Mitarbeiter an Schulen teil.

  • In den 86 Schulen der Kontrollgruppe mussten sich alle Mitarbeiter, die aufgrund von Kontaktermittlungen als COVID-19-Kontaktpersonen galten, 10 Tage lang zu Hause isolieren.

  • In den 76 Schulen der Interventionsgruppe mussten Kontaktpersonen lediglich 1 Woche lang täglich einen Schnelltest machen. Bei negativem Schnelltest konnten sie weiter zur Arbeit gehen. Nur nach einem positiven Schnelltest galt eine Pflicht zur Selbstisolierung.

„Die Studie sollte klären, ob es einen Unterschied bei den COVID-bedingten Fehlzeiten zwischen den beiden Methoden gibt“, heißt es in einer Meldung der Cochrane Collaboration. „Allerdings lassen die Ergebnisse trotz eines methodisch guten Studiendesigns keine klaren Schlüsse zu.“ Das liege an wenigen Infektionen im Studienzeitraum.

„Die Ergebnisse des Reviews zeigen erneut, dass es in 2 Jahren Pandemie nicht gelungen ist, die in vielen Ländern eingesetzten Maßnahmen der Pandemiebekämpfung auf Ebene der öffentlichen Gesundheit durch methodisch gut gemachte Studien auf eine sichere Evidenzbasis zu stellen“, sagt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland. „Dies ist sehr ernüchternd und stellt ein Versagen der internationalen Forschungsgemeinschaft auf diesem wichtigen Gebiet dar.“

Corona-Impfung von Genesenen schützt gegen SARS-Coronaviren, aber nicht gegen Corona-Erkältungsviren

Forscher haben die humorale Immunantwort von 80 COVID-19-Patienten des Universitätsklinikums Frankfurt/Main, Deutschland, im Zuge einer Längsschnittstudie charakterisiert.

Die SARS-CoV-2-Neutralisierungsaktivität des Serums ließ mit der Zeit nach, wie erwartet. Eine Untergruppe mit 13 genesenen Patienten wurde zusätzlich mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty geimpft. Die Impfung erhöhte die Neutralisationsaktivität gegen SARS-CoV-2 Wildtyp, Delta und Omikron, obwohl vor der Impfung keine Omikron-spezifische Neutralisation nachweisbar war. Zudem induzierte die Impfung neutralisierende Antikörper gegen das entfernter verwandte SARS-CoV-1, nicht aber gegen das Erkältungsvirus NL63.

„Die Ergebnisse zeigen, dass, obwohl die durch Infektionen induzierte humorale SARS-CoV-2-Immunantwort abnimmt, die Impfung eine breite neutralisierende Aktivität gegen mehrere SARS-CoV induziert, jedoch nicht gegen das gewöhnliche Erkältungs-Alpha-Coronavirus NL63“, so das Fazit.

Stress – ein Risikofaktor für COVID-19?

Akuter Stress kann sich nachteilig auf die Abwehr von Infektionen, insbesondere von SARS-CoV-2, auswirken. Die Mortalität erhöht sich – zumindest in einem Mausmodell. Darauf deutet eine neue Studie hin.

Zunächst untersuchten Forscher Gruppen von entspannten und gestressten Mäusen. Innerhalb weniger Minuten zeigten Nager, die akutem Stress ausgesetzt waren, große Veränderungen in ihrem Immunsystem im Vergleich zur entspannten Mausgruppe. Insbesondere löste der Stress eine starke Wanderung von Immunzellen im Körper aus.

Durch den Einsatz neuer Technologien wie der Optogenetik und der Chemogenetik entdeckten sie, dass Neuronen aus dem paraventrikulären Hypothalamus Immunzellen dazu veranlassten, von den Lymphknoten ins Blut und Knochenmark zu wandern.

Anschließend untersuchten die Forscher, ob Unterschiede es in beiden Gruppen nach einer Infektion mit Influenza und mit SARS-CoV-2 auftreten. Mäuse in der entspannten Gruppe konnten die Erkrankung leichter kontrollieren, während Tiere in der Gruppe mit Stress kränker waren und häufiger starben.

Das Fazit der Autoren: „Verschiedene Regionen im Gehirn beeinflussen die Verteilung und Funktion von Leukozyten im Körper bei akutem Stress im Tierexperiment.“ Ob sich ihre Ergebnisse auf den menschlichen Organismus übertragen lassen, ist unklar.

 

Kommentar

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