Schreckgespenst plötzlicher Kindstod: Ein Biomarker aus dem Fersenblut könnte gefährdete Babys identifizieren

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

19. Mai 2022

Der plötzliche Kindstod ist für viele Eltern ein Schreckgespenst: Am Abend legt man ein scheinbar völlig gesundes Baby schlafen, am nächsten Morgen liegt es tot in seinem Bettchen. Für Aufsehen sorgen deshalb jetzt Wissenschaftler aus Australien: Sie schreiben im Lancet-Open-Access Journal eBioMedicine, sie hätten einen Weg gefunden, Babys mit einem erhöhten Risiko für plötzlichen Kindstod schon kurz nach der Geburt zu erkennen [1].

Erstautorin der publizierten Fall-Kontroll-Studie ist die australische Biochemikerin Dr. Carmel Therese Harrington, die selbst ein Kind durch plötzlichen Kindstod verloren hat. Die gesamte Studie wurde durch eine Crowd-Funding-Kampagne finanziert, die ihrem verstorbenen Sohn gewidmet ist.

Aufklärungskampagnen reduzierten plötzlichen Kindstode um die Hälfte

„Aktuelle Erhebungen zur Zahl der plötzlichen Kindstote in Deutschland gibt es nicht. Aber man weiß, dass der plötzliche Kindstod für etwa die Hälfte aller Todesfälle [Anm.d.R.: im ersten Lebensjahr] jenseits des 1. Lebensmonats verantwortlich ist“, berichtet die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Prof. Dr. Ursula Felderhoff-Müser, auf Nachfrage von Medscape.

Zahlen vom Anfang der 2000er-Jahre belaufen sich auf eine Inzidenz des plötzlichen Kindstods von 0,45 pro 1.000 Kinder im ersten Lebensjahr. „Dies hat man aber durch Aufklärungskampagnen mittlerweile halbieren können“, betonte die Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde I am Universitätsklinikum Essen.

Ursache ungeklärt, aber autonomes Nervensystem spielt wohl eine Rolle

Weshalb genau es zum plötzlichen Kindstod kommt, ist nicht vollständig geklärt. Aber man geht mittlerweile davon aus, dass dafür 3 Risikofaktoren zeitgleich auftreten müssen: eine – bislang unbekannte - Vulnerabilität beim Kind, ein noch nicht vollständig ausgereiftes autonomes Nervensystem und ein exogener Stressor.

„Das autonome Nervensystem ist für die Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus, aber auch für den Atemantrieb zuständig. Man vermutet, dass bei Kindern, die am plötzlichen Kindstod sterben, ein Problem mit der Reife des autonomen Nervensystems besteht“, bestätigt Felderhoff-Müser. 

 
Man vermutet, dass bei Kindern, die am plötzlichen Kindstod sterben, ein Problem mit der Reife des autonomen Nervensystems besteht. Prof. Dr. Ursula Felderhoff-Müser  
 

„Externe Stressoren können eine Decke, ein Kissen oder ein Kuscheltier sein, das auf der Nase des Babys landet“, sagt Felderhoff. „Bei vulnerablen Kindern kann dies schon ausreichen, dass es nicht zu einem normalen physiologischen Atemantrieb und Schlafrhythmus kommt.“ Aber auch Nikotin in der Wohnung, eine zu warme Schlafumgebung und das Schlafen im Bett der Eltern haben sich als Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod erwiesen.

Die beiden Enzyme Acetylcholinesterase und Butyrylcholinesterase spielen im autonomen Nervensystem eine wichtige Rolle. Ob sie als Biomarker für eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems und damit für ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod dienen können, wollten Harrison und ihr Team mit ihrer Studie untersuchen.

Untersuchung von Acetylcholinesterase scheitert

Geplant war es, die Aktivität der beiden Enzyme in Blutproben von Säuglingen, die am Neugeborenen-Screening im australischen New South Wales teilnahmen, zu untersuchen. Dies umfasst die Entnahme einer kleinen Menge Blut aus der Ferse, das dann auf vorgefertigte Filterpapierkarten getropft wird, um auf angeborene Stoffwechselerkrankungen und Endokrinopathie zu testen.

Allerdings stießen sie dabei auf technische Schwierigkeiten bei der Analyse: „In einer exploratorischen Studie wie der unseren wäre es ideal gewesen, sowohl die Acetylcholinesterase als auch die Butyrylcholinesterase zu untersuchen“, schreiben die Autoren. „Das war allerdings mit den aus den Trockenblutkarten gewonnen Blutproben nicht möglich.“

 
Es [wäre] ideal gewesen, sowohl die Acetylcholinesterase als auch die Butyrylcholinesterase zu untersuchen. Dr. Carmel Therese Harrington und Kollegen  
 

Analyse von 26 Kindern, die am plötzlichen Kindstod verstarben

Deshalb entschieden sich Harrington und ihre Kollegen von der SIDS and Sleep Apnoea Research Group am Kinderkrankenhaus im australischen Westmead, nur die Aktivität der Butyrylcholinesterase zu untersuchen. 

In die Fall-Kontroll-Studie schlossen sie 67 Kinder ein, die im Alter von 1-104 Wochen plötzlich und unerwartet verstarben. Bei 26 von ihnen handelte es sich um plötzlichen Kindstod, bei den restlichen 41 Kindern fand sich eine Ursache beziehungsweise sie waren nicht im typischen Alter zwischen 1 Monat und 1 Jahr. Als Kontrollgruppe dienten 655 nach Alter und Geschlecht gematchte, überlebende Kinder.

„Unser Ziel war, herauszufinden, ob Kinder, die am plötzlichen Kindstod sterben, bei der Geburt andere Butyrylcholinesterase-Aktivitätslevel haben, die als Biomarker für die Vulnerabilität des Kindes für einen plötzlichen Kindstod dienen könnten“, schreiben die Forschenden.

Signifikant geringere Aktivität der Butyrylcholinesterase

Die Messungen im Trockenblut-Eluat ergaben bei den 26 Kindern, die am plötzlichen Kindstod verstorben waren, eine Butyrylcholinesterase-Aktivität von 5,6 U/mg. Bei den Kontrollen lag sie dagegen mit 7,7 U/mg signifikant höher. Bei am plötzlichen Kindstod verstorbenen Kindern sprach die Evidenz dafür, dass eine geringere Butyrylcholinesterase-Aktivität mit dem Tod assoziiert war (OR: 0,73 pro U/mg; p = 0,0014).

Bei den Kindern mit anderen Todesursachen als dem plötzlichen Kindstod bestand keine Assoziation zur Butyrlycholinesterase-Aktivität, berichten die Autoren um Harrington.

Autoren sehen Möglichkeit zur rechtzeitigen Identifikation

Ihr Fazit: „Unsere Studie hat einen Biomarker identifiziert, der Kinder, die am plötzlichen Kindstod gestorben sind, noch vor dem Eintreten des plötzlichen Kindstods von gesunden Kontrollen sowie Kindern, die aus anderen Gründen verstorben sind, unterscheiden kann.“ Sie postulieren, dass diese verringerte Aktivität der Butyrylcholinesterase auf eine autonome cholinerge Dysfunktion und damit auf eine angeborene Vulnerabilität der am plötzlichen Kindstod verstorbenen Kinder hindeute. 

„Dies eröffnet die Möglichkeit, Säuglinge mit erhöhtem Risiko für plötzlichen Kindstod rechtzeitig zu identifizieren und ebnet den Weg für künftige Forschungsarbeiten zu spezifischen Interventionen“, schreibt die Autorengruppe.

 
Dies eröffnet die Möglichkeit, Säuglinge mit erhöhtem Risiko für plötzlichen Kindstod, rechtzeitig zu identifizieren. Dr. Carmel Therese Harrington und Kollegen  
 

Aufnahme ins Screening noch zu früh

Für Felderhoff-Müser zeigt sich in der Studie eine „klare Tendenz, die es sich lohnt weiter zu verfolgen“. Die DGKJ-Präsidentin weist aber auch darauf hin, dass die Studie nur 26 klassische Fälle von plötzlichem Kindstod umfasse. 

„Bevor man in Betracht ziehen kann, die Aktivität der Butyrylcholinesterase in das Neugeborenen-Screening aufzunehmen, ist noch weitere Forschung nötig“, betont sie, „zum Beispiel dazu, was eigentlich die Normalwerte sind, wie verlässlich die Messungen aus den Trockenblutkarten sind und – wie ursprünglich von Harrington und ihrem Team geplant – welche Rolle die Aktivität der Acetylcholinesterase spielt.“ 

 
Bevor man in Betracht ziehen kann, die Aktivität der Butyrylcholinesterase in das Neugeborenen-Screening aufzunehmen, ist noch weitere Forschung nötig. Prof. Dr. Ursula Felderhoff-Müser  
 

Sollte sich bestätigen, dass die Aktivität der Butyrylcholinesterase tatsächlich ein verlässlicher Biomarker für den plötzlichen Kindstod ist, könnte dies enormen Einfluss auf die Praxis haben. „Wir haben gesehen, wie effektiv Aufklärungskampagnen die Häufigkeit des plötzlichen Kindstods reduzieren können“, so Felderhoff-Müser. „Möglicherweise wäre die Aufklärung der Eltern mit einem solchen Messwert an der Hand noch wirksamer als bisher schon.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....