Hypertonie-Risiko bei Schwangeren: Frauen profitieren nicht von Selbstmessungen – was stattdessen für die Beratung wichtig ist

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

16. Mai 2022

In der Allgemeinbevölkerung verbessert die regelmäßige Blutdruckkontrolle zuhause Diagnose und Management hypertensiver Erkrankungen. Bei Schwangeren mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck oder einer bereits bestehenden Hypertonie scheint dies aber nicht der Fall zu sein, wie 2 randomisiert-kontrollierte Studien aus dem Vereinigten Königreich aufzeigen.

Bei Schwangeren mit erhöhtem Präeklampsierisiko führte die Blutdruck-Selbstmessung nicht zu einer früheren Diagnose. Und bei Schwangeren mit bereits erhöhtem Blutdruck hatten Selbstmessungen keinen Effekt auf die Blutdruckkontrolle. Dies berichten die Forschenden des „Blood Pressure Monitoring in High Risk Pregnancy to Improve the Detection and Monitoring of Hypertension” (BUMP)-Studienprogramms in JAMA.

Hypertonie assoziiert mit Risiken für Mutter und Kind

Die regelmäßige Kontrolle des Blutdrucks ist ein entscheidender Aspekt in der Schwangerschaftsvorsorge. Hypertonie in der Schwangerschaft ist unter anderem assoziiert mit einem erhöhten Risiko für Präeklampsie, Frühgeburtlichkeit, niedrigem Geburtsgewicht und in seltenen Fällen auch Schlaganfällen, Krampfanfällen und Tod.

 
Etwa 6 bis 8% aller Schwangeren haben oder entwickeln eine Hypertonie in der Schwangerschaft. Prof. Dr. Ulrich Pecks
 

„Etwa 6 bis 8% aller Schwangeren haben oder entwickeln eine Hypertonie in der Schwangerschaft“, berichtet Prof. Dr. Ulrich Pecks, Sprecher der Sektion „Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen und fetale Wachstumsrestriktionen“ der Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). „Darüber hinaus wird oft die Prävalenz der chronischen Hypertonie unterschätzt. Sie liegt bei Frauen zwischen 20 und 44 Jahren altersabhängig zwischen 5 und 17%.“

BUMP 1: Frühere Diagnose durch Selbstmessung?

In der randomisiert-kontrollierten Studie BUMP 1 untersuchten Dr. Katherine Tucker vom Nuffield Department of Primary Care Health Sciences der University of Oxford und ihre Kollegen, ob es zu einer frühzeitigeren Diagnose beiträgt, wenn Schwangere mit erhöhtem Präeklampsierisiko zuhause selbst regelmäßig ihren Blutdruck kontrollieren [1].

Die Schwangeren wurden im 2 Trimenon für die Studienteilnehme rekrutiert. Sie erhielten – zusätzlich zur Standardversorgung - ein für die Anwendung in der Schwangerschaft validiertes Messgerät, mit dem sie dreimal in der Woche ihren Blutdruck messen sollten. Die Werte trugen sie in eine mobile App ein. Bei Überschreiten eines Blutdrucks von 140/90 mmHg spielte die App automatisch die Empfehlung aus, sich an den behandelnden Frauenarzt zu wenden.

Verglichen wurde dieses App-basierte Protokoll mit der alleinigen im Vereinigten Königreich üblichen Standardversorgung, die aus 7 Vorsorgeuntersuchungen im Verlauf der Schwangerschaft besteht.

Dauer bis zur Diagnose einer Hypertonie vergleichbar

Von ursprünglich 2.441 randomisierten Teilnehmerinnen standen letztlich die Daten von 2.346 zur Auswertung zur Verfügung. Insgesamt 15% von ihnen entwickelten eine hypertensive Schwangerschaftserkrankung.

In der Interventionsgruppe mit Blutdruck-Selbstmessung vergingen von der Randomisierung bis einer erstmaligen Blutdruckmessung ≥ 140/90 mmHg in der Arztpraxis im Schnitt 104 Tage.

In der Gruppe mit alleiniger Standardversorgung waren es 106 Tage.

BUMP 2: Bessere Blutdruckkontrolle durch Selbstmessung?

Parallel zu BUMP 1 führte die Studiengruppe eine weitere Studie durch. In BUMP 2 untersuchten Dr. Lucy Chappell vom Department of Women and Children’s Health am King’s College London und ihre Kollegen, ob tägliche Selbstmessungen in der Schwangerschaft zu Veränderungen des durchschnittlichen systolischen Blutdrucks führen [2]. Die Standardversorgung bestand aus Blutdruckmessungen bei den 7 im Vereinigten Königreich üblichen Vorsorgeuntersuchungen.

In diese Studie wurden schwangere Frauen eingeschlossen, die entweder eine chronische Hypertonie oder eine Schwangerschaftshypertonie hatten. Daten zu Blutdruckwerten standen letztlich für 821 der 850 randomisierten Teilnehmerinnen zur Verfügung – davon 444 mit chronischer Hypertonie und 377 mit Schwangerschaftshypertonie.

Kein signifikanter Unterschied bei den Blutdruckwerten

Auch in BUMP 2 war kein Unterschied zwischen den Studienarmen mit und ohne Selbstmessungen zu erkennen. Schwangere mit chronischer Hypertonie, die ihren Blutdruck zuhause selbst überwachten, hatten im Schnitt einen systolischen Blutdruck von 133,8 mmHg. In der Gruppe mit Standardversorgung betrug er 133,6 mmHg. In der Gruppe mit Schwangerschaftshypertonie lag der systolische Blutdruck mit Selbstmessungen bei 137,6 mmHg und ohne Selbstmessungen bei 137,2 mmHg.

In einem begleitenden Editorial weist Dr. Malavika Prabhu von der Division of Maternal Fetal Medicine an der Weill Cornell Medicine in New York darauf hin, dass in BUMP 2 auch viele der Frauen in der Standardversorgungsgruppe selbst zuhause ihren Blutdruck kontrollierten [3]. Bei den Schwangeren mit chronischer Hypertonie waren es 68%, bei den Frauen mit Schwangerschaftshypertonie 45%. Im Gegensatz dazu kontrollierten viele der Schwangeren in der Interventionsgruppe ihren Blutdruck seltener als empfohlen.

Dies zählt zu den Limitationen der Studie und „könnte den potenziellen Effekt der Intervention abgeschwächt haben“, wie auch Chappell und ihre Kollegen schreiben.

Komplikationsrisiko muss weiter erforscht werden

Prabhu betont, dass sich die beiden Studien wichtigen Fragen gewidmet hätten, allerdings gehe es auch um die Frage, „wie sich die Diagnose einer hypertensiven Schwangerschaftserkrankung auf die mütterliche und neonatale Morbidität auswirkt, speziell bei den Frauen mit dem höchsten Risiko“.

Die beiden Studien zeigen hier keine Unterschiede zwischen den Schwangeren mit und ohne Blutdruck-Selbstmessungen, ebenso wenig wie beim Auftreten von schweren Komplikationen. Allerdings hatten die BUMP-Studien auch „nicht ausreichend statistische Power, um Unterschiede bei den mütterlichen und kindlichen Outcomes zwischen den Gruppen aufzuzeigen“, so Prabhu. Hier seien weitere Studien notwendig.

Engmaschige Kontrollen zum Schwangerschaftsende sinnvoll

Die Mitglieder der BUMP-Studiengruppe stellen keine Vermutungen darüber an, weshalb ihre Studien zu einem negativen Ergebnis gekommen sind. Prabhu sieht eine mögliche Erklärung aber darin, „dass die meisten hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen zum Ende der Schwangerschaft hin auftreten, wenn engmaschiger kontrolliert wird“.

 
Die meisten hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen treten zum Ende der Schwangerschaft hin auf, wenn engmaschiger kontrolliert wird. Dr. Malavika Prabhu
 

Im Gespräch mit Medscape betont Pecks, der am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel die Geburtshilfliche Abteilung leitet, dass „die engere Vorsorge – in Deutschland ab der 32. Schwangerschaftswoche – eben auch solche Komplikationen vermeiden soll“. Die Studienergebnisse aus dem Vereinigten Königreich könnten dahingehend interpretiert werden, dass dies auch gelinge.

 
Wird dabei ein Hochdruck festgestellt, empfehlen wir die Beendigung der Schwangerschaft vor dem errechneten Termin in der Regel nach der 37. Schwangerschaftswoche Prof. Dr. Ulrich Pecks
 

„Wird dabei ein Hochdruck festgestellt, empfehlen wir die Beendigung der Schwangerschaft vor dem errechneten Termin in der Regel nach der 37. Schwangerschaftswoche, da das Kind dann von der Fortführung der Schwangerschaft nicht mehr profitiert, aber das Risiko für die Mutter etwas erhöht ist im Vergleich zu Frauen ohne Blutdruck“, ergänzt er.

Frauen mit Weißkittelhypertonie und maskierter Hypertonie könnten profitieren

In BUMP 1 war zudem noch einmal ganz deutlich eine bekannte Schwierigkeit im Hypertonie-Management zu erkennen: Bei mehr als einem Viertel der Studienteilnehmerinnen unterschied sich der zuhause gemessene Blutdruck von den in der Praxis ermittelten Werten. „Diese Diskrepanzen könnten zu dem negativen Outcome der Studien beigetragen haben, so Prabhu.

 
Möglicherweise könnten diese Frauen dahingehend von Selbstmessungen profitieren, dass eine unnötige Therapieeskalation vermieden … wird. Dr. Malavika Prabhu
 

Für Pecks kommt dieses Ergebnis nicht unerwartet: „Hierfür ist zum einen die Weißkittelhypertonie, also ein Bluthochdruck bei Messung des Blutdrucks in der Praxis, verantwortlich. Auf der anderen Seite gibt es die maskierte Hypertonie mit normalen Blutdruckwerten in der Praxis, aber erhöhten Werten in der ambulanten Langzeitmessung“, erklärt der erfahrene Geburtshelfer.

„Möglicherweise könnten diese Frauen dahingehend von Selbstmessungen profitieren, dass eine unnötige Therapieeskalation vermieden oder eine in der Praxis nicht erkannte Blutdruckerhöhung doch noch erkannt wird“, spekuliert Prabhu.

Die übliche Schwangerenvorsorge scheint auszureichen

Abgesehen davon zeigten die BUMP-Studien, so Prabhu, dass die im Vereinigten Königreich üblichen 7 Vorsorgeuntersuchungen zu einer ebenso raschen Diagnose einer hypertensiven Schwangerschaftserkrankung führten wie zusätzliche Blutdruckkontrollen zuhause.

 
Aufgrund der hierzulande üblichen Schwangerenvorsorge besteht selten das Problem, dass ein Bluthochdruck in der Schwangerschaft unerkannt bleibt. Prof. Dr. Ulrich Pecks
 

Und mit Blick auf die Situation in Deutschland betont auch Pecks: „Aufgrund der hierzulande üblichen Schwangerenvorsorge besteht selten das Problem, dass ein Bluthochdruck in der Schwangerschaft unerkannt bleibt. Häufiger ist, dass in der Schwangerschaft erstmalig ein vorbestehender Bluthochdruck festgestellt wird, der der Frau vorher nicht bekannt war.“

 
Das aktuelle Vorsorgesystem mit Blutdruckkontrollen alle 2 bis 4 Wochen in der Schwangerschaft ist meines Erachtens gut etabliert und ausreichend. Prof. Dr. Ulrich Pecks
 

Sein Fazit: „Wir haben in Deutschland mit unserer Schwangerenvorsorge im internationalen Vergleich bereits ein sehr gutes und erfolgreiches System etabliert.“ Auch in Deutschland seien Programme zur Blutdruck-Selbstmessung gelegentlich diskutiert worden, so der Geburtshelfer. „Aber das aktuelle Vorsorgesystem mit Blutdruckkontrollen alle 2 bis 4 Wochen in der Schwangerschaft ist meines Erachtens gut etabliert und ausreichend.“
 

Kommentar

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