Wie resistent sind Sie gegen Stress? Ein kleiner Resilienz-Test und Tipps für einen weniger belastenden Praxisalltag

Nathalie Haidlauf

Interessenkonflikte

11. Mai 2022

Stress gehört für die meisten Ärztinnen und Ärzte zum Alltag dazu. Doch was können sie tun, um permanenter Überlastung und gesundheitlichen Problemen vorzubeugen?

Dr. Sophie Schlosser, Oberärztin am Universitätsklinikum Regensburg, hat dafür Tipps und Strategien gesammelt, die Ihnen in Ihrem Alltag helfen, und auf der 128. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden vorgestellt [1].

Gesund bleiben – eine wichtige Aufgabe für Ärztinnen und Ärzte

Viele Ärztinnen und Ärzte leiden unter einer hohen Arbeitsbelastung – und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Wie eine Umfrage des Marburger Bundes (MB-Monitor 2019) zeigte, fühlen sich 49% der Befragten häufig überlastet. 10% geben sogar an, ständig über die eigenen Grenzen zu gehen. Grund dafür ist der oft vollgepackte Arbeitstag, in dem vermeintlich keine Zeit für Erholung bleibt.

Laut MB-Monitor verzichten 50% der befragten Ärztinnen und Ärzte mehrmals pro Woche auf ihre Pause. Besonders besorgt blickte Schlosser in ihrem Vortrag in Wiesbaden auf die Auswirkungen, die der Stress auf das Privatleben hat. 3 Viertel der Befragten sagen, sie seien so von der Arbeit in Anspruch genommen, dass ihr Privat- und Familienleben leidet.

Quelle: Marburger Bund (MB-Monitor 2019)

In einem Arbeitsumfeld, in dem die Überlastung Normalität ist und keine Zeit für Erholung bleibt, fehlen damit Ressourcen, die eigene mentale Widerstandskraft zu stärken.

Testen Sie Ihre Resilienz

Wie resilient der oder die Einzelne ist, ist ganz verschieden. Es gibt zahlreiche Verfahren zur individuellen Messung der Resilienz. Laut einer Metaanalyse zählt die „Brief Resilience Scale“ zu den aussagekräftigsten Tests.

Der Test dauert nur 2 Minuten und gibt Hinweise darauf, wie es um Ihre Resilienz bestellt ist:

  1. Lesen Sie sich die folgenden Aussagen durch.

  2. Notieren Sie die Punktzahl Ihrer Antworten.

  3. Teilen Sie das Ergebnis durch 6.

Quelle: Brief Resilience Scale

Die Auflösung:

  • Wenn Sie auf 1,00 bis 2,99 Punkte kommen, dann haben Sie eine niedrige Resilienz und sollten dann ganz besonders gut auf sich aufpassen.

  • Eine Punktzahl von 3,00 bis 4,30 Punkten liegt im Rahmen einer durchschnittlichen Resilienz.

  • Wer auf 4,31 bis 5,00 Punkte kommt, weist eine hohe Resilienz auf.

Konkrete Tipps für den Arbeitsalltag

Welche Faktoren stärken die eigene Resilienz und helfen dabei, gelassener mit den Anforderungen im Arbeitsalltag umzugehen? Die zentralen Faktoren zur Stärkung der eigenen Resilienz hat die American Psychological Association unter dem Motto „Building your resilience“ zusammengestellt. Dazu zählt die Pflege sozialer Beziehungen – und zwar insbesondere jener Kontakte, die uns guttun.

Am Ende des Vortrags gab Schlosser noch einige persönliche Tipps, die ihr selbst im Alltag dabei helfen, Erschöpfung und Überlastung vorzubeugen:

  1. Bei Patientinnen und Patienten ist es üblich, am Ende des Termins gleich den nächsten zu vereinbaren. Warum handhaben wird das privat nicht genauso? Blocken Sie sich am Ende des Treffens gleich einen Termin für das nächste Wiedersehen. Sonst passiert es schnell, dass man gute Freunde nur einmal pro Jahr sieht.

  2. Machen Sie Pausen. Selbst wenn Sie sich nur kurz zurückziehen, um in Ruhe eine richtige Mahlzeit einzunehmen, laden sich die Energiereserven für den Nachmittag auf und Sie sind danach effizienter und motivierter.

  3. Reminder helfen im hektischen Klinik- und Praxisalltag dabei, wichtige Routinen einzuhalten – warum nutzen wir sie nicht auch für das eigene Wohlbefinden? Wer dazu neigt, tagsüber das Trinken zu vergessen, dem können regelmäßige Reminder dabei helfen, das eigene Trinkverhalten zu verbessern. 

  4. Es fällt Ihnen abends schwer, runterzufahren und das Gedankenkarussell zu stoppen? Yoga Nidra (eine Methode der Tiefenentspannung) kann bspw. vor dem Einschlafen dabei helfen, zur Ruhe zu kommen. Im Idealfall schläft man bei der Schlussentspannung direkt ein.

Resilienz – auch eine Frage der Arbeitskultur

Was Schlosser auch betonte: Ärztinnen und Ärzte müssen die hohe Arbeitsbelastung und strukturelle Probleme, die zu Stress führen, nicht als gegeben hinnehmen. Zuallererst sei der Arbeitgeber in der Pflicht, Strukturen zu schaffen, die es Angestellten ermöglichen, gesund ihrer Arbeit nachzugehen können.

Maßnahmen seien beispielsweise die Förderung der Interprofessionalität oder auch das Schaffen und Vorleben einer Kultur, in der Arbeitszeitgesetze eingehalten werden. Oft genug werden diese jedoch im ärztlichen Bereich verletzt und umgangen. Häufig fehlten auch entlastende Tätigkeiten, Prozessoptimierungen und eine Fehlerkultur, die Ärztinnen und Ärzte nach Behandlungsfehlern auffängt, sodass sie gestärkt aus der Situation herausgehen können.

Wichtig dabei: Auch bei strukturellen Problemen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen sind Ärztinnen und Ärzte nicht machtlos. Schlosser gab den Tipp, bei strukturellen Problemen Allianzen zu bilden und bestehende Mängel zu sammeln und eine gemeinsame Position zu formulieren. Beim derzeitigen Ärztemangel seien Vorgesetzte in der Regel interessiert am Wohlergehen ihrer Belegschaft und begrüßten es, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich einbringen und Lösungsansätze mitentwickeln.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Coliquio.de .
 

Kommentar

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