Nach schwerem COVID-19 sinkt IQ und Gehirn altert um 20 Jahre; mRNA-Vakzin für Babys in Sicht; Zahnärzte sollen impfen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

9. Mai 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 9. Mai 2022

Das Infektionsgeschehen entwickelt sich weiter rückläufig. Mittlerweile ist die 7-Tage-Inzidenz auf 499,2 Fälle pro 100.000 Einwohner gesunken (6. Mai: 553,2). Das Robert Koch-Institut schätzt die Gefährdung durch COVID-19 für die Gesundheit der Bevölkerung nur noch als „hoch“ ein, aber nicht mehr als „sehr hoch“.

  • Bald 1. COVID-19-Vakzin für Kleinkinder ab 6 Monaten?

  • Verlängerung der Coronavirus-Impfverordnung: Zahnärzte sollen impfen

  • Gesetzesentwurf zur Triage bei COVID-19: Laufende Behandlungen abbrechen?

  • EMA: Modifizierte COVID-19-Vakzine spätestens bis September

  • US-Arzneimittelbehörde schränkt Verwendung des COVID-19-Impfstoffs von Janssen ein

  • Durch COVID-19 altert das Gehirn um 20 Jahre

  • Peginterferon Lambda als Therapie: Zulassungsantrag noch im 2. Quartal 2022?

Bald 1. COVID-19-Vakzin für Kleinkinder ab 6 Monaten?

Moderna hat bei der EMA eine Änderung der bedingten Marktzulassung für 2 Dosen seines Vakzins mRNA-1273 (Spikevax®) beantragt. Die Zulassung soll auf Kinder im Alter von 6 Monaten bis unter 6 Jahren ausgeweitet werden. Läuft alles nach Plan, wäre Spikevax® das 1. Vakzin für diesen Altersbereich.

Positive Zwischenergebnisse aus der Phase-2/3-KidCOVE-Studie zeigten laut Pressemeldung eine robuste neutralisierende Antikörperreaktion in der Altersgruppe nach einer Primärserie mit 2 Dosen. Antikörpertiter bei Probanden im Alter von 6 Monaten bis zu 23 Monaten und von 2 Jahren bis unter 6 Jahren seien mit Titern Erwachsener aus der COVE-Studie vergleichbar gewesen, so Moderna.

Als Wirksamkeit des Impfstoffs geben die Forscher 51% (95%-KI: 21%-69%) für Kinder im Alter von 6 Monaten bis < 2 Jahre an. In der Altersgruppe 2 Jahre bis < 6 Jahre nennt der Hersteller 37% (95%-KI: 13%-54%) – jeweils bezogen auf die Vermeidung von Infektionen mit positivem PCR-Test.

Eine vergleichbare Effektivität habe man bei Erwachsenen gegen Omikron gesehen, heißt es weiter. Auch das Verträglichkeitsprofil sei ähnlich gewesen.

Verlängerung der Coronavirus-Impfverordnung: Zahnärzte sollen impfen

Derzeit kursiert ein Entwurf zur Änderung der Coronavirus-Impfverordnung (CoronaImpfVo). Die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Künftig dürfen auch Zahnärzte gegen COVID-19 impfen und diese Leistungen abrechnen.

  • Impfzentren und mobile Impfteams erhalten weiterhin finanzielle Unterstützung vom Bund.

  • Geflüchtete aus der Ukraine erhalten in Impfzentren bzw. durch mobile Teams Schutzimpfungen gegen COVID-19, Masern, Röteln, Mumps, Diphterie und Keuchhusten.

Mit der Änderung will das Bundesgesundheitsministeriums die am 31. Mai 2022 auslaufende Verordnung bis zum 25. November 2022 zu verlängern. Spätestens 1 Jahr nach Beendigung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite tritt die CoronaImpfVo außer Kraft.

Gesetzesentwurf zur Triage bei COVID-19: Laufende Behandlungen abbrechen?

Aus Berlin kommen noch weitere Neuerungen, um sich auf neue Ausbrüche vorzubereiten. Auf Intensivstationen steigt die Zahl leerer Betten. Dennoch treibt das Bundesministerium für Gesundheit ein Gesetz zur Triage bei COVID-19 voran; mehreren Medien liegt der neue Entwurf vor. Der Druck, aktiv zu werden, ist auf einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von Ende Dezember 2021 zurückzuführen.

In dem neuen Vorschlag heißt es unter anderem: „Bei bereits zugeteilten pandemiebedingt nicht ausreichend vorhandenen überlebenswichtigen intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten ist eine Zuteilungsentscheidung (…) von drei mehrjährigen intensivmedizinisch erfahrenen praktizierenden (…) Fachärzten mit der Zusatzausbildung Intensivmedizin einvernehmlich zu treffen, die den Patienten (…) unabhängig voneinander begutachtet haben.“

Das bedeutet: Bei knappen intensivmedizinischen Ressourcen soll es künftig möglich sein, eine bereits begonnene Behandlung zugunsten eines Patienten mit höherer Überlebenschance abzubrechen. Fachliche Stellungnahmen zur Formulierung werden in Kürze erwartet.

EMA: Modifizierte COVID-19-Vakzine spätestens bis September

Neues gibt es auch von der Impfstoffentwicklung zu berichten. „Wir sollten uns auf das Auftreten von neuen SARS-CoV-2-Varianten und einem möglichen Anstieg der Fallzahlen im kommenden Winter vorbereiten“, sagt Dr. Marco Cavaleri, EMA-Direktor für Impfstrategien. Dazu gehöre auch die Entwicklung von Varianten-Impfstoffen. Die besten Chancen räumt er mRNA-Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna ein. Es gehe aber darum, alle 5 in der EU zugelassenen Impfstoffe zu modifizieren, so Cavaleri. „Unsere Priorität ist es, dass adaptierte Vakzine möglicherweise bis spätestens September zugelassen sind.“

US-Arzneimittelbehörde schränkt Verwendung des COVID-19-Impfstoffs von Janssen ein

Der COVID-19-Impfstoff von Janssen erhielt am 27. Februar 2021 eine Notfallzulassung der US Food and Drug Administration (FDA). Bald darauf meldeten Ärzte die ersten 6 Fälle mit Vakzin-induzierter immunthrombotischer Thrombozytopenie (VITT), auch Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) genannt. Das höhere Risiko bis zum Zeitraum von etwa 2 Wochen nach der Impfung rechtfertige die Einschränkung der Zulassung, schreibt die FDA. Sie nennt als Melderate 3,23 TTS-Fälle und 0,48 TTS-Todesfälle pro 1 Million verabreichter Impfstoffdosen.

Deshalb beschränkt die FDA den Einsatz auf Personen ab 18 Jahren, für die andere zugelassene COVID-19-Impfstoffe nicht verfügbar oder klinisch nicht geeignet sind sowie auf Personen ab 18 Jahren, die sich für den Janssen-COVID-19-Impfstoff entscheiden, weil sie andernfalls nicht geimpft würden.

Durch COVID-19 altert das Gehirn um 20 Jahre

Beeinträchtigungen als Folge von schwerem COVID-19 führen zu kognitiven Leistungen, wie sie für Menschen zwischen 50 und 70 Jahren typisch sind. Dabei kam es zu einem Verlust von durchschnittlich 10 IQ-Punkten, so die Ergebnisse einer neuen Studie.

Forscher analysierten Daten von 46 COVID-19-Patienten, die im Addenbrooke's Hospital, Cambridge, England, auf einer Normal- oder Intensivstation behandelt worden waren. Alle Teilnehmer wurden zwischen März und Juli 2020 aufgenommen; 16 wurden während ihres Krankenhausaufenthaltes mechanisch beatmet.

Rund 6 Monate nach der akuten Erkrankung folgten detaillierte computergestützten kognitiven Tests, um Gedächtnis, Aufmerksamkeit und logisches Denken zu messen. Es wurden auch Scores eingesetzt, die Angst, Depression und posttraumatische Belastungsstörung quantifizieren. Alle Daten wurden mit Kontrollen verglichen.

COVID-19-Überlebende waren bei den Tests weniger genau und hatten langsamere Reaktionszeiten als die entsprechende Kontrollpopulation – und diese Defizite waren immer noch nachweisbar, als Patienten 6 Monate später nachuntersucht wurden. Die Auswirkungen waren am stärksten für Personen, die eine mechanische Beatmung benötigt hatten. Aufgrund eines Vergleichs mit 66.008 Kontrollpersonen aus der Bevölkerung schätzen die Forscher, dass das Ausmaß des kognitiven Verlusts im Durchschnitt 20 Lebensjahren entspricht, bei einem Verlust von 10 IQ-Punkten.

Überlebende erzielten besonders schlechte Ergebnisse bei Aufgaben wie dem verbalen Analogieschluss. Sie zeigten auch langsamere Verarbeitungsgeschwindigkeiten, was mit früheren Beobachtungen nach COVID-19 über einen verringerten Glukoseverbrauch im frontoparietalen Netzwerks des Gehirns übereinstimmt: einer Region, die unter anderem für Aufmerksamkeit, komplexe Problemlösung und Arbeitsgedächtnis verantwortlich ist.

Um ihre Beobachtungen zu erklären, führen die Autoren mehrere Hypothesen an: Eine direkte Virusinfektion sei zwar denkbar, schreiben sie, aber wahrscheinlich keine Hauptursache. Stattdessen halten sie es für wahrscheinlicher, dass eine Kombination von Faktoren dazu beitrage, einschließlich unzureichender Sauerstoff- oder Blutversorgung des Gehirns, Blockierung großer oder kleiner Blutgefäße aufgrund von Blutgerinnseln sowie mikroskopischer Blutungen. Systemische Entzündungsreaktion kämen ebenfalls infrage.

Peginterferon Lambda als Therapie: Zulassungsantrag noch im 2. Quartal 2022?

Eiger BioPharmaceuticals berichtet in einer Pressemeldung über Peginterferon Lambda zur Therapie von COVID-19. Aufgrund von Ergebnissen der Phase-3-Studie TOGETHER mit mehr als 1.900 Personen soll eine Notfallzulassung bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) beantragt werden.

Eine Einzeldosis Peginterferon Lambda verringerte laut Meldung das Risiko von Krankenhausaufenthalten oder Behandlungen in der Notaufnahme um 50% in einer überwiegend geimpften Population.

Das Präparat stimuliert Immunantworten, welche für die angeborene Abwehr entscheidend sind, mit einem Wirkmechanismus, der wahrscheinlich durch Varianten wie Omikron nicht ausgehebelt wird.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....