Was lief falsch bei Corona-Impfkampagnen? Studie zeigt auf, wie Botschaften in Zielgruppen besser ankommen würden  

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

4. Mai 2022

In der Sache einig, inhaltlich aber durchaus verschieden – das sollten Kampagnen zur Corona-Impfung innerhalb der EU beherzigen. Denn Forscher fanden in einer europaweiten Umfrage erhebliche Diskrepanzen zwischen Verweigerern und ihren Reaktionen auf Impfbotschaften [1]. Sie raten daher, die Strategie nicht nur auf jedes einzelne Land, sondern auch auf bestimmte Bevölkerungsgruppen maßzuschneidern.

Die Unwilligkeit, sich impfen zu lassen, torpediert den Kampf gegen die Corona-Pandemie. Zur Gegenwehr hat die Europäische Kommission die Mitgliedstaaten aufgerufen, koordiniert „bewährte Verfahren gegen die Impfmüdigkeit auszutauschen“.

Dem widerspricht die Studie eines Teams um Prof. Dr. Janina Isabell Steinert, die als Expertin für Globale Gesundheit und Entwicklungsökonomie an der Technischen Universität München tätig ist: „Selbst in Ländern, die geografisch nahe beieinander liegen und sich kulturell ähneln, bestehen erhebliche Unterschiede in der Einstellung zur Corona-Impfung und der Reaktion auf Kampagnen.“ Überraschend war, dass Aussagen, die in einem Land psychologische Barrieren abbauen, sie in einem anderen sogar verstärken.

Besonderheiten der Corona-Pandemie

Schon vor der Pandemie habe die WHO das Nein zu Impfungen unter die 10 größten Gesundheitsgefahren eingereiht. Zwar wurden bereits Hemmnisse ermittelt, etwa gegen die Grippe-Impfung, doch seien sie nicht ohne weiteres übertragbar. Denn die jetzige Situation zeichne sich durch Besonderheiten aus, schreiben die Autoren.

So provozierte Corona einen intensiven öffentlichen Diskurs und verursachte massive sozioökonomische Verluste, was möglicherweise bei vielen Menschen ein Gefühl der Bedrohung erzeugte und sie in die Impfzentren trieb. Umgekehrt könnte die rasante und zeitversetzte Entwicklung unterschiedlicher Impfstoffe in mehreren Ländern Verwirrung und Misstrauen gegen Qualität und Sicherheit ausgelöst und folglich für Widerstand gesorgt haben.

In welcher Ideenwelt leben Verweigerer?

Für den Erfolg von Impfkampagnen – ob zur Auffrischung oder gegen Virusvarianten bei COVID-19 oder für künftige Pandemien – ist es unumgänglich, Verweigerer zu verstehen. Daher haben die Autoren insgesamt rund 10.000 ungeimpfte Erwachsene online befragt und zudem ihre Reaktionen auf Botschaften getestet, die sie umstimmen könnten.

Die Teilnehmer stammten aus 8 europäischen Ländern: Bulgarien, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Spanien, Schweden und Großbritannien. Sie waren dem Datenspeicher des Umfrageunternehmens Respondi so entnommen, dass Geschlecht, Alter, Bildung und Region mit den Quoten von Volkszählungen übereinstimmten. Einfluss auf die Ergebnisse hatten die Termine: in Deutschland im April 2021, sonst im Juni 2021.

Die Werte wichen um das 10-Fache voneinander ab

Die Häufigkeit der zögerlichen Haltung divergierte stark: Die Spannweite reichte von gut 6% in Spanien bis 62% in Bulgarien. Deutschland lag mit rund 20% im oberen Mittelfeld.

Im 1. Schritt eruierten die Forscher die Merkmale der Impfgegner. Als relevante Faktoren erwiesen sich:

Geschlecht: Außer in Schweden und Spanien äußerten sich Frauen gegen die Impfung abweisender als Männer. „Könnte das an Bedenken wegen einer möglichen Schwangerschaft liegen?“, überlegten Steinert und ihr Team. Das schien jedoch nicht der Fall zu sein: Mit Ausnahme von Deutschland fanden sie keinen größeren Unterschied zwischen Frauen und Männern im reproduktiven Alter, also jünger als 35 Jahre, im Vergleich zu jenen über 45.

Als Ursachen vermuten sie daher: Frauen vertrauen eventuell auf ihre geringeren Sterberaten bei COVID-19, haben größere Bedenken wegen unerwünschter Wirkungen und sind weniger risikobereit.

Alter: Außer in Bulgarien und Deutschland zeigten sich Ältere signifikant öfter zurückhaltend als Jüngere. Als Erklärung für den Gegentrend in Deutschland vermutet das Forschungsteam, dass Menschen ab 65 Jahre zu dem früheren Zeitpunkt im April 2021 vorrangig einen Impftermin erhielten.

Bildung: In 5 Ländern ging die Verweigerung deutlich mit einem niedrigeren Bildungsniveau einher. In Deutschland beispielsweise lehnten 45% der Teilnehmer ohne Sekundarschulabschluss die Impfung ab, aber nur 16% derjenigen mit Hochschullaufbahn.

Berufstätigkeit: In Spanien und Schweden waren Berufstätige signifikant zögerlicher als Nicht-Beschäftigte, während es in den übrigen Ländern kaum Unterschiede gab.

Aus diesen Erkenntnissen ziehen die Wissenschaftler eine plausible Konsequenz: „Die Gesundheitskommunikation sollte spezifisch jene Gruppen mit höherer Impfabneigung ansprechen, darunter Frauen, Berufstätige oder sozial Benachteiligte.“

 
Die Gesundheitskommunikation sollte spezifisch jene Gruppen mit höherer Impfabneigung ansprechen, darunter Frauen, Berufstätige oder sozial Benachteiligte Prof. Dr. Janina Isabell Steinert und Kollegen
 

Die Impfgegner konnten ihre Gründe erklären

Darüber hinaus haben Steinert und Mitarbeiter die Motive ausgeleuchtet, was sie als Innovation der Studie hervorheben. Dazu hatten sie die Teilnehmer aufgefordert, in einem Textfeld mit eigenen Worten Stellung zu nehmen (siehe Info-Kasten 1).

Im 2. Schritt teilten sie die Befragten randomisiert in Gruppen ein. Außer der Kontrollgruppe, die ohne Infos blieb, präsentierten sie den anderen je eine von 4 Botschaften, die unterschiedliche Vorteile in Aussicht stellten:

1. Senkung des Risikos: Die Impfstoffe beugen Infektionen vor, besonders auch schweren Verläufen und Todesfällen.

2. Impfausweis: Er ist Türöffner zu einer Fülle von Möglichkeiten, zumal für Reisen.

3. Hedonistischer Aspekt: Bei breiter Immunisierung fallen alle Beschränkungen weg, das öffentliche Leben kehrt zur Normalität zurück, mit Besuch von Restaurants, Theater, Bars, Fitnessstudios.

4. Altruistischer Nutzen (nur in Deutschland): Geimpfte tragen dazu bei, Gruppen zu schützen, für die COVID-19-Impfstoffe im Frühjahr 2021 noch nicht zugelassen waren, wie schwangere Frauen und Kinder.

Anschließend sollten die Teilnehmer Auskunft geben, ob sie sich in der nächsten Woche impfen lassen würden. 4 Antworten standen zur Auswahl: „auf jeden Fall“, „nur mit bestimmten Impfstoffen“, „noch unentschlossen“ oder „auf keinen Fall“.

Altruismus scheint wenig attraktiv

In Deutschland zeigten die Botschaften zu Risikominderung, Impfzertifikat und hedonistischem Nutzen eine signifikante Wirkung. Gerade die Chance, seltener zu erkranken, steigerte die Impfbereitschaft um das 1,5-Fache, also um 6 Prozentpunkte statt der 27% in der Kontrollgruppe.

Allein die altruistische Botschaft animierte nicht vermehrt zur Impfung, so dass die Forscher sie wegen Budgetbeschränkungen in den verbleibenden 7 Ländern ausschlossen.

Auch Befragte aus Großbritannien wechselten ihre Überzeugung, allerdings nur durch die Botschaft mit dem Impfzertifikat. Nirgends sonst verfing eines der 3 Argumente, ganz im Gegenteil, in einigen Ländern verstärkten sie doch tatsächlich die Voreingenommenheit, in Spanien und Italien sogar signifikant, besonders die Information zur Risikominimierung, und zwar um 8 bzw. 6 Prozentpunkte im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Influencer könnten sich als Vorbilder eignen

Mit maschinellem Lernen analysierten die Forscher, welche individuellen und vorab bekannten länderspezifischen Merkmale zum heterogenen Effekt der Aussagen beitrugen. Beispiele für Ergebnisse:

Vertrauen in die Regierung: In Schweden und Deutschland förderte dies die Impfbereitschaft. „Da Vertrauen in die Regierung stark mit allgemeinem Vertrauen korreliert ist, profitiert Gesundheitswerbung möglicherweise von der Seriosität ihres Absenders. Daher könnte es sich lohnen, Meinungsführer abgestimmt auf die Zielgruppe in Impfkampagnen einzubinden“, so die Autoren.

Alter: Ältere ließen sich durchweg kaum zu einer Änderung ihrer Ansichten bewegen.

Gesundheitskompetenz: In Ländern, wo das Wissen gering ist, richtete keine der Botschaften etwas aus. Einen Weg sehen die Forscher darin, den medizinischen Nutzen der Impfung auf leicht verständliche Weise zu erklären und langfristig die Gesundheitserziehung zu verbessern.

Fehlinformation: In Ländern wie Bulgarien, Polen und Italien, wo Verschwörungstheorien besonders kursieren, treffen die Versprechen von Risikoreduktion und hedonistischer Lebensweise auf taube Ohren.

Solche Negativeffekte können sich gegenseitig verstärken: Teilnehmer über 45, die in einem Land mit Ausgangssperre und starker Verbreitung von Fake-News leben, waren zu 40% weniger zur Impfung bereit, nachdem sie die Botschaft zur Risikoreduktion gelesen hatten.

Geld oder ein kleines Geschenk als Anreiz

Der Vorschlag, den Steinert und ihre Kollegen daraus ableiten: In diesen Milieus sind Kampagnen wenig geeignet, die sich ausschließlich auf Informationen stützen. Helfen würden aber womöglich Anreize wie monetäre oder sonstige Belohnungen, Einschränkungen für nicht Geimpfte und als Ultima Ratio die Impfpflicht.

Noch einen weiteren Tipp haben sie parat: Menschen gehen offenbar eher zur Impfung, wenn sie sich selbst ein Vakzin aus einer ganzen Palette aussuchen dürfen (siehe Info-Kasten „Präferenz für Impfstoffe“).

Ihr Fazit: „Regierungen und Gesundheitsbeamte sollten nicht auf einheitliche Kommunikation bauen, sondern die Eigenheiten jeden Landes berücksichtigen.“

Die Studie gehört zum Projekt „PERISCOPE – Pan-europäische Antwort auf die Auswirkungen von Covid-19 sowie zukünftige Epidemien und Pandemien“, das von der EU mit 10 Millionen Euro gefördert wird. 32 Partnerinstitutionen aus 15 europäischen Ländern untersuchen hier die sozialen politischen und ökonomischen Auswirkungen der Pandemie.

Gründe für Impfverweigerung

Am häufigsten gaben die Befragten Angst vor Nebenwirkungen an, und zwar 22% in Spanien und bis zu 41% in Italien. Viele befürchteten auch langfristige Gesundheitsschäden und verwiesen auf den Mangel an wissenschaftlicher Evidenz. Einige bezeichneten die Impfstoffe sogar als „Gift“ und witterten in ihnen eine tödliche Gefahr.

Andere betrachteten bereits bestehende (chronische) Erkrankungen oder Allergien als Hindernis, wieder andere waren besorgt wegen „genetischer Veränderungen“ durch mRNA-Impfstoffe oder Blutgerinnsel durch das AstraZeneca-Vakzin. Manche glaubten, ihnen drohe Unfruchtbarkeit oder ein noch ungeborenes Kind werde geschädigt.

Mehrere Befragte stellten die Impfkampagne als großangelegtes Humanexperiment dar („Wir sind alle nur Versuchskaninchen“) oder misstrauten den Impfstoffen wegen des Tempos, in dem sie auf den Markt geworfen worden waren. Einige Teilnehmer zweifelten an der Qualität und Wirksamkeit, zumal gegen neuere Virusvarianten.

Daraus schließen die Forscher auf eine Gegenmaßnahme: Aufklärung über die strengen und umfassenden Tests der Impfstoffe sowie über Prävalenz, Vorbeugung und Behandlung möglicher Nebenwirkungen.

Weiterhin wurde die Bedrohung durch COVID-19 und folglich die Notwendigkeit einer Impfung bestritten. Viele betonten mit Verweis auf ihre gute Gesundheit, dass ihr Immunsystem in der Lage sei, das Virus abzuwehren. Andere hielten ihr Ansteckungsrisiko für gering, weil sie kaum Kontakt zu anderen Menschen hätten oder wenig unterwegs seien. Ein Teil tat COVID-19 einfach als „eine Art Grippe“ ab oder leugnete seine Existenz ganz und gar.

Die Forscher kommentieren: Kampagnen müssten immer wieder die Gefahr durch Corona einschließlich Long-COVID und anderer Schäden herausstreichen.

Skepsis gegen Regierung, Pharmaunternehmen oder „Eliten“ spielte ebenfalls eine Rolle. Wiederholt wurde angegeben, der primäre Zweck seien die Gewinne der Pharma-Industrie oder die Impfung fungiere als Mittel der staatlichen Kontrolle. Einige Teilnehmer sympathisierten mit Verschwörungstheorien.

 

Präferenz für Impfstoffe

 

„Wären Sie zur Impfung bereit, wenn Sie einen bestimmten Impfstoff wählen könnten?“ war eine der Fragen gewesen. Teilnehmer, die dem zugestimmt hatten, wurden um nähere Angaben gebeten. Resultat: Flächendeckend war die Zustimmung zum Impfstoff von BioNTech/Pfizer am höchsten, sie lag bei 57% der Befragten in Polen bis 93% in Deutschland.

Generell war die Akzeptanz der mRNA-Impfstoffe besser als die der viralen Vektorimpfstoffe, wobei gerade derjenige von AstraZeneca bemerkenswert kontrovers gesehen wurde. Im Herstellerland Großbritannien würde sich ein Drittel dafür entscheiden, in Deutschland und Italien dagegen weniger als 5%. 

 

 

MEHR

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....