Periprothetische Gelenkinfektionen: Kein höheres Risiko durch kieferchirurgische Eingriffe

Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Interessenkonflikte

19. Mai 2022

Patienten mit künstlichem Gelenk benötigen bei kieferchirurgischen Eingriffen nicht generell eine Antibiotika-Prophylaxe mit dem Ziel, das Risiko für periprothetische Infektionen zu senken. Das ist die Schlussfolgerung aus einer großen britischen Kohortenstudie [1]

Infektionen als seltene, aber gefürchtete Komplikationen

Zum Hintergrund: Periprothetische Gelenkinfektionen, also Infektionen des periimplantären Gewebes eines Kunstgelenks, sind vergleichsweise seltene, aber gefürchtete Komplikationen, da sie unter Umständen eine operative Revision erfordern und mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert sind. Die Frage, ob bei zahnmedizinischen und kieferchirurgischen Eingriffen eine Antibiotika-Prophylaxe erforderlich ist, um periprothetische Spätinfektionen (> 3 Monate nach Implantation) zu verhindern, wird international kontrovers diskutiert. Ein britisches Forscherteam hat diese Frage in einer großen Kohortenstudie untersucht.

Design der Studie

Studienbasis waren Daten des britischen National Health Service. Die Forscher selektierten Daten zu Fällen mit stationärer Therapien wegen später periprothetischer Gelenkinfektion (LPJI) in Kombination mit Daten zu Zahn- oder Kieferbehandlungen. Zwischen Dezember 2011 und März 2017 fanden sie 9.427 Patienten mit späten periprothetischen Gelenkinfektionen.

Ziel der Studie war, herauszufinden, ob ein zeitlicher Zusammenhang mit Zahn- oder Kieferbehandlungen besteht. Bei zahnmedizinischen Behandlungen innerhalb von 3 Monaten vor der LPJI wurde dies für möglich gehalten; bei Zahn- und Kieferbehandlungen bis zu 12 Monaten vor der LPJI galt eine Kausalität als unwahrscheinlich (Kontrollgruppe). Es erfolgte keine Antibiotikaprophylaxe wegen der Endoprothesen.

Keine Assoziation mit erhöhten Risiken 

Das durchschnittliche Alter der 9.427 Patienten mit LPJI betrug 67,8 Jahre. 25,3% hatten eine Hüftendoprothese, 33,6% eine Knieendoprothese und bei den übrigen war die Art des Gelenkersatzes unbekannt.

Es gab keine signifikante zeitliche Assoziation zwischen einem zahnmedizinischen oder kieferchirurgischen Eingriff und LPJI.

Die Inzidenz der Zahnbehandlungen war sogar im Zeitraum bis zu 3 Monaten vor stationärer Aufnahme wegen LPJI etwas niedriger als in der Kontrollgruppe mit Zahnbehandlungen in größerem Abstand zu LPJI (bis zu 1 Jahr; Rate Ratio: 0,89; p=0,002).

Lediglich 9,4 % der späten periprothetischen Gelenkinfektionen waren auf orale Streptokokken zurückzuführen. 53,3% wurden durch Staphylokokken verursacht, knapp 20 % durch andere Bakterien und 12,5% waren gemischte Infektionen.

Plädoyer gegen die prophylaktische Gabe von Antibiotika

Die Autoren interpretieren ihre Daten in dem Sinne, dass eine Antibiotikaprophylaxe bei blutigen Eingriffen in der Mundhöhle zum Schutz der Endoprothesen nicht sinnvoll sei. Tägliche Mundhygiene habe vermutlich einen deutlich größeren Einfluss auf periprothetische Spätinfektionen durch Dentalkeime als zahnmedizinische Eingriffe.

In einer Handlungsempfehlung hatte die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik – trotz fehlender Evidenzlage – bei Prothesen mit kurzer Standzeit (unter 2 Jahren) und bei invasiven zahnmedizinischen Eingriffen die 1-malige Gabe von Amoxicillin p.o. empfohlen. Die Substanzwahl orientiere sich an der gut etablierten und breit akzeptierten Endokarditisprophylaxe, wofür Amoxicilin zugelassen ist. Es habe aber kein Antibiotikum die Zulassung für die Behandlung oder Prophylaxe von Gelenkprotheseninfektionen. Somit handele es sich hierbei um einen „Off-Label-Use“, und der verschreibende Arzt habe die alleinige Verantwortung für die Verabreichung und hafte im Falle einer Gefährdung des Patienten. Die aktuelle britische Studie könne ihre Schlussfolgerung, eine Antibiotikaprophylaxe sei nicht rational, nicht beweisen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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