Vorbild Bremen: So kann man die Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden verbessern und günstiger gestalten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

27. April 2022

Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) und die AOK Bremen/Bremerhaven wollen mit dem Innovationsfonds-Projekt IP-Wunde die Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden in Bremen verbessern und kostengünstiger machen. 

Der konkreten Ziele des Projekts sind: 

  • Reduktion der Wundgröße, Verbesserungen bei wundbedingtem Schmerz, Reduktion wundbedingter Komplikationen, Dauer bis Abschluss gesicherter Diagnose und Therapieplan;

  • Zufriedenheit mit Versorgungsprozess und subjektive Lebensqualität seitens der Patienten;

  • Kostenreduktion für Verbandsmittel und stationäre Aufenthalte ohne Anstieg der Gesamtversorgungskosten.

Um diese Ziele zu erreichen, sollen Primärversorger (zum Beispiel Hausärzte, Chirurgen, Diabetologen oder Hautärzte) ihre Patientinnen und Patienten mit chronischen Wunden an spezialisierte Wundpraxen überweisen können und im Rahmen des Projektes IP-Wunde fachübergreifend und abgestimmt mit ihnen über IVPnet IP-Wunde kommunizieren und kooperieren (IP-Wunde – Infrastruktur und Prozesse für optimierte Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden – dezentral und regelversorgungsnah in Bremen). 

Geplant sind 6 auf das Land Bremen verteilte spezialisierte Wundpraxen, die über die Erfahrung, das Personal und die Praxisräume verfügen, um diese spezielle Patientengruppe zu versorgen, und 350 Primärversorger, die zusammen 1.500 Wund-Patientinnen und Patienten in das Projekt einbringen.

48% der Kosten, um Wundpatienten zu versorgen, werden für Verbandmittel ausgegeben und nur 3% für die Arzthonorare

Das Problem ist erheblich: In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Menschen mit chronischen Wunden: mit Ulcus cruris, dem diabetischen Fußsyndrom, der arteriellen Verschlusskrankheit und Dekubitus – um nur die häufigsten zu nennen. In Bremen wurden 2016 nach Auskunft der AOK Bremen/Bremerhaven 366 AOK-versicherte Patienten allein stationär wegen ihrer chronischen Wunden behandelt.

Die Versorgung erfolgt bei verschiedenen Ärztegruppen mit geringen Fallzahlen und wenig Spezialisierung; manchen Praxen und Pflegediensten fehlen die passenden Räume oder die Ausstattung und Ablauforganisation, um chronische Wunden zu behandeln. Zugleich zeigen nicht wenige Patienten eine geringe Therapieadhärenz, so die KVHB.

Die Fallkosten sind hoch. Insgesamt gab die AOK Bremen/Bremerhaven im Jahr 2016 rund 2,5 Millionen Euro für die Wundversorgung ihrer Versicherten aus, allen voran für die Patienten mit Dekubitus und Diabetes. 44% davon zahlte die Kasse für stationäre Kosten, den Löwenanteil von 48% für Verbandsmittel und nur 4% an Pflegehonoraren sowie nur 3% an ärztlichen Honoraren.

In vielen Fällen muss die Behandlung von chronischen Wunden transparenter und besser koordiniert werden, sagt Christoph Fox, Sprecher der KV Bremen. „In der Versorgungsrealität fehlt es oft an klarer Ursachen- und Zielorientierung, systematischer Berücksichtigung leitliniengerechter Versorgung, transparenter Dokumentation und Standardisierung der Datensätze sowie ausreichender Kommunikation und Koordination zwischen den Akteuren. Patientenorientierung, -kompetenz und -partizipation sind zu wenig ausgeprägt“, so Fox. 

Das sieht auch Hubert Forster so, Krankenpfleger am Bremer Klinikum Links der Weser (LdW) und Wundfachmann. „Meistens kommt es erst viel zu spät zu einer fachgerechten Wunddiagnostik, die auch die Grunderkrankung ins Auge fasst, zum Beispiel Diabetes oder Venenschwäche“, sagt Forster zu Medscape. „Viele Wund-Patientinnen und -Patienten sind ja alt und leiden entsprechend unter mehreren Grunderkrankungen.“ 

Die Therapie der Grunderkrankung und der Wunden seien oft unkoordiniert. Die hausärztliche Perspektive versinke oft im Trubel des Versorgungsalltags. Zudem fehle es vielerorts an Know-how, was die modernen Verbandsmittel angeht.

 
Meistens kommt es erst viel zu spät zu einer fachgerechten Wunddiagnostik, die auch die Grunderkrankung ins Auge fasst. Hubert Forster
 

„Wundversorgung ist nicht sexy“

Auch Fachleute würden zu spät eingeschaltet. Doch sie sind rar. „Wundversorgung ist oft nicht gerade sexy, nicht unbedingt attraktiv“, sagt Forster. Spezialisierte Medizinische Fachangestellte, Schwestern oder Hausärztinnen und -ärzte bräuchten eigentlich „Anlaufpunkte, an denen Zeit und Interesse für die Wundversorgung besteht“, so Forster. 

 
Wundversorgung ist oft nicht gerade sexy, nicht unbedingt attraktiv. Hubert Forster
 

Die Konsequenzen der Unter- und Fehlversorgung seien relevant, erklärt Fox: 

  • eine zu lange Anschlusszeit bis zur fachärztlichen Behandlung von im Durchschnitt 3,5 Jahren, 

  • hohe Fallkosten in Höhe von rund 10.000 Euro pro Patient und Jahr sowie 

  • zum Teil erhebliche Komplikationen.

In diesem Marktumfeld hätten sich inzwischen Strukturen einer Reihe „institutioneller Anbieter“ etabliert, so Fox, zum Beispiel verschiedene „Home Carer“, Hersteller etwa von Verbandsmitteln oder verschiedene Sanitätshäuser und so weiter. Sie böten (Haus-) Ärztinnen und -Ärzten Unterstützung an, zum Beispiel bei der Wunddokumentation, durch eine Produkt- und Anwendungsberatung oder eine Beratung zu Verbandswechseln. Sie behandeln die Patienten zuhause.

„Oft werden solche Services aus Margen im Produktverkauf von Verbandmitteln und somit über Absatzmengen finanziert“, gibt Fox zu bedenken: „Es resultieren Interessenkonflikte hinsichtlich eines kosten- und mengenbewussten Einsatzes von Verbandmitteln und anderer heilungsverkürzender Maßnahmen.“ 

 
Oft werden solche Services aus Margen im Produktverkauf von Verbandmitteln und somit über Absatzmengen finanziert. Christoph Fox
 

Die Bremer Initiative will nun die Versorgung chronischer Wunden wieder zurück in die Praxen holen. Denn die Ärzte und medizinischen Fachangestellten (MFA) in den Praxen haben nicht die Interessenkonflikte, wie etwa Home-Care-Unternehmen sie haben können.

Die Bremer Initiatoren wünschen sich, mit ihrem Projekt Fehlanreize im Markt zu durchbrechen und Alternativen bereitzustellen, was idealerweise auch „in einen kostenbewussteren Einsatz von Wundmaterialien und somit einer Verbesserung der Wirtschaftlichkeit mündet“, so die KV Bremen.

 

Kommentar

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