Long-COVID bei fast jedem 3. Patienten; WHO-Empfehlungen zu Virustatika; wie Booster Shots das Immunsystem verändern

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

25. April 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 25. April 2022

Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz sinkt unter die Schwelle von 800 Fällen pro 100.000 Einwohner. Heute meldet das Robert Koch-Institut (RKI) 790,8. Am Vortag lag der Wert noch bei 807,0, und vor 1 Woche bei 808,8.

Innerhalb der letzten 24 Stunden haben sich weitere 20.084 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert (Vortag 39.179, Vorwoche 20.482). Weitere 6 Menschen sind in Zusammenhang mit COVID-19 gestorben. Damit erhöht sich die Gesamtzahl auf bundesweit 134.185 Corona-Tote. 

Laut DIVI-Intensivregister waren am 24. April genau 1.571 COVID-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 43 weniger als am Vortag. Momentan sind 1.065 Betten im Low-Care- und 2.345 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 500 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Knapp jeder 3. COVID-Patient entwickelt Long-COVID

  • UK-Biobank-Studie: Gehirnveränderungen durch COVID-19

  • WHO: Wer profitiert von Nirmatrelvir/Ritonavir oder von Remdesivir?

  • Nach COVID-19 über Monate erhöhtes Risiko für Thrombosen und Lungenembolien

  • Breite Immunantwort nach mRNA-Booster: Forscher finden mögliche Erklärung

Knapp jeder 3. COVID-Patient entwickelt Long-COVID

Etwa 30% aller COVID-19-Patienten entwickelten Long COVID berichten UCLA-Forscher in einer im Journal of General Internal Medicine veröffentlichten Studie. Darüber hat Medscape.com berichtet.

Die Wissenschaftler untersuchten 1.038 Personen, die zwischen April 2020 und Februar 2021 im UCLA COVID Ambulatory Program eingeschrieben waren. Sie fanden heraus, dass 309 von ihnen Long-COVID entwickelten.

Eine solche Diagnose wurde gestellt, wenn ein Patient 60-90 Tage nach seiner Infektion oder nach seiner Krankenhauseinweisung über anhaltende Symptome berichtete. Darunter waren Müdigkeit (31%) und Kurzatmigkeit (15%) bei stationären Teilnehmern. 16% der ambulanten Patienten gaben an, den Geruchssinn verloren zu haben.

Die Ergebnisse der Studie unterscheiden sich von früheren Untersuchungen. Die University of California-Davis schätzte beispielsweise, dass 10% der COVID-19-Patienten Langzeitsymptome entwickeln. Und eine Studie der Penn State University aus dem Jahr 2021 ergab, dass dies sogar auf die Hälfte aller Infizierten zutrifft. 

Ein Teil der Diskrepanz kann auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass es keine offizielle, weithin akzeptierte Definition von Long-COVID gibt. Die CDC schreibt, dass es sich um Patienten handele, die „neue, wiederkehrende oder anhaltende Gesundheitsprobleme 4 oder mehr Wochen nach einer Erstinfektion“ mit dem Coronavirus haben. 

Die UCLA-Studie umfasste jedoch Patienten, die 60 bis 90 Tage nach der Infektion noch Symptome hatten. Hier zeigten sich auch bestimmte Risikofaktoren: Menschen mit stationärer COVID-19-Therapie, mit Diabetes oder mit einem höheren Body-Mass-Index entwickelten am ehesten Long-COVID. Die Art der Krankenversicherung, die Patienten hatten, schien ebenfalls ein Faktor zu sein, obwohl die Forscher keinen Grund angeben können.

Ein höheres Alter und der sozioökonomische Status waren in der Studie nicht mit Long- COVID assoziiert – eine Überraschung, da diese Merkmale oft mit schwerem COVID-19 und einem höheren Todesrisiko verbunden seien, schreiben die Forscher.

Zu den Schwächen der Studie gehören die subjektive Art, wie Patienten ihre Symptome bewerteten, nämlich per Fragebogen, und die begrenzte Anzahl der Symptome, die man ankreuzen konnte.

UK-Biobank-Studie: Gehirnveränderungen durch COVID-19

Seit Beginn der Pandemie häufen sich Hinweise auf Gehirnveränderungen durch schweres COVID-19. Es ist jedoch noch nicht bekannt, ob milde Erkrankungen ähnliche Effekte zeigen – und was genau im Gehirn passiert.

Deshalb haben Forschende Veränderungen bei 785 Teilnehmern im Alter von 51-81 Jahren untersucht. Sie sind Teilnehmer der der UK Biobank-Studie. Alle Personen wurden 2-mal per Magnetresonanztomographie untersucht.

In der Kohorte waren 401 Fälle, die zwischen beiden Untersuchungen positiv auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 getestet wurden, wobei im Durchschnitt 141 Tage zwischen der Diagnose und der 2. Untersuchung lagen, sowie 384 Kontrollen. Die Verfügbarkeit von Bildgebungsdaten aus der Zeit vor der Infektion verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sonstige Risikofaktoren als Folgen von COVID-19 fehlinterpretiert worden sind. 

Beim Vergleich beider Gruppen zeigten sich verschiedene signifikante Unterschiede:

  • eine stärkere Verringerung der Dicke der grauen Substanz und des Gewebekontrasts im orbitofrontalen Kortex und im parahippocampalen Gyrus

  • stärkere Veränderungen der Marker für Gewebeschäden in Regionen, die funktionell mit dem primären olfaktorischen Kortex verbunden sind

  • eine stärkere Verringerung der Gesamtgröße des Gehirns bei den SARS-CoV-2-Fällen

  • einen stärkeren kognitiven Rückgang zwischen beiden Zeitpunkten als bei Kontrollen

„Ergebnisse der Bildgebung, die sich hauptsächlich auf das limbische Gehirn beziehen, könnten die In-vivo-Hinweise auf eine degenerative Ausbreitung der Krankheit über die Riechbahnen, auf neuroinflammatorische Ereignisse oder auf den Verlust des sensorischen Inputs aufgrund der Anosmie sein“, schreiben die Autoren. „Ob diese schädlichen Auswirkungen teilweise rückgängig gemacht werden können oder ob sie langfristig bestehen bleiben, muss durch weitere Nachuntersuchungen geklärt werden.“

„Diese Studien werden in wenigen Jahren wahrscheinlich sehr viele Menschen beschäftigen“, schreibt Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) auf Twitter. „COVID-Patienten leiden oft an nachhaltiger Beeinträchtigung ihrer kognitiven Leistungen und zeigen dazu passende Hirnveränderungen. Die akute Infektion geht, die chronische Krankheit beginnt.“

WHO: Wer profitiert von Nirmatrelvir/Ritonavir oder von Remdesivir?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt laut einer Pressemeldung nachdrückliche den Einsatz von Nirmatrelvir/Ritonavir (Paxlovid®) bei Patienten mit leichtem oder moderatem COVID-19 und mit hohem Risiko für eine Progression. Dazu zählen u.a. ungeimpfte, ältere oder immunsupprimierte Patienten. Die WHO rät von der Anwendung bei Patienten mit geringerem Risiko ab, da der Nutzen als vernachlässigbar eingestuft wurde.

Die neue Empfehlung stützt sich auf neue Daten aus 2 randomisierten, kontrollierten Studien mit 3.078 Patienten. Die Daten zeigen, dass das Risiko einer Krankenhauseinweisung durch diese Behandlung um 85% gesenkt wird. In einer Hochrisikogruppe (mit über 10% Hospitalisierungsrisiko) bedeutet dies in absoluten Zahlen 84 Krankenhausaufenthalte weniger pro 1000 Patienten.

Bleibt als Problem: „Die Verfügbarkeit, die fehlende Preistransparenz bei bilateralen Verträgen des Herstellers und die Notwendigkeit, vor der Verabreichung des Medikaments schnelle und genaue Tests durchzuführen, machen Therapien mit dem lebensrettenden Medikament jedoch zu einer großen Herausforderung“, schreibt die WHO.

Nirmatrelvir/Ritonavir kann nur im Frühstadium von COVID-19 verabreicht werden; eine schnelle und genaue Testung ist für den Erfolg dieser Therapie unerlässlich. Daten zeigen jedoch laut WHO, dass die durchschnittliche Testrate in Ländern mit niedrigem Einkommen nur ein Achtzigstel der Rate in Ländern mit hohem Einkommen beträgt.

Auch ist das Präparat nicht überall erhältlich. „Mangelnde Transparenz seitens des Originalherstellers erschwert es öffentlichen Gesundheitsorganisationen, sich ein genaues Bild von der Verfügbarkeit des Medikaments zu machen und zu erfahren, welche Länder an den bilateralen Verträgen beteiligt sind und was sie bezahlen“, kritisiert die WHO. „Darüber hinaus schränkt eine Lizenzvereinbarung von Pfizer mit dem Medicines Patent Pool die Zahl der Länder ein, die von der Generikaproduktion des Medikaments profitieren können.“

Derzeit gibt keine Generika aus qualitätsgesicherten Quellen. Mehrere Generikahersteller sind im Gespräch mit der WHO, brauchen aber möglicherweise noch Zeit, um die internationalen Standards zu erfüllen, damit sie das Medikament international anbieten können.

Die WHO empfiehlt daher nachdrücklich, dass Pfizer seine Preisgestaltung transparenter gestaltet und den geografischen Geltungsbereich seiner Lizenz mit dem Medicines Patent Pool ausweitet, damit das Arzneimittel schneller zu erschwinglichen Preisen verfügbar wird.

Darüber hinaus hat die WHO auch ihre Empfehlung für Remdesivir aktualisiert. Zuvor hatte sie vom Einsatz bei allen COVID-19-Patienten unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung abgeraten, da anfänglich verfügbare Daten nur geringe oder gar keine Auswirkungen auf die Mortalität zeigten.

Nach der Veröffentlichung neuer Daten aus einer klinischen Studie, in der das Ergebnis der Krankenhauseinweisung untersucht wurde, hat die WHO ihre Empfehlung aktualisiert. Sir rät zum Einsatz von Remdesivir bei leichten oder mittelschweren COVID-19-Patienten, bei denen ein hohes Risiko für eine Krankenhauseinweisung besteht.

Die Empfehlung zum Einsatz von Remdesivir bei Patienten mit schwerer oder kritischer COVID-19 wird derzeit überprüft.

Nach COVID-19 über Monate erhöhtes Risiko für Thrombosen und Lungenembolien

Das Risiko für thromboembolische Ereignisse wie tiefe Beinvenenthrombosen und Lungenembolien oder für Blutungen bleibt nach COVID-19 über Monate erhöht. Dies haben eine selbstkontrollierte Fallserie und eine gematchte Kohortenstudie aus Schweden gezeigt; Coliquio.de hat darüber berichtet.

Die Forschenden haben bei 1.057.174 Personen mit einem positiven Corona-Test zwischen 1.2.2020 und 25.5.2021 und über 4 Millionen gematchten Kontrollpersonen ohne SARS-Cov-2-Infektionen die Inzidenz von tiefen Venenthrombosen, Lungenembolien und Blutungen verglichen. Mögliche Einflussfaktoren wie Komorbiditäten, Krebs, Operationen, Langzeit-Antikoagulation, und vorangegangene Thrombosen oder Blutungen wurden berücksichtigt.

Verglichen mit der Kontrollgruppe hatten die COVID-19-Patienten über 70 Tage nach der Erkrankung ein erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien, über 110 Tage für Lungenembolien und über 60 Tage für Blutungen. In den Tagen 1 bis 30 nach der Erkrankung war das Risiko für tiefe Venenthrombosen fast um das 5-fache erhöht (RR 4,98), das Risiko für Lungenembolien um den Faktor 33 (RR 33,03) und das Risiko für Blutungen um fast 90% erhöht.

Das höchste Risiko zeigte sich bei Patienten mit einem schweren COVID-19-Verlauf. Während der ersten Coronawelle in Schweden war das Risiko deutlich höher als in den folgenden beiden Wellen. Diese erklären die Autoren durch das verbesserte therapeutische Management während der Akutphase einschließlich der routinemäßigen Thromboseprophylaxe.

Als Limitationen der Studie nennen die Autoren u.a. die Gefahr unvollständiger Datensätze im Register und die Möglichkeit der Unterdiagnose von venösen Thromboembolien bei kritisch kranken Patienten. Zudem wurde gerade in der ersten Coronawelle in Schweden relativ wenig getestet, sodass in der Kontrollgruppe auch unerkannte Corona-Fälle enthalten sein können.

Die Autoren empfehlen aufgrund ihrer Daten, nach der Rekonvaleszenz mittelfristig an thromboembolische Komplikationen zu denken und diagnostische und prophylaktische Strategien anzupassen.

Breite Immunantwort nach mRNA-Booster: Forscher finden mögliche Erklärung

Die OmiKron-Variante von SARS-CoV-2 infiziert viele geimpfte und rekonvaleszente Personen. Trotz des geringeren Schutzes vor einer Infektion waren Personen, die 3 Dosen eines mRNA-Impfstoffs erhielten, in hohem Maße vor schwerwiegenderen Folgen der Infektion geschützt, aber warum?

Jetzt haben Forscher das Repertoire an Gedächtnis-B-Zellen in einer Längsschnittkohorte untersucht. Eingeschlossen wurden Personen, die 3 mRNA-Impfstoffdosen erhalten hatten. Dabei zeigte sich, dass die 3. Dosis mit einem Anstieg und einer Evolution spezifischer Gedächtnis-B-Zellen einhergeht.

Der Anstieg ist auf die Expansion von Gedächtnis-B-Zellklonen zurückzuführen, die bereits nach der 2. Dosis vorhanden waren, sowie auf die Entstehung neuer Klone. Die von solchen Zellen produzierten Antikörper wiesen im Vergleich zu Antikörpern von Personen mit nur 2 Impfungen eine deutlich höhere Wirksamkeit und Breite auf.

Vor allem bei neu entstehenden Klonen von Gedächtniszellen, die sich von persistierenden Klonen dadurch unterscheiden, dass sie auf konserviertere Regionen der SARS-CoV-2-Rezeptorbindungsdomäne abzielen, war der Anstieg der Wirksamkeit besonders deutlich. Insgesamt neutralisierten mehr als 50% der analysierten Antikörper im Gedächtniskompartiment nach einer 3. mRNA-Impfdosis Omikron.

„Personen, die 3 Dosen eines mRNA-Impfstoffs erhalten haben, verfügen also über ein vielfältiges B-Zell-Gedächtnisrepertoire, das schnell reagieren und Antikörper produzieren kann, die selbst Varianten wie Omikron neutralisieren können“, schreiben die Autoren. „Diese Daten helfen, zu klären, warum eine 3. Dosis eines Impfstoffs, der nicht speziell zum Schutz gegen Varianten entwickelt wurde, wirksam gegen varianteninduzierte schwere Erkrankungen ist.“

 

Kommentar

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